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Außenpolitik:Keine Macht für niemanden

So also fühlt sie sich an, die multipolare Welt, die von vielen ersehnt wurde. Keine Macht für niemanden. Allein - solche Nullsummenspiele kennt die Weltpolitik nicht. Nichts anderes haben die vergangenen Jahre bewiesen. Es gibt keinen ewigen Frieden und kein Ende der Geschichte. Der Historiker Charles Kupchan schrieb 2012 von einer Welt, die keinem mehr gehört, no one's world - ein Globus ohne politischen Gravitationspunkt, ohne Zentrum, ohne Übermacht.

Es ist deshalb kein Zufall, dass nun auch in Deutschland diese Vakuumswelt entdeckt wird. Die Ukraine steht vor dem Bürgerkrieg, in Lampedusa stranden Flüchtlinge, die Europäische Union hat ihre (deutsch-französische) Balance verloren. Wenn nun der Bundespräsident, der Außenminister und die Verteidigungsministerin zur selben Zeit dasselbe Lied von der deutschen Verantwortung anstimmen, dann steckt da keine Tageslaune dahinter, sondern die ernsthafte Sorge um Platz und Rolle des Landes in der Welt.

Es ist Unfug, diese Sorge auf die Zahl der zu entsendenden Soldaten zu reduzieren und mit der bekannten Rhetorik-Keule von der Militarisierung der deutschen Außenpolitik zu erschlagen. Diese Verknappung belegt ja geradezu, wie verkümmert die Phantasie über die Wirkungsmöglichkeiten der deutschen Politik jenseits der eigenen Grenzen ist. "Sicherheit bleibt eine Existenzfrage", sagt der Bundespräsident in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Diese Rede gehört in den Pflichtenkanon der Gesellschaftskunde. Freilich scheint diese Gesellschaft inzwischen anderer Meinung zu sein.

Keine Sorge: Die Welle, die gerade deutsche Spitzenpolitiker ausgelöst haben, wird die Tradition der bundesrepublikanischen Außenpolitik nicht hinwegspülen. Wer schon uniformierte Strategen an Sandkästen stehen sieht, der verzerrt mutwillig Gaucks Absicht. Der Bundespräsident hat ein gewaltiges gesellschaftliches Defizit erkannt. So wie die Weltpolitik kein Vakuum kennt, so kann sich auch die deutsche Politik nicht von einer der tragenden Säulen einer souveränen Demokratie verabschieden: der Sorge um ihre äußere Sicherheit.

Diese Sicherheit sehen in der Tat wenige in Gefahr. Niemand bedroht das Land. Und wer sich einmischt in der Welt, riskiert allenfalls Ärger. Aus dieser Logik hat sich eine defensive Bequemlichkeit breitgemacht, die der vorherige Außenminister als "Kultur der Zurückhaltung" pries. Die speziell deutsche Ausformung des Nullsummenspiels hat bei den Freunden allerdings den genau gegenteiligen Reflex ausgelöst und den Vorwurf von Passivität und Selbstgefälligkeit provoziert. "Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit", sagte der polnische Außenminister Radek Sikorski.

Deswegen, so Gaucks Mahnung, muss sich das Land Gedanken machen, wie es seine Macht klug und fruchtbar einsetzt. Das ist ein Appell, den Horizont zu weiten, seine Grenzen zu kennen, aber auch zu wissen, wie man in der Niemandswelt die falschen Grenzen verhindert. Denn diese Welt - siehe das Heidelberger Mark-Twain-Village - hat keine Beständigkeit.