Außenansicht:Wahr? Schön? Gut?

Michael Schindhelm

Michael Schindhelm, 54, ist Autor und Kulturforscher. Er hat mehrere Theater wie auch die Berliner Opernstiftung geleitet.

(Foto: Aurore Belkin)

Kulturpolitik gilt nur noch als lästige Nebensache. Dabei bräuchte es gerade jetzt engagierte Verfechter.

Von Michael Schindhelm

Ein Kulturpolitiker ist ein Politiker ohne anderweitige Verwendung. Diese Schmähung ist nicht neu. Sie nimmt vor allem die Kultur aufs Korn. Kultur sei das letzte Ressort. Die Stadt Berlin etwa hat vor Jahren den Posten eines Kultursenators abgeschafft. Das Amt wird jetzt vom Regierenden Bürgermeister selbst wahrgenommen. In vielen Städten und Bundesländern ist Kulturpolitik ohnehin seit langem verdeckte Sparpolitik. Weil die öffentliche Hand nicht anders kann als streichen, gibt es für den Kulturpolitiker so gut wie keinen Gestaltungsspielraum.

Der Kulturbetrieb beklagt überdies Kommerzialisierung und intellektuelle Verflachung und wird selbst zweifelhafter Quoten- und Eventstrategien bezichtigt, mit denen er angeblich die inhaltliche Unabhängigkeit der Künstler und ihrer Vermittler aushöhlt. Es gebe zu viel vom Gleichen, es fehle an Dynamik und Kreativität, sagen die Kritiker. Eine Personalentscheidung wie kürzlich die über die Intendanz an der Berliner Volksbühne erregt erheblich mehr Aufmerksamkeit als das langsame Theatersterben in Rostock, Dessau, Halberstadt oder Gera/Altenburg. Als gäbe es zu viele der immer gleichen Nachrichten vom wachsenden Elend, um sich damit weiter zu beschäftigen.

Dieser aktuelle Mangel an kulturpolitischer Relevanz wird im Lichte von 25 Jahren deutscher Einheit besonders auffällig. Denn dieselben Institutionen, die heute mehr denn je vor sich hin verkümmern, sind einst mit großem Aufwand vor dem Untergang gerettet worden.

Ironischerweise war das aber kein Verdienst der Kulturpolitik im engeren Sinne. Als im November 1990 die Bundesregierung ein sogenanntes Substanzerhaltungsprogramm für die Kultureinrichtungen der neuen Bundesländer beschloss, saß kein Kulturpolitiker mit am Tisch, denn es gab noch keinen Staatskulturminister. Zwischen 1991 und 1993 erhielten Hunderte Theater, Orchester und Museen in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 3,5 Milliarden D-Mark, um entweder ihre Haushalte auszugleichen oder umfangreiche Sanierungsmaßnahmen maroder Gebäude durchzuführen. Die Mittel wurden über das Bundesinnenministerium verteilt.

Während damals Politik und Wirtschaft der DDR ausgemustert wurden, Städte saniert, Autobahnen und Kommunikationssysteme errichtet wurden und wenige Jahre nach der Wiedervereinigung die DDR fast verschwunden war, überlebte ihre Kultur. Natürlich ging das nicht ohne politisches Tauziehen ab, insbesondere, da Kultur nur als "freiwillige Leistung" galt, nicht als unverzichtbare staatliche Aufgabe. Westliche Bundesländer sahen in dem Programm der Bundesregierung ihre Kulturhoheit bedroht. Man erwog Verfassungsklage. Die Kultur blieb dennoch erhalten, in Ostdeutschland, in ganz Deutschland. Wem war das zu verdanken?

