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Mason Richey ist Professor für internationale Beziehungen an der Hankuk University of Foreign Studies in Seoul. In jüngster Zeit beschäftigte er sich intensiv mit dem Nuklearprogramm Nordkoreas.

Nordkoreas Nuklearprogramm bedroht auch Europa. Es sollte alles tun, um Pjöngjang und Washington zu Gesprächen zu bewegen.

Die Bedrohung, die von der koreanischen Halbinsel ausgeht, ist besorgniserregend. Seit vielen Monaten demonstriert der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un der Welt, dass seine nuklearen Waffen und Raketenabschussprogramme eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen. Die amerikanischen Geheimdienste sind sich einig, dass Pjöngjang spätestens Ende 2018 in der Lage sein wird, Ziele in den USA zu anzugreifen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hebt hervor, dass "Europa ebenfalls in die Reichweite nordkoreanischer Raketen gerückt ist und Nato-Mitgliedsstaaten bereits in Gefahr sind". Der Test einer Interkontinentalrakete vom 29. November spricht dafür, dass die Furcht berechtigt ist.

Die Regierung von Präsident Donald Trump hat sich für eine Nordkorea-Strategie des "maximalen Drucks" entschieden. Kims Regime soll durch strikte internationale Sanktionen an den Verhandlungstisch gedrängt werden, um über eine vollständige nukleare Abrüstung zu sprechen. Pjöngjang lehnt diesen Weg bislang entschieden ab. Die Trump-Regierung erklärte wiederholt, dass maximaler Druck das letzte Mittel der amerikanischen Diplomatie darstelle. Viele einflussreiche Mitglieder der US-Regierung glauben allerdings nicht, dass Kims Regime sich durch eine nukleare Abschreckungspolitik Amerikas beeindrucken lässt. Da ein nuklear bewaffnetes Nordkorea nicht hinzunehmen ist, bleibt als einzige letzte Option der Konflikt übrig.

Ein südkoreanischer Drei-Sterne-General schätzte in einem persönlichen Gespräch die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs auf 50 Prozent. Auch amerikanische Außen- und Sicherheitspolitiker sind alarmiert. James Stavridis, Vier-Sterne-Admiral im Ruhestand und ehemaliger Oberkommandeur der alliierten Mächte Europas, beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs auf 20 bis 30 Prozent - mit einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit, dass es zum Atomkrieg kommt. Der ehemalige CIA-Direktor John Brennan geht von einem 20- bis 25-prozentigen Kriegsrisiko aus. Und Richard Haass zufolge, der Präsident der amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations ist, ist "die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs wesentlich höher als allgemein angenommen".

Im Falle eines nuklearen Krieges wäre die Zahl der Opfer unfassbar - einigen Studien zufolge in Millionenhöhe. Selbst wenn der Krieg nicht nuklear wäre, sei mit ungeheuerlichen Opferzahlen zu rechnen: etwa 20 000 bis 30 000 täglich in Südkorea allein im Anfangsstadium des Krieges und Hunderttausende mehr, falls der Krieg sich über einen längeren Zeitraum hinausziehen sollte. Diese Berechnungen gehen davon aus, dass der Konflikt auf das koreanische Territorium begrenzt bleibt. Falls er sich ausbreiten sollte, wären die Konsequenzen katastrophal.

Ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel könnte sich zum Weltkrieg ausweiten

Auch für Europa und die Europäer stellt Nordkorea eine Bedrohung dar. Pjöngjang hat bereits Australien als US-Verbündeten mit Attacken bedroht, und Europa könnte eines Tages das Gleiche passieren. Es gibt mindestens 20 000 EU-Bürger, die in Südkorea leben, und noch mehr in Japan. Auch diese Menschen wären im Falle eines Koreakriegs in Lebensgefahr. Ein Kriegsausbruch auf der koreanischen Halbinsel könnte sich flächenbrandartig zu einem regionalen oder sogar globalen Krieg ausweiten, besonders falls China involviert wird oder die USA militärische Unterstützung von den Verbündeten der NATO anfordern würden. Eine solche Entwicklung hätte verheerende Konsequenzen für die internationale Sicherheit und Wirtschaft - Europa einbezogen.

Hinzu kommt: Nordkorea hat als Lieferant von Waffen enge Verbindungen zu gefährlichen Regimes im Mittleren Osten und in Nordafrika. Es besteht das Risiko, dass Nordkorea nukleare, biologische oder chemische Waffen an diese Regime und möglicherweise auch an terroristische Gruppen verkauft. In diesem Fall würde ein nukleares Wettrüstens auch in den Nachbarstaaten Europas schnell wahrscheinlicher werden und ebenso die Gefahr nuklearer Terrorangriffe in Europa.

Angesichts dieser erschütternden Szenarien sollte Europa mit Entschlossenheit handeln. Im ersten Schritt sollte eine Alarmbereitschaft innerhalb der EU ausgelöst werden. Diplomatisch einflussreiche Staaten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden und die Schweiz sollten sich bemühen, Nordkorea, die USA, Südkorea und China an den Verhandlungstisch zu bringen. Die jüngste Annäherung zwischen Nord- und Südkorea ist ein ermutigendes Zeichen, dass dies gelingen kann. Vorrangiges Ziel der Diplomatie sollte sein, Pjöngjang und Washington dazu zu bewegen, ihre Bedingungen für Gesprächen auszutarieren. Washington fordert die nukleare Abrüstung als ultimatives Ziel; Pjöngjang lehnt dies ab.

Nun ist die Quadratur des Kreises unwahrscheinlich. Wenn aber die Diplomatie versagt, muss Europa Pläne für eine Zukunft mit einem nuklearen Nordkorea erarbeiten. Das bedeutet, dass nationale Verteidigungsstrategien und Sicherheitsbestimmungen im Lichte der neuen, atomaren Bedrohung überprüft werden müssen. Das bedeutet auch, dass versucht werden muss, die USA von Präventivangriffen auf nordkoreanische Ziele abzuhalten.

Es bedeutet aber ebenfalls, dass Europa, als Gegenleistung für die Zurückhaltung der Amerikaner, nach Kräften die USA und die internationale Gemeinschaft dabei unterstützen muss, Nordkorea durch Abschreckung und Eindämmung im Zaum zu halten. Schon jetzt spielt Europa eine wichtige Rolle, wenn es um Sanktionen, die Isolierung von Nordkorea und die Zusammenarbeit mit Japan geht. Darüber hinaus sollte Europa sich an einer Vielzahl weiterer Maßnahmen beteiligen. Vorstellbar sind beispielsweise zusätzliche Sanktionen gegen Institutionen, die in nordkoreanische Geldtransaktionen involviert sind, eine Zusammenarbeit mit den USA und ihren Verbündeten bei der geheimdienstlichen Überwachung Nordkoreas, Verbot und Sabotage der nordkoreanischen Zuliefererketten von nuklearen Waffen, Aufklärungsarbeit über das Kim-Regime, Cyber-spionage gegen nordkoreanische Nuklearanlagen, Bestrafung von China für Nichteinhaltung internationaler Sanktionen gegen Nordkorea, Beteiligung an einer Flottenblockade und an einem absoluten Seefahrtembargo gegen Nordkorea sowie Zusicherung militärischer Unterstützung an Südkorea für den Fall eines Angriffs.

Das Ziel wäre letztendlich, das Kim-Regime durch kontinuierlichen Druck zu Verhandlungen zu nötigen, auch wenn der Weg dorthin steinig und voller Gefahren ist. Leider ist Nichtstun keine Option.