Außenansicht:Mein Land

Außenansicht

Fouad Yazji, 57, ist ein syrischer Schriftsteller. Er stammt aus der heute fast völlig zerstörten Stadt Homs und lebt auf Einladung des deutschen PEN-Zentrums derzeit in München.

(Foto: oh)

Die Zukunft Syriens liegt in einer Föderation aus Alawiten, Sunniten und Kurden. Ohne Hilfe von außen ist das nicht zu schaffen.

Von Fouad Yazji

Nein, ich glaube nicht mehr, dass sich der syrische Krieg noch über ein Vierteljahrhundert hinziehen wird, so wie die Kriege in Sri Lanka, Somalia und im Irak. Der Westen hat beschlossen, den Strom der Flüchtlinge und den Terror zu stoppen. Aber sind die internationalen Mächte wirklich auf der Suche nach einer Lösung . Oder geht es ihnen nur um eigene Interessen? Und werden sie eine Lösung finden, wenn sie nicht danach suchen? Oder sind sie wie der Mann, der eine Kiste öffnen möchte, während er darauf sitzt?

Sie wollen in die Städte des sogenannten Islamischen Staats (IS) einmarschieren und dessen Mitglieder vertreiben. In ihren Augen sehen diese aus wie Dämonen mit einer teuflischen Ideologie. Sieht man jedoch genauer hin, merkt man, dass sie Kinder der Armut und Nachkommen der schrecklichen Diktatur von Saddam Hussein sind, einer Diktatur, die das reichste arabische Land in den Hunger stürzte. Als die Menschen nichts zu essen fanden, war es natürlich, dass sie sich einer Mafia mit religiösem Deckmantel anschlossen. Ihre Bärte wurden länger und sie nahmen Waffen in die Hand. Wenn wir sie ausrotten - statt ein Abkommen mit ihnen zu schließen, sie aufzuhalten oder sie in irgendeiner Weise zu kaufen - unterdrücken wir sie doppelt.

Ich möchte sie damit nicht verteidigen: Meine Eltern sind orthodoxe Christen und ich bin Säkularist. Aber die Besetzung ihrer Gebiete und deren Zerstörung wird zu weiterem Hunger führen. Und aus diesem Hunger werden Organisationen entstehen, die noch mehr Schrecken und Blutvergießen verursachen. Auch diese Organisationen werden islamische Slogans annehmen. Wie könnte dies die Lösung für Syrien sein?

Jeder träumt von einem Syrien mit Demokratie und Menschenrechten. Wenn wir aber nicht verstehen, was genau geschieht, wie können wir dann hoffen, unsere Ziele zu erreichen? Wir glauben, dass die Mitglieder des Islamischen Staats für Jungfrauen im Paradies kämpfen. Aber das stimmt nicht. Sie kämpfen für ein Gehalt und aus Verzweiflung über ihr Leben. Sie kämpfen mit derselben Mentalität wie Mitglieder der Mafia: Sie rauben die Bank aus oder sterben und machen ihrem Leiden so ein Ende.

Viele Menschen glauben, dass der Schleier die Ideologie der muslimischen Frauen ist. Das ist nicht richtig. Vor gerade mal 40 Jahren wurden nirgendwo Schleier getragen, weder in Ägypten noch in Syrien. Noch nicht einmal in Afghanistan. Die Schleier kamen infolge des wirtschaftlichen Abstiegs und der Diktaturen, die ihn zu verantworten hatten. Man hat es mit der Ideologie unterentwickelter, nicht islamischer Völker zu tun.

Ein richtiger Blickwinkel auf die Realität wird dazu führen, dass die internationalen Mächte uns helfen, statt uns zu hassen. Syrien ist heute ein unterentwickeltes Land, aber früher gab es die Zivilisationen der Assyrer, Aramäer und Araber. Es dürfte nicht sehr schwierig sein, künftig eine Demokratie zu schaffen, wenn wir uns als Nachkommen der Vergangenheit sehen.

