Risse durchziehen das australische Paradies. Das zumindest findet Karen Renkema-Lang, 69, Rentnerin und ehrenamtliche Kämpferin gegen das Parteienestablishment vor der australischen Parlamentswahl an diesem Samstag. Seit 2007 wohnt sie in Kiama an der Südküste von New South Wales, 120 Kilometer südlich von Sydney. Sie genießt die Schönheit des Städtchens, die sich an diesem warmen Herbsttag in besonders klaren Farben auszubreiten scheint. Die roten Backsteine des historischen Feuerwehrhauses, das Grün der Gärten, das tiefe Blau des Pazifiks. Die perfekte Idylle. Aber Karen Renkema-Lang kennt das Problem hinter der Kulisse.
Der Immobilienmarkt sei hier mittlerweile so teuer, dass selbst Familien mit doppeltem Einkommen Probleme haben, sich niederzulassen. „Die Leute, die hier im Tourismus arbeiten und unsere Wirtschaft am Laufen halten, können es sich nicht leisten, in der Nähe zu wohnen“, sagt Karen Renkema-Lang. In den vergangenen drei Jahren sei es noch schlimmer geworden. „Es ist eskaliert.“
Deshalb unterstützt sie jetzt Kate Dezarnaulds, die unabhängige Kandidatin des Wahlkreises Gilmore, eine Unternehmerin und Mutter, die Politik „anders“ machen will, umweltfreundlicher, durchdachter. „Sie setzt die Gemeinde an erste Stelle“, sagt Karen Renkema-Lang. Die regierende Labor-Partei und die sogenannte Coalition aus den konservativen Dauerpartnern Liberal Party und National Party seien sich oft zu ähnlich. „Die Leute haben die Rhetorik und den Quatsch der großen Parteien satt.“
Die Konservativen wollen die Revanche
Gilmore ist einer der Wahlkreise, die am Samstag über die Mehrheitsverhältnisse im neuen australischen Parlament entscheiden dürften. Vor drei Jahren gewann die Labor-Politikerin Fiona Phillips hier um nur 373 Stimmen vor dem Coalition-Kandidaten Andrew Constance und trug damit dazu bei, dass Anthony Albanese Premierminister einer starken sozialdemokratischen Regierung werden konnte. Die Konservativen wollen die Revanche. Aber vielleicht hat ja tatsächlich die dynamische Dezarnaulds eine Chance.

Wirtschaftsfreundliche Unabhängige mit grünem Gewissen feierten 2022 Erfolge, der Trend gegen das Establishment hält an. Gut möglich, dass die Stimmen parteiloser Abgeordneter in der nächsten Legislaturperiode von einer Minderheitsregierung gebraucht werden. Das wäre ein Denkzettel für die machtgewohnten Parteien. Nur: Sind begeisterte Politik-Quereinsteigerinnen und -einsteiger aus dem Hinterland wirklich das geeignete Personal für die Herausforderungen dieser unruhigen Gegenwart?
Für Premierminister Albanese läuft es im Grunde ganz gut gerade. Nach den jüngsten Daten des nationalen Statistikamtes befindet sich Australien im sachten Aufschwung. Um 0,6 Prozent wuchs die Wirtschaft 2024, um 1,6 das Bruttoinlandsprodukt – nicht die Welt, aber besser als Deutschland zum Beispiel. Die Inflation wird auch erträglicher. Und Albanese, 62, wirkt im Wahlkampf gut vorbereitet.
Einst kam Albanese bei schwierigen Fragen noch ins Stottern, jetzt nicht mehr
Vor drei Jahren, als er der Herausforderer des unpopulären Konservativen Scott Morrison war, konnten ihn Fangfragen ins Stottern bringen – jetzt nicht mehr. In der letzten Fernsehdebatte gab Albanese fast virtuos den bodenständigen Staatsmann. Lässig spielte er Argumente und Erfolgsbilanzen aus. Sparte sich zu harte Worte gegen China oder den US-Präsidenten Donald Trump mit dem Verweis auf seine Diplomatenrolle als Regierungschef. Und seine größte Niederlage im Amt erklärte er für abgehakt: das zu eilig betriebene Referendum um ein festes Gremium für Ureinwohner im Parlament, das im Oktober 2023 krachend scheiterte. „Wir brauchen einen anderen Weg für Versöhnung in unserem Land“, sagte Albanese.
