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Luther und sein Judenhass:Im "Entjudungsinstitut" strichen die NS-Protestanten das Alte Testament

Wer heute Luther zeigt, muss sich einer säkularen Umgebung stellen. Der Anteil evangelischer Christen an der Bevölkerung liege in Eisenach bei etwa 22 Prozent, in Luthers Geburtsstadt Eisleben bei ganzen sechs Prozent, sagt der Historiker Jochen Birkenmeier.

Vor diesem Hintergrund gestaltete er das Lutherhaus neu: Kennen die Besucher noch die Geschichte des römischen Papsttums? Oder die Vulgata? Was wissen sie noch von Heiligen? Wie ist Luther für Anfänger zu vermitteln?

Die Dauerausstellung ist so behutsam aufgebaut, dass sich Anfänger ebenso zurechtfinden, wie sich Fortgeschrittene weiterbilden können. Dass Luther bei einem Gewitter so etwas wie ein Damaskus-Erlebnis hatte, dass er erst mit 21 Jahren eine Bibel in die Hand bekam, das seine Anhänger später Heiligenstatuen durch Lutherfiguren ersetzten - all diese fein präsentierten Geschichten machen Luther und seine Initiative plastisch.

Breiter Raum ist dem Bibelübersetzer Luther und auch der Rezeption seines philologischen Jahrtausendwerkes gewährt. Auf einem Ausriss ist zu sehen, wie akribisch er arbeitete: Manche Stellen hat er fünfmal und öfter korrigiert, umgeschrieben und wieder ausgebessert.

Da manche Tiere im Mitteleuropa des 16. Jahrhunderts unbekannt waren, behalf sich Luther mit Interpretationen: Was in der altgriechischen Vorlage heute eindeutig als Gecko zu identifizieren ist, steht in der Lutherbibel als Igel, und den Klippdachs machte Luther zum Kaninchen.

Dennoch prägte seine Bibel die Deutschen wie wohl kein anderes Buch: Goethe sagt, sie seien "ein Volk erst durch Luthern geworden". Durch Luthers Judenhass hat die Geschichte eine bittere Note, die mitschwingen dürfte, wenn bald das gigantische Reformationsjubiläum durchs Land rollt.

© SZ vom 19.11.2015/odg
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