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Außenansicht:Nationalismus ist Idiotie

Norbert Blüm

Norbert Blüm, 81, war von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Er ist Mitglied der CDU.

(Foto: dpa)

Das Flüchtlingselend ist national so wenig zu bewältigen wie die Klimakatastrophe. Die brutale Geschichte der Staaten Europas sollte Politikern von heute eine Lehre sein.

Soll Europa sich mit Mauern umgeben und das Elend der Welt aussperren? Wie hoch muss die Mauer werden, damit sie unüberwindbar wird? Wie dicht soll die Grenze sein, damit sich nirgendwo ein Schlupfloch findet? Wie lang wird der Zaun sein, der nicht umgangen werden kann? Es gehört zu den Paradoxien der Zeitgeschichte, dass ausgerechnet Staaten wie Polen und Ungarn am lautesten die Aussperrung der Flüchtlinge verlangen. Sie haben doch selbst noch vor ein paar Jahren erfahren, was es bedeutet, von Europa ausgesperrt zu sein, hinter einem Eisernen Vorhang zu leben.

Polen zerstört so die Erinnerung an die Befreiungsbewegung Solidarność. Die Hoffnung der Polen war die Heimkehr ihres Landes in ein freies Europa. Die Ungarn verordnen sich gegenwärtig selbst einen Gedächtnisschwund. Sie lassen ihre Heldentat vergessen, die Entscheidung von 1989, den Stacheldraht zu durchtrennen, um DDR-Bürgern die Flucht zu ermöglichen. Damals riskierte das Land sogar die Rache der Sowjetunion, die schon einmal, 1956, die ungarische Freiheitsbewegung mit Panzern niedergewalzt hatte. 2016 zeigen die Ungarn nationalen Autismus und verraten so die besten Traditionen Europas. Der Nationalismus ist eine Festung, die nur eine Zugbrücke besitzt. Dahinter sind alle Insassen geschützt und gefangen.

National ist das Flüchtlingselend so wenig zu bewältigen wie die Klimakatastrophe. Auch der globale Terrorismus lässt sich nicht mit nationalen Einheiten überwinden, der globale Finanzkapitalismus nicht national bändigen. Die großen Probleme der Welt sind also dem Nationalstaat längst über den Kopf gewachsen. Was verlieren wir, wenn wir ihn aufgeben?

Nur 74 Jahre existierte das Deutsche Reich, der Inbegriff des deutschen Nationalstaats. Die Zeit entspricht ungefähr einem Menschenleben. In dieser Zeitspanne führte Deutschland dreimal Krieg mit Frankreich. Generationen schlugen sich die Köpfe wegen nationaler Grenzen blutig. Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Dabei ging es um so banale Fragen, wie die, wo der Grenzstein zwischen Frankreich und Deutschland in den Boden gegraben werde. Warum sollten wir uns nach der Rückkehr zu einem solchen Irrsinn sehnen?

"Das ist mein Sohn Kurt. Ich bin stolz, ihn dem Führer geopfert zu haben"

Wie idiotisch Nationalismus ist, habe ich nicht aus Büchern gelernt. Die Erleuchtung hat mich als Kind wie ein Blitz getroffen. Eine Frau Frangel gewährte uns, meiner Mutter, meinem Bruder und mir, während des Krieges Unterschlupf auf dem Lande (Vater war an der Front). Wir waren vor täglichem Fliegeralarm und Bombenangriffen aus der Stadt geflohen. In Frau Frangels Bauernhof hing an der Wand das Bild eines jungen Mannes in Soldatenuniform. Ein schwarzer Trauerflor überquerte den oberen rechten Bildwinkel. Mit trotzig erhobenem Kopf zeigte Frau Frangel mit der rechten Hand auf das Bild an der Wand. Dann sagte sie: "Das ist mein Sohn Kurt. Ich bin stolz, ihn dem Führer geopfert zu haben." Vom Führer verstand ich gar nichts; aber dass da eine teuflische Verrücktheit im Spiel war, das ahnte ich schon mit neun Jahren.

