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Außenansicht:Ein kühler Tag

Michal Bodemann

Y. Michal Bodemann, 74, war Soziologie-Professor in Toronto. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung der deutschen jüdischen Gemeinschaft.

(Foto: University of Toronto / Berlin)

Das Holocaust-Gedenken am 27. Januar hat wenig mit der Erinnerung an das Leiden der Juden zu tun. Die Inszenierung muss mit Leben gefüllt werden.

Gedenktage werden immer wieder neu gedeutet. Der 27. Januar als Holocaust-Gedenktag ist ein Beispiel dafür. Die UN erklärten ihn 1994, zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, auf einen Antrag Israels hin zum Internationalen Gedenktag. In Deutschland wurde er dann auf Anregung von Ignatz Bubis und Roman Herzog eingeführt; Bubis war damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herzog Bundespräsident.

Die UN-Resolution wies in zwei Richtungen: Sie sah den Holocaust als Mahnung, Völkermorde aufzuhalten; vor allem aber verstand sie sich als Bestätigung und Konkretisierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Das Holocaust-Gedenken wurde universalisiert, das spezifisch jüdische Leiden, das Verbrechen am jüdischen Volk, spielte eine untergeordnete Rolle. Auch in Roman Herzogs Grundsatzrede vom 27. Januar 1996 ging es vor allem um die "Kollektivverantwortung" dafür, dass sich Totalitarismus und Rassismus nicht wiederholen dürften. Das Holocaust-Gedenken fungierte als universalistisches Lehrstück gegen die Missachtung der Menschenwürde. Die jüdische Komponente, die Frage, wie Juden dieses Trauma nach Auschwitz bewältigen würden oder wollten, fehlte weitgehend.

Die sogenannte Befreiung von Auschwitz wurde 1945 kaum wahrgenommen. Das Lager war längst evakuiert, die halbwegs gehfähigen Gefangenen wurden auf Todesmärschen Richtung Westen getrieben. Nur etwa 7500 kranke und sterbende Gefangene waren geblieben, die Wachmannschaften längst verschwunden. Erst einige Tage später vermerkte die New York Times auf wenigen Zeilen, dass Einheiten der Roten Armee das Lager Auschwitz erreicht hatten. Es gab keinen Freudentaumel, es gab ein Stück Brot für die Gefangenen. Diese apathische Ereignislosigkeit, die Stille des Leidens hat die Abstraktion und Universalisierung des Gedenkens begünstigt. Der so triumphale wie unangebrachte Begriff der "Befreiung" ist allemal aufbauender als das wirkliche Drama, das sich damals auf deutschen Straßen abspielte: die Abscheu der Bevölkerung vor den Gefangenen, die Erschießungen am Straßenrand noch Tage vor dem Kriegsende.

Der 27. Januar ist ein Datum, an dem das jüdische Element allzu oft in den Hintergrund rückt. Genau aus dieser Entortung des Jüdischen heraus protestierten 2006 die Spitzen des Zentralrats der Juden gegen ihre Missachtung als "Zaungäste" bei der Gedenkstunde im Bundestag. Die Rede Ruth Klügers, die als Jüdin den Todesmarsch erlitt und 2016 auf Einladung des Bundestages sprach, blieb dennoch eine Ausnahme. Der 27. Januar fördert ein kühles, staatlich proklamiertes Gedenken, ohne viel Emotion und Drama: Auschwitz ist ein abstrakter Ort fern der deutschen Grenzen; am Datum, an das erinnert wird, war die Mordfabrik bereits stillgelegt.

