Auszeichnung Merkel und die Metaphysik

Vor ihrer Rede verlieh die amerikanische Elite-Universität der Bundeskanzlerin die Ehrendoktorwürde.

(Foto: Brian Snyder/Reuters)

Die Kanzlerin hält in Harvard eine denkwürdige Rede.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Donnerstag an der Universität Harvard in Cambridge (Boston) eine Rede gehalten, die ihre Biografen vermutlich als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren werden. Merkel war von der renommierten Universität eingeladen worden, um den Absolventen des Jahrgangs 2019 Lebensratschläge mit auf den Weg zu geben. Sie verknüpfte dafür ihre Leidenschaft für die Wissenschaft und jene für die Politik zu einer Botschaft über die Chancen zur Weltverbesserung - und damit subtil über den politischen Stil des amtierenden Präsidenten.

Trump, der am selben Tag ebenfalls eine Rede vor Universitätsabsolventen knapp 3000 Kilometer entfernt in Colorado hielt, wurde von Merkel mit keinem Wort erwähnt. Die Kanzlerin traf ihn auch nicht während ihrer nur wenige Stunden währenden Visite in den USA. Dennoch wurden nahezu alle Aussagen aus ihrer Rede als klare Abgrenzung zu Trump verstanden und von den etwa 20 000 Zuhörern mit Beifallsstürmen quittiert.

Merkel sprach über die Grundsätze allen politischen Handelns, über das, was getan werden kann, was getan werden sollte und was getan werden muss. Man solle nicht immer nur aus dem Affekt heraus handeln, sondern auch einmal "innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen", sagte sie in klarer Abgrenzung zum Impulspolitiker Trump.

Besonders emotional reagierten die Zuhörer, als Merkel über die Bedeutung von Wahrhaftigkeit in der Politik zu sprechen kam. Wahrhaftigkeit sei ein bedeutender Charakterzug im Umgang mit sich selbst und mit anderen. "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheit nennen und Wahrheit nicht Lügen."

Merkels Rede wirkte bei den Zuhörern auch deswegen besonders nachdrücklich, weil jeder auf deutsch vorgetragene Satz konsekutiv ins Englische übersetzt wurde. Dadurch entstand der Eindruck einer Aneinanderreihung von Appellen und sehr grundsätzlichen Feststellungen. Im politischen Teil der Rede mahnte Merkel zu mehr Multilateralismus: "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national." Als ob er den Gegensatz für alle verständlich machen wollte, sagte Trump nahezu zur selben Zeit in seiner Rede in Colorado, die USA würden ihre Interessen nicht mehr für ausländische Mächte opfern. "Wir machen das nicht mehr. In allen Dingen und Wegen stellen wir Amerika an die erste Stelle, und es ist Zeit dafür." Merkel hingegen warnte auch vor "Protektionismus und Handelskonflikten, die den freien Welthandel und die Grundlagen unseres Wohlstands gefährden".

Die Kanzlerin sprach nicht nur über die intellektuellen Grundlagen ihres Handelns, sondern auch über die biografischen, und zwar in einer Weise, die bisweilen ins Metaphysische reichte. "Es gibt keinen Anfang ohne Ende", rief sie den Studenten in Harvard zu. "Es gibt keinen Tag ohne die Nacht." Und weiter: "Es gibt kein Leben ohne den Tod." So hört man Merkel nun wirklich nicht oft. "Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangs zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen", betonte sie vor den Graduierten. Sie selbst wisse nicht, was sie nach ihrer Kanzlerschaft erwarte, aber sie sei neugierig darauf.

Dann wurde die Kanzlerin tatsächlich metaphysisch. Sie beschrieb, dass alles Leben sich in diesem Kreislauf von Sein und Vergehen und Werden bewege. Vom Beginnen, wie sie sagte, und Beenden. Das klang weniger wie ein Vermächtnis, sondern wie eine Erkenntnis, von der sie beschlossen hatte, dass diese zu wichtig sei, um sie für sich zu behalten.

In ihrem Schlussappell sagte sie: "Reißen Sie Mauern der Ignoranz und Engstirnigkeit ein, denn nichts muss so bleiben, wie es ist. Vergessen Sie nicht: Freiheit ist niemals selbstverständlich." Der Applaus wurde lauter, jeder dieser Sätze klang wie der letzte. "Wir sollten uns damit überraschen, was möglich ist", gab sie den Studenten mit auf den Lebensweg, "und vergessen Sie nicht, etwas Neues zu beginnen, ist immer ein Risiko. Das Alte gehen zu lassen ist die Voraussetzung für das Neue."

Harvard begeht immer zum Ende des akademischen Jahres eine Graduiertenfeier mit Ehemaligen und aktuellen Studenten - ein Spektakel, bei dem sich die Universität selbst feiert und auch an ihrer Bedeutung berauscht. Der Festredner schmückt dabei einerseits die versammelte Bildungselite der USA, andererseits profitiert der Gast auch vom Nimbus der Universität.