Außenminister Heiko Maas Keine Zeit, ins Amt hineinzuwachsen

  • Bei seiner ersten Rede als Chefdiplomat im Auswärtigen Amt sagt Maas, keiner brauche eine deutsche Außenpolitik, die sich wegduckt.
  • Kurz danach geht es für ihn zum Antrittsbesuch nach Paris.
  • Der nun ehemalige Außenminister Gabriel vermisst in seiner Abschiedsrede noch ein letztes Mal die Welt.
Von Mike Szymanski, Berlin

Eigentlich ist das ein Tag zum Schwindeligwerden. Am Morgen noch Justizminister, am Nachmittag Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Der Tag beginnt in Berlin, aber endet nicht dort. Es ist das reinste Gerenne: Erst raus aus dem alten Amt, dann rein ins neue. Kurz an den Kabinettstisch, den kennt er zumindest. Und dann gleich wieder hinaus in die Welt. Der Airbus A319 der Flugbereitschaft wartet schon. Es geht am Abend zum Antrittsbesuch nach Paris. Und in der Nacht wieder zurück. Das ist der 14. März 2018 im Leben von Heiko Maas.

Dafür macht er immerhin noch einen aufgeräumten Eindruck, als er gegen 15.30 Uhr mit Vorgänger Sigmar Gabriel zur Amtsübergabe im Außenministerium vor den Mitarbeitern zusammenkommt. Maas spricht von einem "Kompass", den er aus dem Justizministerium mitbringe: dem Grundgesetz. Rechtsstaat, Völkerrecht, darin sehe er Orientierung und Verlässlichkeit. Und er wird schon sehr konkret und geht auf Russland ein: "Wenn Russland sich selbst immer mehr in Abgrenzung, ja teilweise fast Gegnerschaft zum Westen definiert, so mögen wir das bedauern. In jedem Fall aber verändert es die Realität unserer Außenpolitik."

Die Tage könnten kaum aufregender, um nicht zu sagen: beunruhigender sein. Russland steht im Verdacht, hinter einem Mordversuch mit Nervengift in Großbritannien zu stecken. US-Präsident Donald Trump schmeißt mal eben seinen Außenminister raus und zettelt einen Handelskrieg an. Außenpolitik ist etwas Neues für den 51-jährigen SPD-Politiker. Aber das lässt er sich nicht anmerken. Die Lage ist gerade so, dass ihm eigentlich keine Zeit bleibt, ins Amt hineinzuwachsen. "Natürlich braucht kein Land der Welt, keiner unserer Partner eine deutsche Außenpolitik, die sich selbst überschätzt", so Maas. Womöglich gefährlicher sei aber eine Außenpolitik, die sich wegducke.

Ein bisschen klingt Maas noch wie Gabriel. Der wäre gerne Außenminister geblieben, aber das wollte seine SPD nicht. Das dürfte ihm das Abschiednehmen besonders schwer machen. Gabriel erinnert an seinen Anfang, da habe er seinem Vorgänger versprochen, "keinen Scheiß zu machen". Das Amt ist dagegen bedeutend schmerzfreier: Der eine geht, der nächste kommt. Zur Übergabe wird Gabriel schon als Minister a.D. begrüßt. Immerhin nennt ihn einer der Staatssekretäre noch "Rock'n'Roller". Und Gabriel vermisst in seiner Rede ein letztes Mal die Welt.

Die Spitzenbeamten am Werderschen Markt haben ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Minister. Einerseits freut es sie, wenn einer mit beeindruckender politischer Verdrängungskraft kommt - so wie Gabriel 2017. Wenn er aber dann - so wie Gabriel - eher wenig Rat annimmt und trotzdem gerne energisch vorprescht, ist es auch nicht immer recht. Wer sich umhört, was die Personalie Maas angeht, stößt in diesen Tagen auf viel Wohlwollen und große Offenheit nach dem Motto, aus dem werden wir schon einen guten Außenminister machen.

Im Auswärtigen Amt herrscht Erleichterung: Die Behörde, heißt es, lebe von der Posten-Rotation

Eine Schlüsselrolle dabei dürfte Andreas Michaelis zufallen, dem bisherigen Politischen Direktor - ein exzellenter Kenner der internationalen Baustellen. Michaelis war schon Sprecher bei Joschka Fischer und später Botschafter in Israel. Und er verfügt über die entsprechende Hausmacht. Michaelis soll zum beamteten Staatssekretär befördert werden. Eine ganze Reihe von Posten auf Direktorenebene sind in näherer Zukunft neu zu besetzen - Maas kann sich das Ministerium formen.

Auf den Gängen herrscht auch Erleichterung, denn endlich bewege sich wieder etwas, heißt es. Das Auswärtige Amt lebe von der ständigen Rotation auf wichtigen Posten. Die zähen Monate der Regierungsbildung hätten jedoch zu einer "schleichenden Lähmung" geführt. Dieses Gefühl ist am Mittwoch schon wieder wie verflogen.

Es ist schon dunkel, als die Limousine mit Heiko Maas durch die Straßen von Paris rast. Außenminister Jean-Yves Le Drian empfängt den Deutschen in einem prunkvollen Stadtpalast, zu einem Gespräch und zum gemeinsamen Abendessen. Natürlich bleibt es angesichts der Weltlage bei Maas' Reise nicht nur bei einem reinen Antrittsbesuch. Le Drians Aufzählung an Gesprächsthemen scheint nicht enden zu wollen: Verhältnis zu Russland, Krieg in Syrien, Atomdeal mit Iran, Brexit, Handelsstreit mit den USA. "Es gibt viel zu tun, viel zu sagen", sagt der Franzose. "Der Bedarf an Absprache ist gerade heute von besonders großer Bedeutung." Er freue sich, dass Maas noch am Tag seiner Amtseinführung nach Paris gekommen sei. Maas sagt, er sei gekommen, um die ausgestreckte Hand von Staatspräsident Emmanuel Macron endlich zu ergreifen. Jetzt steckt er mittendrin in der internationalen Politik.

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