Die traditionelle Kultur ragt wie ein erratischer Block aus der modernen Gesellschaft empor

1990 markierte seit 1871 den fünften Versuch Deutschlands, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Vielleicht zum ersten Mal folgte aber kein totaler Bruch mit der Vorgängerepoche. Die neue BRD entstand aus den Grundsätzen der alten BRD. Das bedeutete auch für die Kultur staatliche Förderung, die Einbindung in den öffentlichen Dienst und somit ein ausgeklügeltes System an tariflich garantierter sozialer Sicherheit. Gesichert wurden vor allem Institutionen, die ihr Dasein früheren Epochen, zum Beispiel der Kleinstaaterei verdankten. Sie bildeten und bilden bis heute eine Kulturlandschaft, also eine städtische oder regionale Topografie von Theatern, Museen und anderen kulturellen Aktivitäten.

Über alle rollenspezifischen Grenzen hinweg haben Politiker, Gewerkschaften, Kulturschaffende und Medien die notwendige Pflege der öffentlichen Kultur damit begründet, sie habe einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Dieser Auftrag war ungefähr die moderne Interpretation dessen, was man bis heute etwa an der Fassade der Alten Oper Frankfurt lesen kann: Dem Wahren, Schönen, Guten sollte die Kultur dienen. Man war sich bislang vor allem einig darüber, dass Kultur identitätsstiftend wirke, nationales oder regionales Erbe pflege und ein unabhängiges kritisches Korrektiv in der Gesellschaft darstelle. Kultur sollte außerdem für alle zugänglich sein. Irgendwie war jedermann, ob Dezernent, Journalist, Tarifverhandler oder Künstler, auch affirmativer Kulturpolitiker.

Doch heute wirken diese Begründungen seltsam fiktiv. Wer sind zum Beispiel jene "alle", denen die Kultur zugänglich gemacht werden soll? Der Gegenwartskunst wird außerdem oft vorgeworfen, nationales Erbe nicht zu pflegen, sondern zu verunglimpfen. Und die seit dem späten 18. Jahrhundert, nach 1968 und erneut nach 1989 selbst gewählte Mission einer politischen Aufklärung ist vielen Künstlern inzwischen suspekt. Die Kultur erfüllt in 2015 keine öffentlichen Aufträge und Endzwecke mehr. Sie übt neue Rollenspiele ein. So wird sie Bestandteil kosmopolitischer Plattformen, die sich der Gebundenheit einer konventionellen städtischen Politik entziehen. Zudem hat die digitale Welt die Kulturpraxis einerseits auf den Kopf gestellt und andererseits vervielfältigt.

Die traditionelle Kulturlandschaft ragt wie die Alte Oper Frankfurt als erratischer Block aus der modernen Gesellschaft hervor. Ein unendlicher diffuser Raum ist entstanden, in dem Konsumenten und Produzenten zwischen Online und Offline pendeln, alle erdenklichen Stile, Inhalte und Geografien verwoben und transformiert werden. Die Kulturlandschaft ist Kulturplasma geworden. Die klassischen Begriffe öffentlicher Kultur und einer entsprechenden Kulturpolitik werden obsolet.

Jean Baudrillard hat in einem kleinen Text bereits 2007 die Frage gestellt, warum im Zeitalter der Digitalisierung nicht alles verschwunden sei: die Werte, Institutionen, Endzwecke. Seine Antwort in Bezug auf die Kunst: Sie sei sich ihres Verschwindens nicht bewusst. Er hat auch darauf hingewiesen, dass die Dinge nie vollständig verschwinden, sondern Spuren hinterlassen. Ähnlich antiken Göttern, die im frühen Christentum die Funktion von Dämonen übernommen haben. Tatsächlich läuft vor allem der großstädtische Kulturbetrieb anscheinend immer noch auf Hochtouren. Es sieht nicht so aus, als sei die Kultur im Ansturm der globalen und digitalen Veränderungen verschwunden.

Wie kann die Rolle des Kulturpolitikers in dieser Sphäre noch beschrieben sein? Mehr denn je ein Außenseiter, müsste er die politische Konvention hinter sich lassen, um herauszufinden, wie eine Interpretation des Wahren, Schönen, Guten im Kulturplasma aussehen könnte. Der Kulturpolitiker hat heute keinen eindeutigen gesellschaftlichen Auftrag mehr. Er müsste sich aber vornehmen, ihn trotzdem zu erfüllen.

© SZ vom 17.06.2015
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