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Australien:Kardinal Pell freigesprochen

Dem Ex-Finanzchef des Vatikan ist Missbrauch nicht nachzuweisen.

Von Jan Bielicki

Kardinal Pell, hier bei einem Gerichtstermin, gilt als unschuldig.

(Foto: William West/AFP)

Das endgültige Urteil in dem Verfahren, das die Welt bewegte, fällt in einem fast leeren Gerichtssaal. Nur drei Journalisten dürfen in das Justizgebäude in der australischen Stadt Brisbane, und von den sieben Richtern des High Court, die in solchen Fällen eigentlich in der Hauptstadt Canberra zusammenkommen, ist nur die Vorsitzende da. Das Coronavirus breitet sich auch in Australien aus, und darum sind die Richter in ihren Heimatbundesstaaten geblieben. Also verkündet Susan Kiefel im heimischen Brisbane, was das Oberste Gericht in der spektakulären Sache George Pell versus The Queen entschieden hat: Der Kardinal, vor mehr als einem Jahr zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er nach Überzeugung der Jury 1996 und 1997 in der Sankt-Patrick-Kathedrale von Melbourne zwei 13-jährige Chorknaben sexuell missbraucht haben soll, kommt wieder frei. Einstimmig heben die Richter die Urteile der Vorinstanzen auf. Die Jury hätte bei vernünftiger Betrachtung der Beweislage Zweifel an der Schuld des Angeklagten hegen müssen, heißt es in einer Mitteilung, die das Gericht per Twitter verschickt.

Zweieinhalb Stunden später öffnet sich das Zufahrtstor des Hochsicherheitsgefängnisses Barwon, und ein kleiner Autokonvoi fährt George Pell ins 75 Kilometer entfernte Melbourne, wo er bei Karmelitinnen in einem Kloster unterkommt. Es sind Bilder, die im fernen Rom mit offensichtlicher Erleichterung aufgenommen werden: Der Heilige Stuhl begrüßt in einer knappen Stellungnahme den Freispruch, Papst Franziskus selbst betet am Dienstagmorgen für unschuldig Verurteilte. "Ich möchte für alle Menschen beten, die eine ungerechte Strafe aus Verbissenheit erleiden", sagt er bei einem Gottesdienst im Vatikan, ohne Pells Namen zu nennen, aber offenbar in Anspielung auf den Fall. Auf Twitter erinnert der Papst gar an "die Verfolgung, die Jesus erlitten hat". Immerhin hatte Franziskus den konservativen Kardinal 2014 zum Finanzchef und damit zur Nummer drei in der Hierarchie des Vatikans ernannt. Pell ist der weltweit ranghöchste katholische Kleriker, der wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht stand.

Das Verfahren, das nun mit dem Freispruch für den 78-Jährigen endet, hat längst australische Justizgeschichte gemacht. Es richtete sich gegen den mächtigsten Mann der katholischen Kirche Australiens. Und es war mit einem in demokratischen Ländern einzigartigen Berichtsverbot belegt, das es den Medien des Landes untersagte, darüber auch nur ein Wort zu verbreiten - um die Unvoreingenommenheit der Jury zu bewahren.

Die Vorwürfe, die Polizei und Staatsanwaltschaft 2018 gegen Pell zur Anklage brachten, wogen schwer. Als Erzbischof von Melbourne soll er nach einer Sonntagsmesse im Jahr 1996 zwei Chorknaben in der Sakristei seiner Kathedrale sexuell missbraucht haben, einen von ihnen an einem späteren Tag noch einmal. Die Anklage stützte sich auf die Aussage eines der mutmaßlichen Opfer - das zweite war bereits an einer Heroin-Überdosis gestorben. Gegen diese Aussage stellte die Verteidigung Zeugen, die erklärten, dass sich der damalige Erzbischof nach Messen normalerweise nicht ungesehen in der Sakristei aufgehalten habe. Ein erster Prozess platzte, weil sich die Jury nicht einigen konnte. Eine zweite Jury glaubte der Aussage des Opfers und sprach Pell Ende 2018 schuldig. Dieser Schuldspruch wurde von einem Berufungsgericht des Bundesstaates Victoria aufrechterhalten - aber nun vom Obersten Bundesgericht gekippt. In der Kurzbegründung zu ihrem Urteil sprechen die Richter dem Hauptbelastungszeugen zwar nicht die Glaubwürdigkeit ab. Doch auch wenn sie dessen Aussage für glaubhaft hielt, hätte die Jury aus den Aussagen der Entlastungszeugen "vernünftigen Zweifel" an der Schuld des Angeklagten ziehen müssen. Es bestehe daher die Möglichkeit, dass "eine unschuldige Person verurteilt wurde".

Als solche sieht sich Pell selbst. "Ich habe immer meine Unschuld bekräftigt, während ich schweres Unrecht erlitten habe", erklärt er schriftlich nach seiner Freilassung. Er hege jedoch "kein Übelwollen gegenüber meinem Ankläger". Der Mann, dessen Aussage Pell vor Gericht brachte, steht dagegen "derzeit unter Schock", wie seine Anwältin mitteilt: "Er sagt, er glaubt nicht mehr an das Justizsystem unseres Landes."

© SZ vom 08.04.2020
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