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Außenansicht:Im Bett des Herrschers

Serhiy Zhadan, Stockholm Poetry Festival 2014

Serhij Zhadan, 44, ist ukrainischer Schriftsteller, Journalist und Übersetzer. Seine Außenansicht wird auch im Magazin ostpol.de von n-ost erscheinen.

(Foto: Kasia Stanis/Stockholm Poetry Festival)

Die Residenz des gestürzten ukrainischen Präsidenten wird heute von Aktivisten bewohnt. Doch die Diktatur ist nicht besiegt.

Heute spricht kaum noch jemand über Meschyhirja in der Ukraine. Die Residenz des flüchtigen Präsidenten Viktor Janukowitsch, die gleich nach seiner Flucht Ende 2014 von den Aktivisten besetzt wurde, ist längst aus den Nachrichten verschwunden. Vor Kurzem wurde berichtet, dass Meschyhirja ins Staatseigentum überführt wird. Diese Information rief allerdings keine Resonanz hervor - Präsident Janukowitsch sowie seinen materiellen und "geistigen" Nachlass haben die Ukrainer längst vergessen. In den vergangenen vier Jahren scheint das Land mehrere Leben durchlebt zu haben. Das, was im Winter von 2014 starke Emotionen hervorgerufen hat, bewirkt heute höchstens Sarkasmus.

Damals, im Winter 2014, direkt nach den Todesschüssen auf Demonstranten in den Straßen von Kiew, wurde Meschyhirja als Symbol wahrgenommen - als Symbol für alles, wogegen die Demonstranten auf dem Maidan protestiert haben: Korruption, Intransparenz, Gier. Aktivisten tauchten in der Residenz des Präsidenten unmittelbar nach dessen Flucht auf. Sämtliche TV-Sender zeigten Bilder aus Janukowitschs Landsitz - der goldene Brotlaib, Straußenvögel, das Bett des Diktators. Jede Revolution braucht visuelle Symbole, sakrale Gegenstände, um sich daran zu orientieren. Die präsidiale Residenz passte sehr gut zu einer solchen Sakralisierung - sie war ein perfektes Beispiel für Geschmacklosigkeit und Kitsch. Meschyhirja war die einfache und sichtbare Metapher für das, was die Ukrainer loswerden wollten: Feudalismus, abgekapseltes Kastenleben, schlechter Stil.

Es wurde aber ziemlich schnell auch klar, dass alle Vorwürfe der Gesellschaft auf diese Residenz reduziert wurden - auf die Straußenvögel, die dort lebten, und auf den goldenen Brotlaib, der dort gefunden wurde. Die Tragödie des Maidan wurde zur Farce von Meschyhirja vereinfacht, das Pathos des gesellschaftlichen Widerstands zu Besucherführungen, die im Palast von Janukowitsch angeboten wurden. Meschyhirja verwandelte sich nicht so sehr in ein Museum von Fehlern und Verbrechen der ehemaligen Machthaber, sondern eher in eine philisterhafte Demonstration ihrer Dummheiten. Jedenfalls endete alles mit Burleske und Spott. Ein natürliches Resultat der meisten Revolutionen. Doch die Ereignisse im Lande überschlugen sich, was die ganze Burleske als Protest zumindest unpassend machte. Meschyhirja ist die Ukraine vor 2014. In der heutigen Situation ruft es weniger Empörung, sondern vielmehr Unverständnis hervor - wie konnten wir so lange damit leben? Und das Wichtigste: Warum leben wir bis heute damit?

Das Amt eines Monarchen ist in einer parlamentarisch-präsidialen Republik nicht vorgesehen

