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Wie sich das gesellschaftliche Klima im Vereinigten Königreich vor dem Brexit-Referendum ändert.

Von Edgar Klüsener

Am 23. Juni hat Großbritannien die Wahl: raus aus der EU oder doch besser drinbleiben. Vor einigen Monaten schien die Sache noch klar zu sein. Eine, wenn auch kleine, Mehrheit würde sicher für ein Verbleiben in der Europäischen Union stimmen. Kein Grund zu echter Unruhe mithin für einen EU-Bürger, der von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch gemacht und sich auf der Insel angesiedelt hat. Vor 19 Jahren war das, und ich bin immer noch da, eigentlich rundum zufrieden mit meinem Leben in Manchester. Meine drei Töchter sind hier geboren, ein Haus, Arbeit, eine gute Nachbarschaft und viele Freunde. Doch glaubt man den letzten Umfragen, steht das alles jetzt auf dem Spiel. Für mich ebenso wie für die zwei Millionen anderen EU-Bürger, die zur Zeit im Vereinigten Königreich leben. Was, fragen wir uns zunehmend besorgter, je näher der Referendums-Tag rückt, soll aus uns dann werden?

Dazu kommt ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Mitentscheiden darf ich nicht, mein Wohl und Wehe in dem Land, das längst zur Heimat geworden ist, in dem ich Bürger und Steuerzahler bin, liegt nun in der Hand anderer. Dabei sind nicht alle EU-Bürger gleich in Großbritannien. Auf der einen Seite sind die, deren Herkunftsland nicht nur zur EU, sondern auch zum Commonwealth gehört, wie Zypern oder Malta zum Beispiel. Commonwealth-Bürger dürfen sehr wohl abstimmen, wenn sie in Großbritannien ihren Wohnsitz haben. Nicht stimmberechtigt sind dagegen 700 000 der etwa zwei Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern leben und arbeiten. Das sind all jene, die Großbritannien vor 15 Jahren oder früher verlassen haben. Kein Wunder, dass die Expats sauer sind, steht für sie doch ebenfalls ihre Existenz auf dem Spiel.

Rund vier Millionen Menschen sind direkt nachteilig betroffen, sollten die Briten für den Brexit votieren. Vier Millionen Menschen, die die europäische Idee leben, und zwar jenseits undurchschaubarer und nur halbherzig demokratischer Strukturen in Brüssel und ganz entgegen den fremdenfeindlichen Parolen, die in beinahe allen EU-Ländern so unheilvoll zunehmen. Diese vier Millionen wiederum sind nur ein kleiner Prozentsatz all jener EU-Bürger, die das Recht auf Niederlassungsfreiheit für sich nützen. Besonders jüngere Menschen leben und amüsieren sich längst europäisch.

Zudem sind da die grenzüberschreitenden Regionen. Europäischer Alltag funktioniert dort hervorragend. Was für das Vereinigte Königreich bei einem Brexit zum Problem werden wird. Irland ist im Moment de facto vereinigt, zwischen der Republik und dem britischen Nordirland sind alle Grenzen gefallen. Menschen, Waren und Dienstleistungen fließen ungehindert in beide Richtungen und Familienbande verflechten die Republik mit dem Norden und der britischen Hauptinsel. Nach dem Brexit würden die Barrieren zwischen dem EU-Mitglied Irische Republik und dem britischen Nordirland wieder aufgerichtet werden, das Miteinander in persönlicher wie in politischer und ökonomischer Sicht erheblich komplizierter werden. Den Nordiren dämmert das langsam, eine klare Mehrheit darf das Brexit-Lager dort kaum noch erwarten. Wohl aber ein gewalttätiges Wiederaufleben alter Konflikte, die man mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 eigentlich begraben geglaubt hatte.

Konservativ, weltoffen und auf Distanz achtend - bisher war das Land einladend für Gäste

EU-Bürger zieht es seit Jahrzehnten aus den unterschiedlichsten Gründen ins Vereinigte Königreich. Sie studieren und arbeiten dort, sind Ingenieure und Barkeeper, Ärzte und Krankenschwestern, Fußballer oder Ladenhilfen. Andere kamen der Liebe wegen, oder wegen der britischen Pop- und Ravekultur. Was auch immer der Grund war oder ist, eins ist allen gemeinsam: Man wird schnell heimisch in einer Gesellschaft, die zugleich konservativ und weltoffen ist, die auf Distanz achtet und einen trotzdem willkommen heißt.

Bisher zumindest. Denn seit einiger Zeit heizt sich die Stimmung auf, ein großer Teil der britischen Bevölkerung will raus aus der Internationalität. Schotten dicht, keinen mehr reinlassen, so spitzt sich die Debatte zu. Ging es ursprünglich um das nicht unberechtigte Unbehagen mancher Briten an der EU-Bürokratie und um deren gefühltes Demokratie-Defizit, sind die Töne inzwischen längst ganz andere. Seit Monaten wird die Debatte dominiert von offen fremdenfeindlichen und rassistischen Parolen. Um die Horden von Immigranten dreht sich nun alles, die das Inselreich angeblich wie die Heuschrecken überrennen, den Sozialstaat aussaugen, rechtschaffene Briten um Lohn und Arbeit bringen und die Straßen bei Nacht unsicher machen. Gegenargumente finden in dieser Atmosphäre kein Gehör mehr.

Stattdessen werden die Töne immer schriller. Eine der extremeren Brexit-Ideen ist die Theorie, wonach die EU Teil eines deutschen Geheimplans zur Etablierung eines Vierten Reichs ist. Die Verschwörungstheorien wuchern im gleichen Maße wie die Fremdenfeindlichkeit. Hier finden sich die britischen EU-Gegner dann endlich in schlechtester europäischer Gesellschaft wieder, Geschwister im Geiste mit Nazis und Populisten, völkischen Träumern und Rassisten in Frankreich, Deutschland, Holland, Ungarn, Österreich, in der Slowakei oder Polen. Die Rolle-rückwärts-Revolution von rechts außen ist eben auch nur ein europäisches Projekt.

Was auffällt, ist, dass die Befürworter eines Verbleibs in der Europäischen Union seltsam sprachlos sind. Nur sehr sporadisch werden positive Aspekte der EU angesprochen, niemand appelliert an die europäische Identität, die auch in Großbritannien über die Jahrzehnte gereift ist. Nur die Jungen, so scheint es, sind sich dieser Identität überhaupt bewusst und wissen sie zu schätzen. Der Kampf um die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU ist damit auch ein Generationenkonflikt.

Ein Auseinanderbrechen des Landes nach dem Referendum ist zudem eine durchaus realistische Möglichkeit. Schottlands regierende Nationalisten haben bereits unmissverständlich angedeutet, dass im Falle eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU auch die Frage des weiteren Verbleibs Schottlands im Vereinigten Königreich neu gestellt werden müsse.

Derweil teilen wir direkt Betroffenen, egal ob britische Expats auf dem Kontinent oder EU-Bürger im Königreich, eine Ahnung, dass wir vielleicht schon einen Schritt weiter sind in Sachen Europa als Identität und Lebenswirklichkeit. Ist der innere Konflikt der Zukunft vielleicht auch einer zwischen noch sprachlosen Europäern und lauten europäischen Klein- und Nationalstaatlern? Der Brexit, sollte er denn tatsächlich kommen, wird auch in diesem Punkt neue Erkenntnisse liefern.