Außenansicht Sich selbst treu, auch unter Trump

Thomas Speckmann, 44, ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Potsdam.

(Foto: oh)

Der angekündigte Rückzug der USA aus Syrien steht in der Tradition westlicher Sicherheitspolitik.

Von Thomas Speckmann

Jetzt ist er wohl vollends verrückt geworden. Die Kommentare zu Donald Trumps Ankündigung, die amerikanischen Truppen aus Syrien abzuziehen, und seine Überlegungen, die militärische Präsenz in Afghanistan deutlich zu reduzieren, lesen sich wie ein einziger Aufschrei: leichtsinnig, keine Ahnung, absolut gefährlich! Die Kehrtwende hat auch in Washington überrascht, dabei ist sie gar nicht so außergewöhnlich. Dazu genügt ein Blick in die Militärgeschichte des Westens: Ist seine eigene Sicherheit nicht im engeren Sinne bedroht, greifen selbst interventionsfreudige Mächte wie die USA, Großbritannien und Frankreich in der Regel nicht im großen Stil zu den Waffen. Eine Intervention mit Bodentruppen größerer Zahl bleibt dann meist aus. Allenfalls Spezialeinheiten, private Sicherheitsunternehmen, Luftschläge, Luftaufklärung, Waffenlieferungen, Ausbildung und Logistik für Alliierte vor Ort werden mobilisiert.

Das hat Gründe. Von den 1990er-Jahren an haben sich westliche Demokratien immer wieder in einen fatalen Kreislauf ziehen lassen: Irgendwo auf der Welt kommt es zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen oder terroristischen Aktivitäten. Die Medien berichten. Die Öffentlichkeit ist empört. Die Forderung nach einer Intervention erschallt. Truppen werden in Marsch gesetzt. Spätestens einige Wochen nach deren Ankunft erlahmt das Interesse der Medien. Es folgt öffentliches Desinteresse. Parallel steigen die Zahl menschlicher Opfer sowie die Kosten des Einsatzes. Die Öffentlichkeit ist empört, große Teile der Medien sind es auch. Der Ruf nach einer Rückkehr der Soldaten wird lauter.

Um diesen Kreislauf erst gar nicht in Gang kommen zu lassen, überlegen sich die Demokratien des Westens meist genau, wann sie zu den Waffen greifen und warum. Zwar haben sie in der Weltgeschichte unzählige Kriege geführt. Aber sie bevorzugen die Defensive. Demokratien tun sich allgemein schwer mit einer Außenpolitik, die präventives Handeln des Militärs vorsieht. Deshalb hat es in der Geschichte nur wenige Fälle gegeben, in denen Demokratien als Erste zu den Waffen griffen: Frankreich tat dies in den Revolutionskriegen; Großbritannien vernichtete 1801 die dänische Flotte im Ringen mit Napoleon; Paris und London begannen 1956 zusammen mit Israel eine Invasion Ägyptens. Israel griff 1967 präventiv seine arabischen Nachbarn an, schließlich besetzten die USA 2003 den Irak. In diese Reihe lässt sich auch der internationale Militäreinsatz in Libyen 2011 aufnehmen, vor allem von Frankreich und Großbritannien initiiert.

Die Reihe erscheint lang, doch insgesamt bleiben solche Interventionen Ausnahmen. Denn Gesellschaften demokratischer Staaten unterstützen über längere Zeit meist nur Kriege zu ihrer direkten Verteidigung. Offensive Operationen oder Interventionen in fernen Weltgegenden verlieren oftmals rasch die Unterstützung der demokratischen Heimatfront. Franklin D. Roosevelt überzeugte die Amerikaner nicht, in den Krieg gegen Deutschland und dessen Verbündete einzutreten, bis die USA in Pearl Harbor von Japan attackiert wurden. Doch selbst dann war es Hitler, der Amerika den Krieg erklärte - und nicht anders herum. Auf dem europäischen Schauplatz hatten Frankreich und Großbritannien seit Kriegsbeginn weitgehend untätig den deutschen Angriff 1940 abgewartet. Hier zeigte sich erneut, wie wenig demokratische Gesellschaften bereit sind, die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und humanitären Kosten von Waffengängen zu tragen, wenn sie nicht selbst angegriffen werden.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg hatten Sieger wie Verlierer vor dem Problem gestanden, ihre ökonomisch und sozial zertrümmerten Gesellschaften wieder aufbauen zu müssen. Keine der europäischen Kriegsparteien hatte den Krieg so beendet, wie sie in ihn eingetreten war: Das britische Realeinkommen lag zehn bis 20 Prozent unter dem zu Kriegsbeginn, das französische war um rund ein Viertel gesunken. Auch die für den Bestand von Demokratien so essenzielle Mittelschicht war in weiten Teilen Europas wirtschaftlich verarmt und politisch radikalisiert.

Verarmung und Radikalisierung als Folgen eines Krieges, zumal eines selbst begonnenen, lassen sich auch in den heutigen USA beobachten. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat vorgerechnet, wie teuer seinen Landsleuten neben den Tausenden Gefallenen und Verwundeten auch ökonomisch der Irakkrieg gekommen ist: Den Feldzug zur Befreiung Kuwaits unter Bush senior bezahlten noch die Alliierten zu 80 Prozent; im zweiten Irakkrieg seit 2003 hat der amerikanische Steuerzahler ungefähr drei Billionen Dollar ausgegeben, ohne damit die US-Wirtschaft nachhaltig zu stimulieren. Dies geschah zulasten der kommenden Generationen: Die Entmachtung Saddam Husseins wurde, anders als jeder andere Krieg in der amerikanischen Geschichte, allein durch Kredite finanziert. Dies hat der Produktivität geschadet, weil für öffentliche Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur weniger Geld übrig blieb. Und es hat auch dazu beigetragen, dass Trump mit seinen Slogans "America First" und "Make America Great Again" so erfolgreich sein konnte.

Wie nun in Syrien und Afghanistan verhalten sich westliche Demokratien jedoch nur, wenn ihre Sicherheit nicht direkt bedroht ist. Gelangt hingegen eine gesellschaftliche wie politische Mehrheit zu der Überzeugung, dass Opfer menschlicher und materieller Art nicht zu vermeiden sind, um das eigene Land und seine Interessen zu schützen, dann haben sich Europas und Amerikas Demokratien letztlich als unbesiegbar erwiesen - allen gelegentlichen Niederlagen zum Trotz, und das vor wie nach 1945: Für die Rückeroberung der von Argentinien besetzten Falklandinseln hat Großbritannien 1982 die schwersten Verluste der Royal Navy seit dem Zweiten Weltkrieg in Kauf genommen, für die Jahrzehnte dauernde Bezwingung der IRA tausend gefallene Soldaten.

Elementare Voraussetzung für eine derart große Opferbereitschaft war, dass die Mehrheit der britischen Bevölkerung hinter dem Einsatz ihres Militärs stand. Denn sie empfand beide Konflikte als von außen aufgezwungen und sah sich daher in einer Verteidigungsposition. Doch dies ist im Westen heute allenfalls im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus an der Heimatfront der Fall - nicht zuletzt wegen der Opfer durch die Anschläge in Großbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland.

Für den unübersichtlichen Krieg in Syrien gilt dies weniger. So steht der angekündigte Rückzug der USA in der Tradition westlicher Sicherheitspolitik. Der Westen bleibt sich treu - sogar unter Trump.