Außenansicht Lob der Kulturreligion

Der Theologe Johann Hinrich Claussen, 53, ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.

(Foto: Norbert Neetz/epd)

Ist die Säkularisierung das Ende des Christentums? Die Kirchen entwickeln eine merkwürdige Lust am Untergang.

Von Johann Hinrich Claussen

Die Deutschen pflegen eine seltsame Lust am eigenen Niedergang, und am schlimmsten treiben es die Protestanten und Katholiken. Nicht, dass es keine Anlässe gäbe. Kürzlich erst erklärte der Berliner Senat auf eine Anfrage der Linken, dass nur noch 25 Prozent der Einwohner Mitglied einer der beiden großen Kirchen sind. Auch wenn sich die Stadtteile in West, Mitte und Ost sehr unterscheiden, ist dies doch eine Ansage. Aber was sagt solch eine Zahl aus? Deutschland ist immer noch ein erstaunlich christlich geprägtes Land. Etwa 55 Prozent der Gesamtbevölkerung gehören einer Kirche an. Alle sind an eine Infrastruktur mit wertvollen Kirchbauten in gutem Zustand gewöhnt, an ein akademisch ausgebildetes und anständig bezahltes Personal, wie es dies weltweit nirgendwo sonst gibt. Man muss gar nicht erst auf das unkirchlichste Land Europas, nach Tschechien, schauen, um festzustellen, wie ungewöhnlich dieser hohe Standard ist. Es reicht schon der Blick zu den Niederlanden oder nach Großbritannien, wo kirchliches Christentum fast nur noch bei königlichen Festlichkeiten eine gesellschaftliche Rolle spielt.

Dieser Standard wird sich allerdings nicht halten lassen. Schon jetzt führt das die Kirchen vor schwere Herausforderungen und in heftige Konflikte. Aber muss man deshalb alarmistisch das Ende des Christentums in Deutschland beschreien? Man könnte auch ganz nüchtern feststellen, dass der statistische Ausgangspunkt dieser Betrachtungsweise - die 1950er-Jahre - ein Sonderfall war. Nach der damals fast vollständigen Durchdringung der Gesellschaft mit einem institutionell gebundenen Christentum findet seit Langem etwas statt, das sich auch als Normalisierung bezeichnen ließe. In dieser Perspektive könnte man gelassen, aber auch neugierig die vielfältigen Veränderungen im religiösen Feld beobachten und überlegen, wie man auf sie reagieren sollte.

Doch zu groß ist das Interesse an düsteren Eindeutigkeiten. Es wird zudem regelmäßig von empirischen Religionssoziologen und Meinungsforschern angestachelt. So veröffentlichte unlängst das Institut für Demoskopie Allensbach eine Studie, die den religiösen Wandel fein säuberlich in sinkende Linien bannte: der Glaube an die Trinität, die Schöpfung, den Gottessohn, die leibliche Auferstehung - alles nimmt beständig ab. Natürlich sind inhaltliche Aussagen für den christlichen Glauben von hoher Bedeutung. Aber kommt man der Christlichkeit seiner Zeitgenossen tatsächlich auf die Spur, indem man ihre Zustimmung zu einzelnen Lehrsätzen abfragt? Lässt sich der Glaube mithilfe von Meinungsumfragen vermessen? Jeder halbwegs sensible Pfarrer weiß doch, wie schwierig es ist, religiöse Erfahrungen in Worte zu fassen, und wie vorsichtig man sein sollte, den Glauben anderer Menschen zu beurteilen. Das Wesentliche äußert sich meist zwischen den Zeilen, wie unter einer Maske, immer mit Zweifel vermischt. Doch gerade in Deutschland wirkt ein fatales Erbe des konfessionellen Gegensatzes zwischen Protestanten und Katholiken besonders stark nach: die "dramatische Überdoktrinalisierung des Christentums", wie es der Münchner Theologe Jörg Lauster formuliert.