Ein Ende des Krieges ist ohne Hilfe von außen nicht vorstellbar

Der Weg zu einem säkularen, zivilen Staat ist ohne die Hilfe der Industrienationen nicht möglich. Natürlich beginnt er damit, dass wir den furchtbaren Krieg beenden. Die Lösung könnte ganz einfach sein. Jede Denomination regiert sich selbst, Syrien wird zu drei Ländern: einem sunnitischen, einem alawitischen und einem kurdischen. Warum nicht?

Sunniten hassen Alawiten zurzeit so sehr, weil eine alawitische Diktatur 400 000 Menschen getötet, weitere 400 000 eingesperrt und zwölf Millionen Sunniten aus ihren Häusern vertrieben hat. Können sich Alawiten noch auf der Straße zeigen? Können sie unter guten Bedingungen in ihren Häusern leben, während die sunnitische Mehrheit überall bettelt? Eine Teilung würde die Rache verhindern. Ich weiß, dass die Lösung einer Föderation für ein Land in der Dritten Welt sehr kompliziert wäre. Syrer kennen so etwas nicht. Die Sunniten bereiten sich zurzeit auf 150 Jahre Rache vor. Wenn die Syrer nach 50 oder 100 Jahren kultiviert geworden sind, werden sie sich wieder zusammenschließen unter einer Föderation.

Eine solche Lösung könnte per Telefon erreicht werden, wenn ein aufrichtiger Geist herrschte und die Köpfe klar wären. Aber sind die internationalen Mächte auf der Suche nach einer echten Lösung? Sie fragen noch immer: Ist es wirklich ein Krieg? Oder der größte Aufstand für Freiheit? War Assad zuvor demokratisch oder der schlechteste Diktator der Welt? Waren die Demonstrationen nicht ursprünglich friedlich? Hat die Diktatur wirklich Hunderte sehr junger Menschen bei diesen Demonstrationen festgenommen und getötet? John F. Kennedy sagte: Wer eine friedliche Revolution verhindert, macht eine gewalttätige Revolution unvermeidlich.

Ich weiß, was Sie sagen werden: Wir mögen die langen Bärte der Rebellen nicht. Aber diese Rebellen sind das Produkt der Bildung unter einer Diktatur, die seit 50 Jahren eine liberale Kultur verhindert. Wenn wir uns ein syrisches Fußballteam ansehen und sechs der Spieler einen langen Bart haben, verbieten wir ihnen dann, zu spielen? Oder wenn in einem Orchester mit zehn Mitgliedern sechs Bärte haben, verbieten wir ihm zu musizieren? Genauso können wir eine Revolution gegen eine Diktatur nicht verbieten, weil 60 Prozent der Revolutionäre Bärte tragen. Revolutionen wurden schon immer von hungrigen Menschen gemacht, die nichts zu verlieren hatten, außer ihre Ketten. Victor Hugo sagte: Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, wird die Revolution zum Recht. Später wird die Welt erkennen, dass die syrische Revolution die Schule der Revolutionen war. Die Rebellen waren geduldig, als sie die Kälte, die Gefängniszellen, die Hungersnot, die Obdachlosigkeit, die Vergewaltigung ihrer Frauen, die getöteten Verwandten und den Verlust von Eigentum durchlebten.

Alexis de Tocqueville sagte: Bei einer Revolution, wie bei einem Roman, ist das Ende der schwierigste Teil. Wenn wir also ein Bild der Zukunft Syriens zeichnen möchten, werden wir in unserer Fantasie nur das Unbekannte und das Düstere finden. Besonders die Suche nach einer Alternative zu Assad stellt den Westen vor ein Rätsel. Syrien ist ein armes Land. Es hat kein Öl wie der Irak und benötigt viel Zeit, um sich zu erholen. Die Lösung der syrischen Tragödie liegt nicht in Syrien und auch nicht in Ländern, die nur empfehlen, was allein für sie das Beste ist. Aber nach 100 Jahren werden wir erkennen, dass die Lösung nicht weit von uns entfernt war.

Menschen und Nationen handeln und werden immer erst dann weise, wenn sie alle anderen dummen, gefährlichen Alternativen ausprobiert haben. Ich hoffe, dass die Syrer inzwischen alle ausprobiert haben.

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