Außenpolitik Barack Obamas:Obamas Außenpolitik fehlt jede emotionale Dimension

Vier Jahre ist Obama jetzt im Amt, und vielleicht steckte hinter seinem einstigen Idealismus tatsächlich mehr als Naivität und schöne Rhetorik. Heute ist von diesem Idealismus wenig übrig, nicht in Obamas Reden und schon gar nicht in seiner praktischen Politik. Was immer Obama früher war - heute ist er der wohl unsentimentalste Realpolitiker, der Amerika seit langer Zeit regiert hat.

Man kann es noch schärfer formulieren: Obamas Außenpolitik fehlt jede emotionale Dimension. Den Präsidenten leiten purer Pragmatismus und Interessen, Grenzen setzt ihm allenfalls das Völkerrecht. Das muss nicht falsch sein. Die Außenpolitik seines Vorgängers George W. Bush war pure Emotion, eine Mischung aus Großmannssucht und Selbstgerechtigkeit. Nach dem Terror vom 11. September 2001 kamen Rachedurst und die selbst auferlegte moralische Mission hinzu, der Welt Freiheit bringen zu wollen. Bush war stolz, Entscheidungen aus dem Bauch zu treffen. Als es um Krieg und Frieden ging, ging das schrecklich schief.

Obama tickt anders, auch wenn er genauso viel von Freiheit redet wie Bush. Obama dreht und wendet und begutachtet ein außenpolitisches Problem. Wenn er alle Argumente abgewägt hat, entscheidet er. Das führt zu einer sehr rationalen, manchmal zögerlichen, aber nicht zu einer empathischen Außenpolitik. Und es kann dazu verleiten, moralische Aspekte als weniger wichtig abzutun.

So sprach Obama in Berlin zwar von Frieden und Gerechtigkeit, zum Beispiel in der arabischen Welt. Seine Politik dort aber folgt vor allem dem Interesse, die USA aus dem Chaos herauszuhalten. Dass nun ein Freihandelsabkommen den neuen Kitt bilden soll, der Amerika und Europa verbindet, passt gut zu Obama (und, nebenbei, auch zur ebenso nüchternen Kanzlerin Angela Merkel): Da geht es um Genmais und Industriestandards und neue Arbeitsplätze. Nicht ums Gefühl.

Paradoxerweise haben viele Europäer, zumal die Deutschen, mit beiden Präsidenten ihr Problem. Sie verachteten Bush als angeblich tumben Cowboy. Doch inzwischen ist ihnen auch der kalte Analytiker Obama, der Terrorverdächtige von Drohnen töten und das Internet überwachen lässt, nicht mehr geheuer.

Die Europäer sehnen sich danach, dass Amerika sie respektiert und ernst nimmt. Aber sie werden nervös, wenn Amerika seine Rolle als Weltmacht nicht nur darin sieht, den Klimawandel zu bekämpfen, sondern auch Islamisten in Afrika. Obama - der Realist, der weiß, dass er zuallererst für die Sicherheit Amerikas verantwortlich ist - hatte für diese Kritiker in Berlin eine Botschaft: Die Mauer ist weg. Aber die Welt ist immer noch gefährlich.

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