Coalition-Chef Peter Dutton, 54, stand mürrisch daneben und schaffte es einfach nicht, den Premierminister in Erklärungsnot zu bringen. Seine Positionen sind für viele Australier ohnehin schwierig. Dutton will Atomkraftwerke zum Klimaschutz im atomkraftfreien Land. Und in verschiedenen Wahlkreisen empfehlen seine Liberals die rechtspopulistische Kleinpartei One Nation als Nummer zwei statt Labor; Dutton verspricht sich davon Vorteile im komplizierten Präferenzwahlsystem, bei dem ins Ergebnis auch einfließt, in welcher Rangfolge Wähler die verschiedenen Kandidaten bewerten.

Aber die Kernfrage dieser Wahl ist: Wer schafft am besten den Spagat zwischen lokaler Befindlichkeit und Weltpolitik? „Die größten Langzeitprobleme sind Wohnraum und China“, sagt Richard McGregor von der Denkfabrik Lowy Institute in Sydney. Nicht nur in Gilmore herrscht zu viel Druck auf dem Immobilienmarkt. In ganz Australien haben vor allem junge Leute Probleme damit, ihr Dach über dem Kopf zu finanzieren.
Die Gründe sind vielfältig. Steuergesetze begünstigen Hauskäufe und Investitionen mehr als den Hausbau. Wohnungsbauprojekte wiederum treffen auf Widerstand von Nachbarn oder Lokalpolitik, weil so gut wie jeder seine schöne australische Welt von neuen Gebäudeblöcken freihalten will.
Als Australien noch Urlaub hatte von der Geschichte
Und China ist auch deshalb das große Thema, weil Donald Trump zeigt, dass die USA nicht mehr der verlässliche Partner in Sicherheitsfragen sind, der sie lange waren. „Australien hatte nach 1945 sozusagen Urlaub von der Geschichte“, sagt McGregor. In Ozeanien herrschte ein stabiler Frieden. Mittlerweile versucht China, sich dort breitzumachen. Mit Geld und umstandslosen Gefälligkeiten bringt die Parteidiktatur in Peking Inselnationen auf ihre Seite, die jahrzehntelang feste Partner des Westens waren. Australien hat Konkurrenz bekommen und in Canberra wächst das Gefühl, selbständiger werden zu müssen.
Die Albanese-Regierung mit Außenministerin Penny Wong wirkt zwar auf den ersten Blick freundlicher gegenüber dem wichtigsten Handelspartner China als die vorige Coalition-Regierung. Aber sie hat die Risiken durchaus im Blick. „Man könnte die Strategie mit dem Motto beschreiben: Tu mehr, sage weniger“, sagt McGregor.
Neue Hilfsvereinbarungen mit Pazifik-Nationen wie Tuvalu knüpft Australien an die Bedingung, keine Sicherheitsvereinbarungen mit China zu schließen. Und das Verteidigungsbudget hat Albaneses Regierung auf 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angehoben. Tendenz wohl steigend. Die Coalition und Donald Trump machen Druck. Auch Richard McGregor glaubt: „Wir müssen auf drei Prozent gehen, vielleicht sogar höher.“
Könnte eine Kate Dezarnaulds als Parlamentarierin bei solchen Themen mitreden? Qualifiziert der Anspruch, Lokalpolitik anders zu denken, für eine direkte Teilhabe an der Weltpolitik? Kate Renkema-Lang in Kiama findet die Frage gut, sie hatte ja selbst lange Jobs, in denen sie über örtliche Nöte hinausblicken musste. Erst arbeitete sie als Morse-Code-Übersetzerin, dann als Software-Entwicklerin für Sicherheits- und Geheimdienst-Organisationen, später als Beraterin für strategische Planung. „Wir haben mit Kate darüber diskutiert“, sagt sie, und natürlich findet sie die Einstellung ihrer aktuellen Lieblingspolitikerin „sehr intelligent“.
Kate Dezarnaulds werde die Fakten betrachten, auf den Anstand im Entscheidungsprozess achten und daraus ihr Urteil ableiten. „Kate schaut auf den größeren Zusammenhang“, sagt Karen Renkema-Lang. Sie findet das wichtig auf der Suche nach Lösungen gegen die Risse im Paradies.