Nationalismus versteht etwas von Macht, Glanz und Gloria, weniger von Menschlichkeit. Macht ist die Triebfeder jedweder nationalistischer Politik. Warum sollte ich dem Nationalstaat nachtrauern? Er ist ein Zwischenspiel der Geschichte, weder gottgegeben noch naturgewachsen.

Die Nationalstaaten Afrikas sind die Erfindung von Kolonialherren, welche die Grenzen ihrer Reiche mit dem Bleistift auf der Landkarte malten. Um die streiten sich bis heute die Machthaber, die das Ausbeutungssystem aus der Kolonialzeit übernommen haben. In Europa gibt es keinen Nationalstaat, der nicht im Laufe seiner Geschichte teilweise oder ganz im Besitz eines Nachbarstaates gewesen wäre oder sich umgekehrt auf Nachbarstaaten ausgedehnt, bisweilen sie auch ganz geschluckt hätte.

Nationalstaaten sind das Ergebnis von Kriegen, Intrigen, Heiraten, Propaganda, Erpressungen, Lug und Trug. Bisweilen dienten Nationalbewegungen der Emanzipation von der alten Obrigkeit, zeitweise aber auch lediglich dem Ersatz der alten durch die neuen autoritären Systeme. Die längste Zeit seiner Geschichte kam Europa ohne Nationalstaat aus. Und es waren darunter große Kulturepochen.

Europäische Kultur jedenfalls ist kein nationales Eigengewächs. Die mittelalterliche Philosophie knüpfte an die antiken klassischen Denkschulen mit Hilfe arabischer Philosophen an. Averroes war der Übersetzer des Aristoteles, auf dessen philosophischem Fundament Thomas von Aquin sein scholastisches Denkgebäude aufbaute. Shakespeare bediente sich griechischer, lateinischer und italienischer Motive in seinen großen Dramen. Am preußischen Hofe Friedrichs des Großen dinierte die Elite europäischer Kultur. Voltaire war längere Zeit zu Gast. Der König selbst parlierte vornehmlich auf Französisch.

Die besten unserer Landsleute waren Europäer. Der Bonner Beethoven schuf seine großen Werke in Wien. Mozart übte sein Gewerbe als durchreisender musikalischer Familienbetrieb an den großen und kleinen Fürstenhöfen Europas aus. Händel erlebte seine größten Triumphe in London. Goethe überwand poetische Trockenperioden auf einer Italienreise. Heine pendelte zwischen Paris und Düsseldorf, Marx wandert notgedrungen von Trier über Bonn, Berlin, Köln, Paris nach London. Mein europäisches Urerlebnis fand 1954 auf einer europäischen Jugend-Sternfahrt nach Den Haag statt. Wir - zusammengekarrt aus vielen Gegenden Deutschlands - kamen in einem alten Bus nach zwölf Stunden Fahrtzeit am Ziel an. Dort sprach Paul Henry Spaak, einer der großen Europäer der ersten Stunde. Ich verstand kein Wort von seiner Rede, begriff aber alles, was er sagen wollte. Rund um das Rednerpult hatten sich Veteranen aller Krieg führenden Länder aufgereiht, Franzosen, Italiener, Briten, Dänen, Holländer. Es waren Typen von unterschiedlichem Alter, ganz junge und uralte. Große, kleine, dicke, dünne, zerlumpte und gut gekleidete. In einem jedoch waren die aufgestellten Zeitzeugen gleich: Jedem fehlte ein Körperteil: Arm, Bein, Auge. Europa war der Kontinent der Kriegskrüppel.

Die Lehre aus der Vergangenheit hieß: Nie wieder! Die europäische Einigung ist der Versuch, aus Fehlern zu lernen. Die Nachkriegsgeschichte Europas ist eine Mischung von politischer Kühnheit und Verzagtheit, Lethargie und Aufbruch. Die Gründungsväter der Europäischen Vereinigung De Gasperi, Schumann, Monnet und Adenauer hatten jedenfalls mehr Mut zu Europa als alle heutigen Staatschefs zusammen. Wir sollten von ihnen lernen.

© SZ vom 09.08.2016
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