Das Problem liegt darin, dass die Ukrainer sich in den zurückliegenden vier Jahren vergewissern konnten: Meschyhirja ist gar nicht der einzige (und ganz bestimmt nicht der prunkvollste) Palast, den die ukrainischen Politiker und Beamten ihr Eigen nennen. Korrumpierte Eliten und soziale Parallelwelten gehören seit Langem zu den schmerzhaftesten ukrainischen Realitäten. In diesem Sinne war Meschyhirja wie eine Auslage - so hat der höchste Amtsträger des Landes gelebt. Meschyhirja war der anschaulichste Beweis für den kriminellen Charakter des Janukowitsch-Regimes. Ein Beweis, den man nicht mal kommentieren musste, so offensichtlich war alles: Wir werden von Ganoven und Dieben regiert, sie bereichern sich auf unsere Kosten, sie halten uns alle für Deppen. Man brauchte keine weiteren Argumente, alles lag an der Oberfläche. Ich glaube, dass nach der Revolution die Meinung der Ukrainer über Janukowitsch vor allem durch seine prunkvolle Residenz in Meschyhirja geprägt wurde: ein beschränkter Diktator, ein Mann bar jeglichen Gewissens und Geschmacks, der die Macht in einem Land mit 40 Millionen Einwohnern auf unerklärliche Weise an sich gerissen hat. Man könnte meinen, die Ukrainer sollten sich für immer die blutigen Lehrstunden der Demokratie einprägen, um künftig keine einfachen Fehler zu wiederholen und die Palastbesitzer nicht an die Macht kommen zu lassen.

Am traurigsten ist, dass nicht nur die Vertreter der alten "reaktionären", sondern auch die der neuen "revolutionären" Macht solche Paläste besitzen. Daran ist nichts Neues - Revolutionen haben nicht nur die Fähigkeit, zu faszinieren, sie öffnen auch die Augen. Die ukrainischen Ereignisse von 2014 sollten eine Lehre gewesen sein. Davon, dass eine Revolution - wenn wir über eine echte Revolution sprechen, die die Grundlagen des politischen Systems zerstört und einen Impuls für ernsthafte gesellschaftliche Veränderungen gibt - nicht nur einen Wechsel im Amt des Präsidenten bedeutet. Es geht um die neuen Spielregeln in der politischen und gesellschaftlichen Ordnung, die in der Zukunft einen Diktator verhindern sollten.

Meschyhirja sollte uns außerdem noch an eine Binsenweisheit erinnern - eine Revolution, die nur mit Eroberung des Zarenpalastes und mit Übernachtung im Bett des Monarchen endet, ist zur Selbstzerstörung verdammt. Der Konflikt besteht ja nicht darin, dass der Monarch einen prunkvollen Palast hat. Der Konflikt besteht darin, dass in der Verfassung einer parlamentarisch-präsidialen Republik gar kein Amt eines Monarchen vorgesehen ist. Ihn, den Monarchen, soll es schlicht nicht geben. Und wenn die Ukrainer ihre Revolution wirklich vollenden wollen (und sie, wie ich fest überzeugt bin, wurde nicht vollendet), müssen sie diese Tatsache im Kopf behalten.

Das Anwesen von Meschyhirja wird heute von einigen Hundert Aktivisten bewohnt und außerdem noch, was besonders dramatisch und signifikant ist, von einigen Dutzend Binnenflüchtlingen aus dem Donbass, die gezwungen waren, ihre Häuser und Wohnungen nach dem Beginn der Kämpfe im Osten der Ukraine im Frühjahr von 2014 zu verlassen. Dieses gesamte Gelände sollte uns daran erinnern, dass man nicht so lange warten soll, bis unredliche Politiker uns zu radikalen Handlungen provozieren, sodass wir gezwungen sind, Steine in die Hand zu nehmen, um unsere Prinzipien und Überzeugungen zu verteidigen.

Es ist viel wirkungsvoller, solche Politiker erst gar nicht an die Macht kommen zu lassen, die Revolution nicht als die einzige Möglichkeit für Veränderungen und Reformen zu betrachten, sondern zu versuchen, diese Veränderungen tagtäglich umzusetzen, ohne auf die nächsten Wahlen oder politischen Krisen zu warten.

Anders gesagt, die Geschichte von Meschyhirja sollte uns lehren, dass die Eroberung des Palastes eines Diktators noch kein Sieg ist. Der Sieg ist, wenn es keine Diktatur mehr gibt. Die Revolution kann oft enttäuschen. Aber selbst eine Revolution, die enttäuscht, kann uns etwas lehren. Wenn der Wunsch zum Lernen da ist.