Außenansicht Sezession war gestern

Zwei Männer, die eine spanische und eine katalanische Flagge umgehängt haben, unterhalten sich am 12. Oktober 2017 in Barcelona.

(Foto: dpa)

Südtirol 1919, Quebec 1995, Kosovo 2008: Katalonien kann aus der Geschichte lernen, dass sich das Bleiben lohnt. Damit es klappt, muss Spanien föderal werden.

Gastbeitrag von Ulrike von Hirschhausen

Katalonien spielt sich auf der Straße ab, auf den Bühnen der Clubs, im Stadion des FC Barcelona. Diesen Eindruck vermitteln die katalanischen Sezessionisten, die am Donnerstag den Sieg für ein unabhängiges Katalonien erhoffen. Es sind die Massendemonstrationen in Barcelona, die Menschenketten und Volksbefragungen in rechtlichen Grauzonen, die suggerieren, dies wäre die Meinung aller Katalanen. Es ist die Heavy-Metal-Version der katalanischen Hymne "Els Segadors", die in diesen Wochen weit mehr als eine Million Klicks bei Youtube erbrachte - ein Volkslied, das katalanische Bauern um 1640 im Kampf gegen den habsburgisch-spanischen König Philipp IV. komponierten.

Und es sind historische Erinnerungen: 1714 verlor Katalonien die letzte Eigenständigkeit und wurde ins spanische Königreich eingegliedert. Bei jedem Fußballspiel im Camp Nou, dem Stadion des FCB, skandieren 17 Minuten, 14 Sekunden nach Beginn die Fans: "In-, Inde-, Independencia!"

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Doch ist Sezession wirklich der Weg aus dem derzeitigen Engpass? Muss kulturelle Differenz heute notwendig zur staatlichen Trennung führen; ist die Vielfalt in einer Demokratie unerträglich geworden? Der historische Vergleich zeigt die Konsequenzen von Sezessionen - und die des Bleibens.

1995 stimmten die Einwohner Quebecs darüber ab, ob die Provinz sich von Kanada abspalten sollte. In einer dramatischen Wahlnacht am 30. Oktober 1995 überwog das Nein zur Spaltung denkbar knapp. Quebec ist mit 8,2 Millionen Einwohnern, die Französisch statt Englisch sprechen, einer eigenen Kontrolle über die Zuwanderung und einer starken Wirtschaft durchaus vergleichbar mit dem heutigen Katalonien. Hier allerdings finden Separatisten wie der Bloc Québécois heute kaum noch Anhänger. Den meisten Bürgern erscheint die nationale Souveränität angesichts der globalen Herausforderungen viel wichtiger. Und von der wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtung mit Nordamerika profitiert Quebec heute so sehr, dass neue nationale Grenzzäune denkbar unattraktiv wären.

Spanier und Katalanen müssten schmerzhafte Kompromisse eingehen

Wie Quebec hat auch Südtirol einen militanten Sezessionismus erlebt. Südtirol gehörte bis 1919 zur Habsburgermonarchie und fiel als Kriegsbeute 1919 an Italien. Die Faschisten setzten die deutschsprachige Mehrheit massiv unter Druck, vor allem durch die gezielte Ansiedlung italienischer Arbeiter. Auch nach 1945 blieb die Provinz Bozen bei Italien; die italienische Regierung bevorzugte Italiener bei der Vergabe öffentlicher Stellen ebenso wie in der Zuweisung von Sozialwohnungen. 1961 eskalierten die Spannungen, der militante "Befreiungsausschuss Südtirol" sprengte 40 Strommasten in die Luft. Unter der Leitung der UN handelten österreichische und italienische Akteure in schwierigen Verhandlungen daraufhin einen Autonomiestatus mit paritätisch besetzten Gremien aus. Südtirols Bruttosozialprodukt ist heute pro Kopf höher als der europäische Durchschnitt, die Arbeitslosenquote liegt bei nur vier Prozent. Eine durchlässige Parallelgesellschaft ist entstanden, die Südtirol zum Vorzeigebeispiel europäischen Föderalismus macht.

