Weltklimagipfel Vergesst Kyoto!

Braunkohle könnte bald weltweit zum Auslaufmodell gehören - auch dank der deutschen Energiewende.

(Foto: dpa)

Die Pariser Klimakonferenz hat schon vor ihrem Beginn viel erreicht. Viele Schwellenländer blicken bereits hoffnungsvoll auf die deutsche Energiewende - und kopieren sie.

Gastbeitrag von Jennifer Morgan

In den Wochen vor der so wichtigen Klimakonferenz in Paris war ich häufig in Deutschland unterwegs. Immer wieder habe ich dabei zwei Einwände gegen den geplanten neuen Klimaschutzvertrag gehört. Der Vertrag wird das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, und die Verhandlungen machen ohnehin keinen Unterschied mehr, weil die nationalen Klimaschutzpläne schon festgezurrt sind. Und: Wenn die Klimaschutzpläne das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen werden, warum sollte dann Deutschland seinen vollen Beitrag leisten.

Es ist kein Geheimnis, dass ich eine Verfechterin des geplanten Vertrags bin. Aber ja, in einem Punkt haben die Kritiker recht: Wer vom Pariser Vertrag erwartet, dass er die entscheidende, globale Antwort auf den Umgang mit dem Klimawandel liefert, der kann nur enttäuscht werden. Was so jedoch übersehen wird, ist die Dynamik, die durch den Paris-Prozess ausgelöst worden ist und schon jetzt erste Erfolge vorzuweisen hat. Noch vor etwa einem Jahr steuerte die Welt auf eine Erwärmung deutlich jenseits der 4 Grad Celsius zu, und es gab so gut wie keine konkreten Pläne, daran etwas zu ändern.

Seitdem ist viel passiert. Erstens: Mehr als 160 Länder haben schon vor Beginn der Pariser Konferenz nationale Klimaschutzpläne vorgelegt. Das mag aus deutscher oder europäischer Sicht banal klingen, Klimaschutzpläne sind hier fast schon Routine. Aber ohne den Paris-Prozess hätte es die gemeinsame Klimaschutzerklärung Chinas und der USA nicht gegeben, der beiden größten Emittenten. Auch viele andere Länder haben sich jetzt das erste Mal systematisch die Frage gestellt, welchen Beitrag sie zum globalen Klimaschutz leisten können.

Diesmal sollen die Länder selber angeben, wie viel Emissionen sie einsparen wollen

Daraus folgt zweitens, dass die Regierungen weitgehend pragmatische Klimaschutzpläne vorgelegt haben; sie spiegeln wider, welche Emissionseinsparungen sie sich tatsächlich zutrauen. Ist so viel Pragmatismus gut oder schlecht? Bei den Kritikern schwingt vielleicht noch etwas wehmütige Erinnerung an das Kyoto-Protokoll mit: In Kyoto haben sich die Regierungen zuerst darauf geeinigt, wie viel Emissionen global reduziert werden müssen, und diese dann auf die teilnehmenden Länder verteilt. Nun, Paris ist nicht Kyoto, und das ist gut so. Denn zur Kyoto-Wahrheit gehört auch, dass sich die meisten Regierungen wenig bis keine Gedanken gemacht hatten, wie sie ihre Zusagen umsetzen werden.

Drittens machen die Klimaschutzpläne sehr wohl einen Unterschied. Sie bringen uns schon heute auf eine Erwärmung zwischen nur noch 2,7 bis 3,5 Grad. Eine jüngst veröffentlichte Studie von 16 internationalen Forschungsinstituten zeigt, dass in den sechs größten Volkswirtschaften der Welt mit ihren Klimaschutzplänen die Erneuerbaren bis 2030 zur dominanten Elektrizitätsquelle werden, und die CO₂-Intensität der Stromproduktion im gleichen Zeitraum um 40 Prozent sinkt.

Aber noch einmal: All das würde nicht ausreichen, wenn der Pariser Gipfel lediglich eine Gelegenheit wäre, bei der sich die Staats- und Regierungschefs gegenseitig zu ihren Klimaschutzplänen gratulieren. Das ist aber nicht der Fall. Paris muss die gerade beschriebene Dynamik aufnehmen und verstärken. Ein wichtiges Element, auf das sich die Länder noch einigen müssen, ist ein Langfristziel für die Emissionsminderung. Eine mögliche Formulierung dafür wäre die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis Mitte des Jahrhunderts, eine Wirtschaft ohne Kohle, Öl und Gas. Das ist weit mehr als Symbolpolitik: Das Langfristziel könnte schon in den kommenden Jahren bei Investitionsentscheidungen den entscheidenden Unterschied machen, und uns so bis zu fünf Gigatonnen zusätzliche Emissionsreduktion bringen.