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Außenansicht:Kant'scher Integrativ

Nach den schlimmen Vorfällen von Köln stehen Flüchtlinge unter Generalverdacht. Daran können nur sie selbst etwas ändern.

Von Yahya Alaous

Drastischer als durch sexuelle Gewalt kann einer nicht die Sympathie der Gesellschaft, in der er lebt, verspielen. Es ist nicht nur ein sehr ernst zu nehmender Bruch des Gesetzes, für den dem Täter zu Recht Gefängnis droht. Es diskreditiert den Täter, es stellt ihn auf eine Stufe mit Dieben und Mördern. So ein Verbrechen haftet ein Leben lang an einem, es kann Karrieren und ganze Familien zerstören. Die Täter von Köln haben zwar nicht zwischen deutschen und anderen Frauen unterschieden, auch viele nicht-deutsche Frauen sind an Silvester belästigt und beraubt worden. Trotzdem verläuft die Konfliktlinie seitdem ganz klar zwischen Deutschen auf der einen und Migranten auf der anderen Seite.

Nach den Anschlägen in Paris haben Geflüchtete versucht, sich zu artikulieren: "Wir sind keine Terroristen" hieß es aus der Flüchtlingsgemeinde. Nun, nach den schlimmen Übergriffen in Köln und an anderen Orten Deutschlands, an denen Menschen friedlich ins neue Jahr feiern wollten, versuchen wir zu sagen: "Wir sind keine Vergewaltiger".

Doch unser Ansehen hat durch die Vorfälle in Köln massiv gelitten, selbst wenn der allergrößte Teil derjenigen, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben, sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Nun wollen wir uns verteidigen. Nur, weil wir aus einer krisenhaften Lage geflohen sind, wollen wir nicht gleich die nächste hinnehmen.

Ich will hier nicht die Frage von sexueller Unterdrückung und Geschlechtertrennung in den Herkunftsländern der Geflüchteten diskutieren. Die Frage, ob diese Kulturen zwangsläufig potenzielle Vergewaltiger hervorbringen. Ich will aber denen, die denken, dass Belästigungen für Frauen in der westlichen Welt aufgrund der sexuellen Freiheit normal seien, sagen, dass die Frauen hierzulande das keinesfalls so sehen. Und, dass sie es keinesfalls stillschweigend über sich ergehen lassen.

Oft wird der Frau die Schuld gegeben: Sie war geschminkt, sie trug die falsche Kleidung

Sie werden nicht einfach beschämt weitergehen, so tun als sei nichts gewesen. So wie die Frauen es in vielen Heimatländern der Flüchtlinge tun, denn die herrschende Meinung macht die Frauen dafür verantwortlich, wenn sie belästigt werden. Frauen wird dort die Schuld gegeben, eine verbale Belästigung, ein Begrapschen oder auch eine Vergewaltigung wird als Folge ihres eigenen Fehlverhaltens gewertet: Die Frau hat sich falsch verhalten, sie war geschminkt, sie trug die falsche Kleidung am falschen Ort, heißt es oft. Ungeachtet dessen, dass auch verschleierte Frauen bedrängt werden.

In Syrien werden Frauen tagtäglich belästigt. Angefangen bei verbaler "Anmache" über Diskriminierung bis hin zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, auf den Straßen und selbst zu Hause im Kreise der Verwandtschaft. Das reicht bis zu Vergewaltigungen. Es gibt darüber keine Forschung in Syrien, keine Studien, keine Stellen, bei denen sich die betroffenen Frauen melden könnten. Trotzdem ist es so. Ich habe als Journalist in Syrien jahrelang zu Frauenrechten gearbeitet und häufig genug von solchen Fällen gehört.

Die Belästigungen auf der Straße gehen oft von Teenagern aus. Und je mehr die Frau sich dagegen wehrt, je mehr sie dem Angreifer droht, desto mehr stachelt sie ihn an. Wovon ich aber nicht gehört habe, das sind Fälle von gemeinschaftlicher und öffentlicher Nötigung von Frauen. So ein Angriff würde in Syrien nicht nur einen Angriff auf die Persönlichkeit darstellen, sondern in der Vorstellung der allermeisten auch auf die moralischen Werte der Gesellschaft. Wenn ein oder mehrere Täter in Syrien in der Öffentlichkeit versucht hätten, wie in Köln vorzugehen, so wären sie selbst schnell Opfer eines gewalttätigen Mobs geworden.

Doch nach fünf Jahren Krieg in Syrien sind Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Sie werden vom Militär genauso wie von Kriegsparteien systematisch als Waffe eingesetzt. Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig über Vergewaltigungen in Gefängnissen und in den Gebieten, in denen konservative islamische Gruppen herrschen. Die schlimmste Form sexueller Gewalt ist für viele syrische Frauen und Mädchen zur alltäglichen Bedrohung geworden. Daran ändern auch die ursprünglichen moralischen Werte der syrischen Gesellschaft nichts.

Viele Geflüchtete wollen mit der Polizei zusammenarbeiten, um die Übergriffe aufzuklären

Nach den Übergriffen auf Frauen in Köln hoffte ich tagelang, dass die Täter keine Flüchtlinge sein mögen. Und falls doch, so hoffte ich, dass es keine Syrer sein mögen. Weil wir Syrer dann keine Entschuldigung mehr hätten. Ich hoffte, es wären "die anderen". Denn sexuelle Belästigung ist, so denke ich, ein absolut unwürdiges Vergehen. Terroristen sind für mich nicht nur die Männer mit den Selbstmordgürteln, Terroristen sind auch die, die Frauen einschüchtern. Die damit auch ihre unbescholtenen Landsleute kollektiv in Mithaftung nehmen.

In Paris hatte sich ein Flüchtling zu Wort gemeldet, der einen anderen Geflüchteten im Vorfeld über die geplanten Taten hatte sprechen hören. Er hat die Trennlinie zwischen Franzosen auf der einen und Geflüchteten auf der anderen Seite aufzulösen versucht. Auch jetzt, nach den Vorfällen in Köln, wünschen sich viele Flüchtlinge, mit der Polizei zusammenzuarbeiten und so vielleicht die Hintergründe zu diesem unangenehmen Thema aufzudecken. Denn wir als große, inhomogene Gruppe der Geflüchteten müssen es schaffen zu vermitteln. Sonst wachsen die Ängste der Deutschen, aber auch der Flüchtlinge. Wir müssen glaubhaft machen, dass wir alles tun werden, um eine Wiederholung solcher Taten wie in Köln zu verhindern.

Wir sind nicht alle Terroristen, Belästiger, Vergewaltiger. Die allermeisten Flüchtlinge sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft in Deutschland, dafür, dass wir die Chancen bekommen können, hier heimisch zu werden. Sie wollen ein Teil des Landes werden - dazu gehört auch, Konjugationen und Deklinationen zu lernen. Dafür ist es jetzt aber wichtig, dass die große Gruppe der Flüchtlinge, egal ob Syrer, Iraker, Marokkaner, Zeichen setzt.

Es geht darum so vorbildlich zu handeln, wie wir hier auch fast immer behandelt werden. Es geht sozusagen um einen Kant'schen Integrativ.

© SZ vom 15.01.2016

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