Der Blick auf Zypern und Kosovo zeigt, wie unwahrscheinlich das Versprechen der oft populistischen Befürworter von Sezession ist. In Zypern sahen sich Griechen wie Türken als Teil ihrer jeweiligen Nation. Zur Trennung zwischen Griechen und Türken kam es 1974; die türkische Seite proklamierte 1983 die Türkische Republik Nordzypern. Die Staatengemeinschaft versagte ihr die Anerkennung, der griechische Teil nahm Beitrittsverhandlungen mit der EU auf. Nordzypern ist heute international isoliert, kann nur über die Türkei angeflogen werden und kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit.

In Kosovo feierten zwar die nationalistischen Politiker im Februar 2015 mit markigen Worten den siebten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit - doch Zigtausende Kosovaren überquerten gleichzeitig die serbisch-ungarische Grenze, um nach Deutschland zu kommen und dem Elend im eigenen Land zu entgehen. Kosovo hat die Trennung von Serbien im Jahr 2008 bisher wenig eingebracht. Es ist kein Mitglied der Vereinten Nationen, fünf EU-Staaten verweigern die Anerkennung, und die fehlende Souveränität zeigt sich auch daran, dass ohne die Hilfe der Kfor-Truppen oder der EU-Rechtsstaatsmission Eulex die innere Sicherheit, Polizei und Justiz nicht funktionieren würden. Mehr als die Hälfte der Kosovaren lebt in extremer Armut, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 60 Prozent.

Eine Bewährungsprobe für die Freiheit

Es gibt Ausnahmen, in denen Sezession zur Win-win-Situation führt, zum Beispiel in Tschechien und der Slowakischen Republik. Doch sie lassen sich an einer Hand abzählen. Meist verlieren alle Akteure: Der Zentralstaat wird destabilisiert, die Abtrünnigen können die Unabhängigkeit kaum durchsetzen, mit der Wirtschaft geht es bergab. Die Parole populistischer Politiker in Katalonien, in Schottland oder anderswo - "es geht uns besser, wenn wir unabhängig sind" - klingt gut. Die Geschichte zeigt anderes. Besser geht es den Regionen, die Autonomie im vorhandenen staatlichen Rahmen aushandeln, die vom Binnenmarkt wie von Europa profitieren. Schlechter geht es denen, die ihre eigene Differenz absolut setzen und neue Grenzen ziehen.

Spaniern wie Katalanen würde eine Alternative zur Sezession erhebliche Kompromisse abverlangen. Die spanische Regierung müsste den Zentralstaat in einen föderalen Bundesstaat umwandeln, statt einzelnen Regionen asymmetrische Autonomien zuzugestehen. Die katalanischen Separatisten müssten das Spannungsverhältnis von Volkssouveränität und Verfassungsstaatlichkeit neu realisieren und sich von der populistischen Vorstellung verabschieden, alleinige Vertreter des vermeintlichen Volkswillens zu sein.

Dahinter steht die Herausforderung, den Staat in Europa neu zu denken. Er ist kein homogener Nationalstaat mehr, ethnisch und kulturell einheitlich. Zuwanderung, Globalisierung und der je eigene Mix aus regionalen, nationalen und europäischen Loyalitäten haben ihn zum heterogenen Staat gemacht, für den es andere Lösungen geben muss, als Nation und Nationalstaat zur Deckung zu bringen.

Ralf Dahrendorf, der deutsch-britische Soziologe, hat 1994 ein flammendes Plädoyer für den heterogenen Staat gehalten: "Der homogene Nationalstaat steht immer in der Gefahr der Aggression gegenüber Minderheiten und Nachbarn. Der heterogene Nationalstaat steht dagegen immer vor der Herausforderung der gleichen Rechte für Ungleiche." Darum geht es nicht nur in Katalonien: Vielfalt auszuhandeln, Differenz zu akzeptieren, gleiche Rechte und Pflichten für Ungleiche zu verhandeln. Es ist eine Bewährungsprobe für die Freiheit.

Ulrike von Hirschhausen, 53, lehrt Europäische und Globalgeschichte an der Universität Rostock. Derzeit schreibt sie an einer Geschichte multiethnischer Reiche im 19. Jahrhundert.

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