Katholische Kirche Unglückselige Päpste

Zwei gescheiterte Päpste: Franziskus und Paul VI.

(Foto: Reuters/Wikimedia commons)

Franziskus wird am Sonntag Paul VI. heilig sprechen. Beide sind als Modernisierer angetreten - und beide werden wohl als gescheitert in die Geschichte eingehen.

Gastbeitrag von René Schlott

Als Papst Paul VI. am Abend des 6. August 1978 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo nach einem Herzanfall starb, hätte wohl niemand erwartet, dass er vier Jahrzehnte später in den Stand der Heiligen der katholischen Kirche erhoben werden wird. Als glücklos und allenfalls durchschnittlich gilt seine fünfzehnjährige Amtszeit in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, als farblos und hölzern gilt der Amtsinhaber selbst. An das volksnahe, joviale Image seines charismatischen Vorgängers Johannes XXIII. (1958-1963), des im Volksmund bekannten "Papa buono", konnte Paul VI. nie anknüpfen. Die FAZ schrieb damals in ihrem Nachruf auf den verstorbenen Papst, Johannes XXIII. habe "Liebe erweckt", Paul VI. aber "Mitleid erregt".

Dennoch ist es an diesem Sonntag soweit: In einer feierlichen Messe auf dem Petersplatz in Rom wird Papst Franziskus seinen Vorgänger Paul VI. nach Pius X. (1903-1922), Johannes XXIII. und Johannes Paul II. (1978-2005) als vierten Papst des 20. Jahrhunderts in die Liste der Heiligen aufnehmen. Nur vier Jahre nach seiner Seligsprechung wird der im Jahr 1897 bei Brescia geborene Giovanni Battista Montini, der sich nach seiner Wahl zum römischen Pontifex nach dem Apostel Paulus nannte, damit zur "Ehre der Altäre" erhoben. Damit darf er in der ganzen Weltkirche verehrt und im Gebet um Hilfe angerufen werden.

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"Einen Menschen zu beseitigen ist wie die Inanspruchnahme eines Auftragsmörders, um ein Problem zu lösen", sagte Papst Franziskus bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz.

Vor wenigen Monaten hatte der Vatikan die Heilung eines noch ungeborenen Kindes in Italien als durch Paul VI. gewirktes medizinisches Wunder anerkannt. Ein ähnliches Mirakel bei einer schwangeren Mutter in Kalifornien war bereits für seine Seligsprechung bestätigt worden. Damit hängen die beiden für eine Sanktifikation notwendigen Wunder mit dem päpstlichen Lehrschreiben zusammen, für das der von seinen Kritikern geschmähte "Pillen-Paul" noch heute bekannt ist: die Enzyklika "Humanae Vitae" aus dem Jahr 1968. Darin verurteilte der Papst entgegen den Empfehlungen zahlreicher Bischöfe und Theologen, ja entgegen der Empfehlung einer eigens von ihm eingesetzten päpstlichen Kommission, jegliche Form "nicht-natürlicher" Methoden der Empfängnisverhütung "vor, während oder nach dem Geschlechtsakt".

Pille und Kondom erklärte der Papst für genauso "verwerflich", wie Sterilisation und Abtreibung. Damit stürzte er zahlreiche Mitglieder seiner Kirche in Gewissenskonflikte und löste letztlich eine bis heute anhaltende und weiter wachsende Entfremdung zwischen den theologischen Dogmen der römischen Amtskirche und der Lebenswirklichkeit der Gläubigen in aller Welt aus. Die Deutsche Bischofskonferenz tagte damals in einer Sonderkonferenz und fasste eilig einen Beschluss, wonach jede Katholikin und jeder Katholik zuerst seinem Gewissen und erst dann den kirchlichen Autoritäten folgen müsse.

