Außenansicht Wider die "Kultur der Verführung"

Cécile Calla, 39, ist eine deutsch-französische Journalistin und Autorin. Zuvor war sie Korrespondentin der Tageszeitung Le Monde in Berlin und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins ParisBerlin.

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Der Skandal um den Produzenten Harvey Weinstein hat Frankreich besonders aufgewühlt.

Von Cécile Calla

Französinnen gelten in Deutschland meist als selbstbestimmter und freiheitsliebender als deutsche Frauen. Zurzeit sind sie jedoch vor allem eines: wütend. Der Skandal um den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein empört Menschen weltweit, in Frankreich hat die Empörung jedoch eine besondere Dimension. Binnen weniger Tage haben Tausende Frauen durch den Hashtag # MeToo und #Balance Ton Porc ("verpfeife dein Schwein") über sexuelle Belästigung und Aggression durch Männer berichtet. Nicht nur bekannte Schauspielerinnen wie Léa Seydoux, Marion Cotillard oder Isabelle Adjani, sondern auch Journalistinnen und Frauen aus allen Milieus kommen zu Wort. Die Reaktion von Medien und Politik folgte prompt.

Die Staatssekretärin für Frauenrechte, Marlène Schiappa, hat für 2018 eine Reform des Sexualstrafrechts angekündigt, unter anderem um eine bessere Unterscheidung zwischen einem einfachen Kompliment und sexueller Belästigung zu erreichen. Selbst Staatspräsident Emmanuel Macron ist darauf in seinem ersten Fernsehinterview am 15. Oktober eingegangen. Seine Ehefrau Brigitte Macron, die selten politische Kommentare abgibt, hat sich diesem Kampf angeschlossen und fasste ihre Meinung in zwei Worten zusammen: "ça suffit" ("es reicht"). Das Thema ist auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen und Magazinen gerückt, Le Monde widmete dem Sexismus einen Leitartikel unter dem Titel: " Die Mentalitäten müssen sich ändern".

Ein Generationswechsel scheint sich in Frankreich abzuzeichnen. Vor dem Harvey-Weinstein-Skandal wurde während des ganzen Sommers über Gewalt in Kreißsälen diskutiert, also darüber dass Geburtshilfe manchmal von Formen der Gewaltausübung begleitet wird. Die Staatsministerin für Frauenrechte hat zu diesem Thema einen Bericht bestellt. Seit 2015 wird außerdem die Belästigung von Frauen auf der Straße regelmäßig thematisiert.

Nach neuen Umfragen wird jede fünfte Französin an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt. Spätestens seit der Affäre um den früheren Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, hat die französische Gesellschaft begonnen umzudenken. Die Festnahme Strauss-Kahns 2011 in New York, nachdem er von einem Zimmermädchen der Vergewaltigung beschuldigt worden war, löste ein Erdbeben in den französischen Salons aus. Die Kultur der Verführung, die so oft gern als kulturelles Gut zelebriert wird, wurde plötzlich infrage gestellt, viele Frauen aus Politik und Medien begannen über ihre alltäglichen Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu sprechen. Langsam wurde man sich bewusst, dass die sogenannte Kultur der Verführung einer Nebelwand glich, hinter der sich Fehlverhalten und Missbrauch verbargen. Jetzt hat die Debatte ein anderes Ausmaß erreicht: Es sind nicht nur die Frauen aus den Sphären der Macht oder aus bestimmten Vierteln, die sich zu Wort melden, sondern Frauen aus allen Jahrgängen, Milieus und Berufen. Tausende diese Frauen wollen an einer Demonstration Ende Oktober in Paris teilnehmen. Die Gegner verunglimpfen sie als Vertreterinnen einer "Verratskultur" und warnen vor sozialen Netzwerken, die zu Ersatzgerichten würden.

Galanterie, Anzüglichkeit, Flegelhaftigkeit - Frankreichs schlechte Tradition

In Deutschland sind die sozialen Medien ebenfalls voll mit sexistischen Erfahrungen von Frauen, dennoch erreicht die Diskussion keine vergleichbare politische Resonanz. Die Debatte ist zwar auch auf den Titelseiten der großen Zeitungen angekommen, die deutsche Politik bleibt aber erstaunlich still. Soll man daraus schließen, dass die deutsche Gesellschaft weniger anfällig für Sexismus ist? Sicher nicht, die Reform des Sexualstrafrechts im Jahre 2016, die erstmals Grapschen strafbar machte, war überfällig.

Die misogyne Kultur drückt sich nur anders aus als in Frankreich, vielleicht etwas subtiler. Die soziale Abwertung der Frauen erfolgt eher durch ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft. Das zeigt der Fall der Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli, die bei einer öffentlichen Veranstaltung zuerst als junge hübsche Frau statt als Politikerin wahrgenommen wurde. Eine attraktive junge Frau wird im Zweifel immer auf Skepsis stoßen, bei Männern wie bei Frauen. Ein Gefühl von Unsicherheit im öffentlichen Raum, ob bei der Arbeit oder auf der Straße, habe ich aber hier nie wirklich gespürt, ganz im Gegensatz zu Frankreich.

Wie Isabelle Adjani zutreffend schrieb, herrschen in meinem Geburtsland die drei G - galanterie, goujaterie, grivoiserie (Galanterie, Anzüglichkeit und Flegelhaftigkeit). Bis jetzt galten Frauenhelden als starke Männer, insbesondere wenn es sich dabei um Staatspräsidenten handelte. Das Ehepaar Macron ist dazu ein Gegenmodell: ein Paar, bei dem der Mann jünger ist als seine Frau, eine Frau, die nicht als Alibi für ein Netz von Mätressen gilt, sondern gleichberechtigte Partnerin ist. Der Präsident hat die Gleichberechtigung zur vorrangigen Aufgabe seiner Amtszeit erklärt.

In Deutschland haben Frauen dagegen noch mehr Nachteile im Beruf als die Französinnen. Deutschland schneidet sowohl beim Frauenanteil in Firmenvorständen schlechter ab als Frankreich und viele andere europäische Länder, als auch bei der Einkommenslücke für Frauen und bei dem Angebot für die Betreuung von unter Dreijährigen. Kein Wunder, dass Frauen viel weniger Kinder bekommen (1,47 Kinder pro Frau, verglichen mit 2,01 in Frankreich). Selbst wenn sie auf Kinder verzichten, stoßen sie schnell an die sogenannte gläserne Decke. Der deutsche Sonderweg zeigt sich besonders beim kuriosen Festhalten am Ehegattensplitting, das mehr das Hausfrauendasein als die kinderreiche Familie fördert.

Vielleicht müssen deswegen Feministinnen hierzulande lauter schreien. Vielleicht nahm 2013 die Geschichte um Rainer Brüderle und seine Bemerkungen über das Aussehen einer Reporterin ein solches Ausmaß an. Selbst einfache Gesten - ein Mann hält einer Frau die Tür auf oder trägt ihr den Koffer - werden manchmal skeptisch beäugt, so als handele es sich dabei um Überbleibsel einer völlig anachronistischen Galanterie oder, noch schlimmer, das Zeichen männlicher Dominanz. In Frankreich werden sie noch als höfliche Gesten verstanden, Komplimente kommen meistens auch noch gut an. Selbst ein Handkuss, der auch bei uns selten geworden ist, würde niemanden empören.

Diese kulturellen Unterschiede sind aber nicht so wichtig. Sexismus betrifft alle Gesellschaften. Man muss ihn immer wieder thematisieren, nicht nur aus Sicht der Frauen, sondern auch aus Sicht der Männer. Damit sich alle betroffen fühlen.