Wenn dem 27. Januar der jüdische Charakter abhandengekommen ist, wo bleiben die Tage zum Gedenken an die ermordeten jüdischen Verwandten, das jüdische Volk? Sie zu finden ist nicht einfach. In der jüdischen Arbeiterbewegung der USA und Kanadas wurde nach dem Krieg des "Churban", der Verwüstung der Dörfer und Städte in Polen und der Sowjetunion gedacht, auch des Aufstandes im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 endete. Die Dimension des Massenmordes drang erst später ins Bewusstsein. In der DDR war der zweite Sonntag im September der Gedenktag für die "Opfer des Faschismus", ohne Bezug auf ein konkretes Ereignis oder die jüdischen Opfer. In Israel proklamierte David Ben Gurion 1953 den 19. April als Tag des heldenhaften Widerstands gegen die Nazis. Vom Ende der 1970er-Jahre an schälte sich die "Reichskristallnacht", auch "Pogromnacht" genannt, als wichtigstes Erinnerungsdatum heraus. Dies geschah vor allem in Deutschland, aber auch andernorts im Westen, wobei sich das Gedenken nicht auf den historisch korrekten 10. November konzentrierte. Der Begriff des Pogroms, der aus dem Zarenreich stammt, markierte die Ereignisse als barbarisch, aber auch fern vom zivilisierten Deutschland. Wörter wie Massaker, Krawalle oder Terror würden die Ereignisse besser beschreiben.

Das Gedenken an die "Kristallnacht", wie die Nazis den Terror nannten, unterscheidet sich klar von dem des 27. Januar. Bei der Erzählung des nächtlichen Überfalls geht es um dramatische Ereignisse inmitten der deutschen Gesellschaft: um einen gewalttätigen Mob, Mord, Erniedrigung, Synagogenschändung, Brandstiftung. Im Gedächtnistheater jedes 9. Novembers wird es symbolisch wiederaufgeführt, hoch emotional und dramatisch, unter Teilnahme von Hunderten Basis-Initiativen. Sie sind "heiße" Gedenkrituale; ihnen steht das verstaatlichte, "kühle" Gedenken zum 27. Januar gegenüber. Interessanterweise wiederholt sich der Gegensatz auch beim Gedenken an die Wiedervereinigung: Dem euphorisch begrüßten Fall der Mauer am 9.

November steht der bürokratische Akt des 3. Oktober entgegen. Wie wird nun an das Geschehen vom 10. November erinnert? In Toronto zum Beispiel, wo mehr als 250 000 Juden leben, gibt es eine "Holocaust Education Week" mit 150 Veranstaltungen. In Deutschland sind derlei Projekte nicht durchführbar. Hier werden häufig in den Gemeinden die Namen der Ermordeten vorgelesen; es ist ein familiäres, genealogisches, partikularistisches Erinnern. Davon unterscheidet sich das Erinnern im nichtjüdischen Kontext. Evangelische und katholische Kirchengemeinden laden ein; Schweigemärsche und Lichtergänge zur Alten Synagoge spiegeln die Horden, die einst grölend zu den Synagogen marschierten, um sie anzuzünden. Zeitzeugen und Überlebende erscheinen als Gäste; es wird Paul Celans "Todesfuge" vorgetragen. Die Aneignung jüdischer kultureller Inhalte ist ein wesentliches Element im deutschen Gedächtnistheater. Jüngere Jüdinnen und Juden wie den Autor Max Czollek hat das dazu gebracht, für eine jüdische "Desintegration" zu plädieren. Selbstverständlich muss hoch gewürdigt werden, dass nichtjüdische Deutsche die Erinnerung an die Schoah am Leben halten. Gleichzeitig berührt viele Juden diese kulturelle Aneignung des Jüdischen unangenehm, die Inszenierung jüdischer Geschichte, die Mimikry angeblich jüdischer Verhaltens- und Sprechweisen.

Die jüdische Gemeinschaft braucht keine staatliche Gedenkhilfe und auch keine staatlichen Antisemitismus-Beauftragten. Sie könnte ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Am 27. Januar könnten Juden andere, ebenfalls von Formen des Rassismus betroffene Gruppen einladen: Sinti und Roma, Schwule und Lesben, Polen, Griechen und Russen, Flüchtlinge, Muslime. Der Tag würde sich mit Leben füllen.