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Australien:Die unbarmherzigen Brüder

Eine Untersuchungs­kommission dokumentiert den tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern.

Paul Levely, a child sex abuse victim, wears a t-shirt that says 'no more silence' and shows a tattoo on his arm as he stands in front of the Quirinale hotel in Rome

„Nie mehr Schweigen“ will Paul Levely, ein Opfer von sexuellem Missbrauch, hier während einer Demonstration in Rom im Februar 2016.

(Foto: Alessandro Bianchi/Reuters)

Es war "ein Höllenloch", so erinnert sich Max an das katholische Waisenhaus, in dem er in den Fünfzigerjahren aufwuchs. Ein- oder zweimal in der Woche kamen Bruder Goode, Bruder Kelly oder Bruder Sawney an sein Bett und missbrauchten den Jungen. Als er zehn war, erzählte er einem Arzt, was die Geistlichen vom Orden der Barmherzigen Brüder mit ihm machten. Zur Strafe brachen sie ihm den Arm. Max ist einer von Tausenden in Australien. Fast viertausend Geschichten von Menschen, die als Kinder sexuell missbraucht wurden in Heimen, in Schulen, in Sportvereinen, in Gefängnissen und besonders oft in religiösen Einrichtungen, hat eine unabhängige Untersuchungskommission der australischen Regierung veröffentlicht. Und gehört hat sie noch weit mehr. Fast 9000 Opfer von Kindesmissbrauch haben in den vergangenen fünf Jahren vor der Kommission ausgesagt. Deren Abschlussbericht, am Freitag dem Parlament in Canberra vorgelegt, "offenbart eine nationale Tragödie", würdigte Premierminister Malcolm Turnbull die Arbeit der Kommissare.

Allein der Abschlussbericht der weltweit wohl bisher gründlichsten Untersuchung zum Umgang von Behörden und Institutionen mit Kindesmissbrauch umfasst 17 Bände mit mehr als 7000 Seiten. 409 Empfehlungen haben die sechs Kommissare abgegeben - und davon treffen einige gerade die katholische Kirche in ihrem Kern. So empfiehlt der Bericht etwa eine Lockerung des Beichtgeheimnisses, eine Überprüfung des Zwangszölibats für Priester und transparente Regeln bei der Wahl von Bischöfen.

Dass die katholische Kirche einen besonderen Platz in der Untersuchung einnimmt, hat seinen Grund. 60 Prozent der untersuchten Fälle spielten sich in religiösen Einrichtungen ab, und fast zwei Drittel davon in katholischen Heimen, Schulen und Pfarrhäusern. Die Vorwürfe der Missbrauchsopfer richten sich gegen sieben Prozent aller katholischen Priester, die zwischen 1950 und 2011 in Australien tätig waren. Bei einigen katholischen Orden sind die Zahlen noch erschreckender: So gab es gegen 40 Prozent der Barmherzigen Brüder Missbrauchsvorwürfe.

Kardinal Pell will von den Verbrechen in seiner Heimatstadt nichts gewusst haben

Noch schlimmer erschien den Kommissionsmitgliedern, wie die Kirche auf Fälle von Kindesmissbrauch reagierte - nämlich fast stets auf "eine bemerkenswert und verstörend ähnliche Weise": Kinder, die sexuelle Übergriffe meldeten, wurden missachtet, bestraft und bisweilen weiter missbraucht. Staatlichen Behörden wurden die Taten nur selten angezeigt. Der Ruf der Kirche und die Loyalität zu ihren Priestern sei den Kirchenoberen wichtiger gewesen als das Wohl der Kinder. Kurz: Es habe über viele Jahrzehnte "katastrophales Versagen der Führung der katholischen Kirche" gegeben, heißt es in dem Bericht.

So konnte der Priester Gerald Ridsdale aus der Stadt Ballarat über Jahrzehnte Jungen und Mädchen vergewaltigen. Seit 1975 wusste der örtliche Bischof von den Verbrechen, doch der Priester wurde nur immer wieder versetzt. Erst als sich 1993 ein Opfer bei der Polizei meldete, wurde der Serienvergewaltiger im Priesterrock verhaftet. Er bekannte sich schuldig, über die Jahre 79 Kinder vergewaltigt zu haben.

Für die Kommission haben zur Verdunkelung solcher Taten auch zentrale Regeln des Kirchenrechts beigetragen - etwa das Beichtgeheimnis. Sie empfiehlt, auch Personen in einem religiösen Amt zu verpflichten, jeden Verdacht auf Kindesmissbrauch den Behörden zu melden - und zwar auch dann, wenn sie davon in der Beichte erfahren. Auch in Sachen Zwangszölibat sollten die australischen Bischöfe beim Heiligen Stuhl vorstellig werden. Es gebe ein erhöhtes Missbrauchsrisiko, wenn zölibatär lebende Priester privilegierten Zugang zu Kindern hätten.

Der Bericht "verdient es, ernsthaft studiert zu werden", hieß es knapp aus dem Vatikan. Australische Bischöfe machten jedoch deutlich, dass sie nicht allen Empfehlungen folgen wollen. Melbournes Erzbischof Denis Hart sprach zwar von einer "schandhaften Vergangenheit" seiner Kirche, verteidigte aber das Beichtgeheimnis als "absolut sakrosankt".

Australiens katholischer Kirche stehen weitere Prüfungen bevor. Ihr bis vor kurzem mächtigster Kardinal George Pell ist angeklagt, sexuelle Übergriffe begangen zu haben. Im März muss sich der Kurienkardinal, bis zur Anklageerhebung Finanzchef von Papst Franziskus, einer Gerichtsverhandlung stellen, die darüber entscheidet, ob ihm der Prozess gemacht wird. Der 76-Jährige bestreitet die Vorwürfe vehement. Auch vor der Kommission hatte Pell ausgesagt - allerdings wenig ergiebig. Von Missbrauchsverbrechen will er als Priester in seiner Heimatstadt Ballarat nur "Gerede" gehört und nichts gewusst haben. Um den Serientäter Ridsdale kümmerte er sich als Weihbischof aber später doch: Er begleitete ihn als seelsorgerischer Beistand vor Gericht.