Außenansicht Es geht nur gemeinsam

Eckart Conze, 55, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Marburg. Er forscht zur deutschen, europäischen und internationalen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Sicherheitsgeschichte.

(Foto: Rolf K. Wegst)

Eine Welt ohne Krieg hatten vor 100 Jahren die Pariser Friedensgespräche zum Ziel. Ihr Scheitern ist beunruhigend aktuell: Europa und die Welt sind wieder anfällig für die Dämonen des Nationalismus.

Von Eckart Conze

Am 18. Januar 1919 eröffnete der französische Staatspräsident Raymond Poincaré im Uhrensaal des französischen Außenministeriums am Quai d'Orsay die Pariser Friedenskonferenz. Auf den Tag genau 48 Jahre zuvor, am 18. Januar 1871, war im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden. Daran erinnerte Poincaré und appellierte an die Delegierten aus 32 Staaten - die Verlierer des Weltkriegs waren nicht darunter -, einen Frieden der Gerechtigkeit und der Sicherheit zu schaffen. Am Ende monatelanger Verhandlungen, durchzogen von Konflikten, stand fünf Monate später der Versailler Vertrag.

Von Anfang an ging es in Paris jedoch nicht nur um den Frieden mit Deutschland und seinen Verbündeten, sondern um eine friedliche und stabile internationale Ordnung. Doch dieses hehre Ziel, vor allem vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson in den höchsten Tönen verkündet, blieb eine Illusion. Schon zwei Jahrzehnte später befanden sich Europa und die Welt wieder im Krieg. 1939 war die Versailler Ordnung endgültig gescheitert. Sie hat weder Stabilität geschaffen noch zu Versöhnung geführt. Das ist nicht nur von historischem Interesse. Denn zum einen reichen Wirkungen der Entscheidungen am Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Zum anderen erinnern ein global spürbarer neuer Nationalismus und Unilateralismus an die politischen und ökonomischen Dynamiken der Zwischenkriegszeit und an den Zerfall der Versailler Ordnung, der schließlich in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mündete.

Die ebenso komplexe wie brisante Konfliktkonstellation im Nahen und Mittleren Osten wurzelt in der Zeit vor 100 Jahren, als in der Auflösung des Osmanischen Reiches nicht nur eine neue Staatenwelt entstand, sondern diese Staatenwelt - entgegen anderslautender Versprechungen aus den Jahren des Weltkriegs - der imperialen Herrschaft der europäischen Großmächte unterworfen wurde. Die Terrormiliz des IS hat das in ihrer Propaganda immer wieder aufgegriffen und ihre Vorstellung eines "Kalifats" als Gegenmodell zu 1919 dargestellt. Aber auch der arabisch-israelische Konflikt mit seinem Kern in der Palästinafrage ist in seiner Genese mit Entscheidungen aus jener Zeit verbunden. Längst hat sich diese Problematik mit anderen Konfliktlinien der Region verflochten, etwa mit den Spannungen zwischen sunnitischem und schiitischem Islam. Hinzu tritt seit einigen Jahren ein aggressiver, auch innenpolitisch bestimmter Neo-Osmanismus, ein in den Mittleren Osten reichender politischer Machtanspruch der Türkei.

In ähnlicher Weise lassen sich politische Spannungen, die im Fernen Osten den Aufstieg Chinas zur globalen Supermacht begleiten, rückbeziehen auf Entwicklungen in den Jahren um 1919. Schwer wiegt die tiefe Demütigung, die China 1919 erfuhr, als es mit seinen legitimen Ansprüchen auf die auf dem chinesischen Festland gelegene Halbinsel Shandong nicht nur an Japan, sondern auch an den westlichen Mächten abprallte. Sie wirkt bis heute auf das politische Bewusstsein in China ein.

Zur Aktualität des Friedensschlusses von 1919 gehört auch die Rolle der USA, die aus dem Ersten Weltkrieg nicht nur als Sieger hervorgingen, sondern als globale Macht. Das "Amerikanische Jahrhundert" begann mit dem Kriegseintritt der USA 1917, der Beteiligung Washingtons an der Pariser Konferenz und dem politischen Anspruch, die Welt für die Demokratie sicher zu machen. Der Erwartung eines amerikanisch bestimmten Friedens 1918/19 glich 70 Jahre später, am Ende des Kalten Kriegs, die Vorstellung einer Pax Americana. Der Hoffnung, der Erste Weltkrieg sei der Krieg gewesen, der alle Kriege beendete, entsprach nach 1990 die Idee vom "Ende der Geschichte".

Doch nach 1918 trug der Rückzug der USA aus den von Woodrow Wilson maßgeblich mitbestimmten globalpolitischen Strukturen entscheidend dazu bei, dass die internationale Ordnung vor allem in Europa instabil blieb. Ein gemeinsames Interesse der großen Mächte, einschließlich Deutschlands, die 1919 geschaffenen Strukturen gemeinsam zu tragen und zu festigen, gab es nicht. Der Völkerbund und andere multilaterale Institutionen wurden dadurch geschwächt, ja sie gingen daran zugrunde. Eine massive Renationalisierung der Politik, über weite Strecken - und nicht nur in Deutschland - gepaart mit aggressivem Nationalismus, war sowohl Ursache als auch Folge dieser Dynamik. Daraus versuchte man nach dem Zweiten Weltkrieg Lehren zu ziehen. Unter Führung der USA und zunächst unter den Bedingungen des Ost-West-Konflikts entstand eine institutionengestützte und regelbasierte multilaterale Ordnung, die nach dem Ende des Kalten Krieges die Welt weiter zu prägen versprach.

Davon kann heute kaum noch die Rede sein. Wie in der Zeit nach 1919 ist die internationale Ordnung der Gegenwart geprägt von nationalen Einzelinteressen und unilateralem Handeln. Das gilt für die USA, wo Donald Trump den seit 1945 entstandenen Multilateralismus bewusst zerstört. Es gilt aber auch für China, das seinen globalen Machtanspruch geltend macht, und für Russland, dessen Unilateralismus von Völkerrechtsverletzungen geprägt ist. Darunter leiden wie der Völkerbund in den 1930er-Jahren alle internationalen Strukturen und Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, die nicht stärker, sondern schwächer geworden sind, weil sie unilateralem Handeln im Wege stehen.

Europa ist keineswegs frei von solchen Dynamiken der Renationalisierung, die, begleitet von verharmlosenden Tarnvokabeln wie "Selbstbewusstsein" oder "nationales Interesse", den Zusammenhalt der EU gefährden. Die Fliehkräfte nehmen zu.

Das Friedensnarrativ war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesichts der Erfahrungen zweier Weltkriege, aber auch einer krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit, konstitutiv für die Einigung Europas. Jetzt verliert es an Wirkung. Beunruhigend ist, dass neuerdings wieder beschworen wird, ja beschworen werden muss, dass der Frieden - auch innerhalb Europas - nicht selbstverständlich zu sein scheint.

Deutschland, Europa und die Welt sind wieder anfällig geworden für Nationalismus, Identitarismus und Vorstellungen von Souveränität durch Abschottung, für jene "alten Dämonen", von denen der französische Präsident Emmanuel Macron am Jahrestag des Waffenstillstands von 1918 mit Blick auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sprach. Damals zerstörten sie innerhalb weniger Jahre die Ansätze einer friedlichen internationalen Ordnung und mit ihr, weit über Europa hinaus, die Hoffnungen auf Freiheit und Demokratie.