Die Macht der Kurie bleibt unangetastet, die Kräfte der Beharrung sind stärker

Ähnliche innerkirchliche Verwerfung wie die Enzyklika "Humane Vitae" löste zuletzt das päpstliche Dokument "Amoris laetitita" aus dem Jahr 2016 aus. Darin forderte Papst Franziskus seine Mitbrüder auf, alle moralischen Fragen im Zusammenhang von Ehe, Sexualität und Familie realistischer und barmherziger zu behandeln. So wollte er die strittige Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten der Entscheidung der Ortskirchen überlassen. Konservative Theologen und einzelne Kardinäle kritisierten Passagen des Schreibens als Irrtum und fordern seither erfolglos vom beharrlich schweigenden Franziskus eine Klarstellung. Sogar der Vorwurf der Häresie wurde gegen den amtierenden Papst erhoben. Der Anklage der Irrlehre sah sich bereits Paul VI. vonseiten der konservativen Pius-Bruderschaft ausgesetzt. Und damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen Franziskus und dem Montini-Papst noch nicht.

Beide begannen ihr Pontifikat mit großen Hoffnungen und nicht minder großen Erwartungen von Kirche und Weltöffentlichkeit. Paul VI. setzte das von seinem Vorgänger einberufene Reformkonzil fort und brachte es nach zweieinhalb Jahren mit wegweisenden Beschlüssen etwa zur Religionsfreiheit, zum Verhältnis zum Judentum und zur Reform der Liturgie zum Abschluss. Doch im Verlauf seines Pontifikats geriet er mehr und mehr unter den Einfluss der konservativen Kräfte in seiner Kirche. Fortan lavierte er zwischen den Lagern, ohne sich auf eine Seite zu schlagen und beherzte Reformschritte in Angriff zu nehmen. Es blieb bei vielen Ankündigungen. Bald galt Paul VI. als "Zauderer" auf dem Stuhl Petri, der es allen recht machen wollte, es aber niemandem recht machen konnte. Der Zeitzeuge Hans Küng schrieb über das "Hamletartige" von Paul VI.: "Er möchte und möchte doch nicht."

René Schlott, 41, ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung und lehrt an der Universität Potsdam.

(Foto: oh)

Wie Franziskus hatte er gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine entschlossene Kurienreform angekündigt, in beiden Fällen konnte diese aber Macht und Einfluss der römischen Kurie bis heute nicht wirklich brechen. Die vatikanischen Beharrungskräfte erwiesen sich als stärker als alle symbolischen Gesten, wie etwa das Niederlegen der Tiara durch Paul VI. oder der Verzicht auf die Wohnung im Papstpalast durch Franziskus. Das hängt auch damit zusammen, dass beide Päpste den von ihren jeweiligen Vorgängern eingesetzten Amtsträger auf einem der wichtigsten Posten der Kurie beließen: den Chef der mächtigen Glaubenskongregation, die bis 1965 als Nachfolgebehörde der Inquisition den Namen "Heiliges Offizium" trug.

Paul VI. bestätigte den konservativen Kardinal und Konzilsgegner Alfredo Ottaviani (1890-1979) auf diesem Posten, Franziskus hielt zunächst an dem noch von Benedikt XVI. ernannten Gerhard Ludwig Müller fest, bevor er im Juli 2017 ohne Angabe von Gründen auf eine Verlängerung von dessen Amtszeit verzichtete, womit die Schar seiner innerkirchlichen Gegner weiter wuchs.

Die Worte, die Franziskus in seiner Predigt zur Seligsprechung von Paul VI. im Jahr 2014 fand, spiegeln mehr und mehr seine eigene Situation: "Während sich eine säkularisierte und feindliche Gesellschaft abzeichnete, hat er es verstanden, weitblickend und weise - und manchmal einsam - das Schiff Petri zu steuern." Sein Pontifikat kann schon heute als gescheitert gelten. Sollte Franziskus nicht doch noch für Überraschungen gut sein - wogegen vieles spricht, etwa der Verlauf der derzeitigen Jugendsynode im Vatikan, das Lavieren mit der Deutschen Bischofskonferenz um die Frage der gemeinsamen Kommunion für gemischtkonfessionelle Ehepaare, vor allem der unentschlossene Umgang mit den Missbrauchsfällen - wird er, wie sein nun bald heiliger Vorgänger Paul VI., als "Papa infelix" in die Kirchengeschichte eingehen. Als unglückseliger Papst.

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