Indem die Allensbacher und mit ihnen empirische Religionssoziologen dieser Linie folgen und eine orthodoxe Doktrin zum "Kernbestand des Christentums" erklären, alles andere an gelebter Religion jedoch als "vage Spiritualität" abtun, ist es ihnen kaum möglich, die Komplexität und die Ambivalenz der Säkularisierung oder die Legitimität individualisierter Religiosität wahrzunehmen. Auch die Fokussierung auf traditionelle Frömmigkeitspraktiken wie Gottesdienst oder Tischgebet führt dazu, dass eine theologisch und kirchlich definierte Christlichkeit als Norm aufgestellt wird, der schon die meisten Kirchenmitglieder nicht entsprechen. Dann aber wäre der Niedergang des Christentums nicht zuletzt der eigenen Definition geschuldet. Mehr noch, auf diese Weise wird die religiöse Rezession befördert, die man doch nur diagnostizieren wollte. Denn das medial verstärkte Untergangsreden bleibt nicht folgenlos.

Den Austritten zum Trotz: Es steigt die Wertschätzung des Christlichen als Identitätsstifter

Nun ist es nicht zu leugnen, dass christliche Traditionen abbrechen und dies für die Kirchen bittere Konsequenzen hat. Aber es fällt auf, wie schwer Meinungsforscher und empirische Religionssoziologen sich damit tun, die immer noch gegebene Christlichkeit oder zumindest Religiosität der Deutschen wahrzunehmen. Dass der "Sinn und Geschmack für das Unendliche" (Friedrich Schleiermacher) oder das Bedürfnis nach religiöser Orientierung erloschen wären, will man auch in Allensbach nicht behaupten. Gegen die eigene Argumentationslogik muss man sogar eingestehen, dass die Wertschätzung des Christentums als kulturelle Kraft und Wurzel eigener Identität deutlich zugenommen hat. Und das soll nichts mit dem Kern der Sache zu tun haben? Hier handelt es sich doch nicht um eine folgenlose Meinung. Vielmehr ist es der Grund dafür, dass sehr viele Deutsche sich bewusst dafür entscheiden, in ihrer Kirche zu bleiben, obwohl kein Sozialdruck mehr sie dazu zwingt.

Wahrscheinlich wirkt hier noch die massive Abwertung des Kulturreligiösen nach, die gerade in der evangelischen Theologie eine lange und problematische Tradition hat. So aber schließt man Menschen aus, die sich selbst zugehörig fühlen - um dann gleich hinterher den Verlust an Zuspruch zu beklagen. Moderne Neubildungen wie das "Bach-Christentum" der Gebildeten oder das "Weihnachtschristentum" in vielen Familien fallen so aus dem Rahmen dessen, was als christlich gelten soll. Die Kirchen wären sehr gut beraten, sich hier liberaler und zugleich konservativer zu zeigen. Denn sie bewahren ein Erbe der eigenen Kultur, indem sie es für die Zukunft öffnen und mit all denen teilen wollen, die sich wirklich dafür interessieren.

Empirische Daten zur religiösen Lage liefern wertvolle Erkenntnisse und helfen zu einer nüchternen Analyse der Gegenwart. Aber sie haben ihre Grenzen. So behauptete zum Beispiel eine religionssoziologische Studie kürzlich, dass nur acht Prozent der Deutschen regelmäßig über den Sinn des Lebens nachdenken würden. Was die übrigen 92 Prozent den lieben langen Tag so treiben, erklärte sie nicht. Und was wäre daraus zu folgern? Sollen die Kirchen sich etwa nicht mehr mit existenziellen Sinnfragen befassen? Statistische Niedergangsszenarien kommen objektiv und unwiderlegbar daher. Allein aber eröffnen sie keinen offenen Blick auf das religiöse Leben der Gegenwart und der Zukunft. Vielmehr versprechen sie die Wonnen einer Eindeutigkeit, wie sie nur der Pessimismus schenken kann. Dieser Versuchung sollte man widerstehen.