bedeckt München 24°
vgwortpixel

Außenansicht:Dunkle Quellen

Dietmar Herz, 58, ist Professor für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören das politische System und die Geschichte der USA.

(Foto: oh)

Präsident Trump greift auf problematische Traditionen der US-Geistesgeschichte zurück und radikalisiert sie noch.

America first - unter der Parole definiert Präsident Donald Trump derzeit die Innen- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten neu. Dabei ist dieser Slogan alles andere als neu. Es lohnt sich, dessen Geschichte nachzuzeichnen.

Die 1930er-Jahre waren eine Epoche der Entscheidungen: Die Weltwirtschaftskrise hatte die amerikanische Gesellschaft und das ihr zugrunde liegende politische System zutiefst erschüttert. Autoren wie Sinclair Lewis ("Das ist bei uns nicht möglich") und Nathanael West ("The Cool Million") beschrieben in ihren Romanen die Gefährdung der USA durch antisemitische Agitation, Diskriminierung von Minderheiten und radikal-populistische Rhetorik. 1940 gründete R. Douglas Stuart, ein Student der Yale University, das "America First Committee (AFC)". Das wichtigste Ziel der zunächst sehr heterogenen Bewegung war es, Präsident Franklin D. Roosevelt zu bewegen, die Vereinigten Staaten aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Zeitweise gehörten dem AFC bedeutende sozialkritische Schriftsteller wie Sinclair Lewis, Gore Vidal oder E. E. Cummings an. Der Isolationismus des Komitees war getragen vom Unwillen der Amerikaner, einen weiteren "Großen Krieg" zu führen.

Die Agitatoren dieser Bewegung bedienten sich jedoch bald anderer Begründungen. Der außen- und handelspolitische Isolationismus des "America first" stellte sich in die Tradition einer amerikanischen Denkweise, die den Staat als Zusammenführung religiöser, kultureller oder rassischer Strömungen sieht. Diese Denkrichtung differenzierte sich im 19. Jahrhundert: So trat neben den klassischen Isolationismus, der die USA aus allen multilateralen Strukturen oder Bündnissen heraushalten will, eine Tradition des ökonomischen Nationalismus, der vom ersten Finanzminister des Landes, Alexander Hamilton, bis zu Bernie Sanders reicht: In Fragen der Handelspolitik sind die Vertreter dieser Richtung protektionistisch eingestellt.

Präsident Trump reiht sich, seit seinem Wahlsieg, in diese Tradition ein - wobei er die handels- und außenpolitischen Konzepte in einer radikalen Vulgärvariante zusammenfasst und dabei weit über seine Vorgänger hinausgeht. Für Trump ist Handel eine Form der kriegerischen Auseinandersetzung, die letztlich keine Gemeinsamkeiten duldet. Die Weltwirtschaft ist ein Nullsummenspiel, die Nation befindet sich also schon jetzt in einem permanenten Währungs- und Handelskrieg. Für eine auf Beschlüssen und Verträgen aufgebaute Außenpolitik findet sich in diesem System kein Platz, denkbar sind allenfalls "Deals" auf Zeit. Das Gedankengut der Nachkriegszeit ist ihm fremd.

Es begann mit der Agitation gegen katholische Einwanderer

Die Einwanderungspolitik und die Konflikte zwischen ethnischen Gruppen innerhalb Amerikas ordnen sich in diese simplizistische Weltsicht ein und sind ebenso wie die Handelspolitik Beispiel und Beleg für die Radikalisierung eines Denkens, das sich ohne Scham aller möglichen Politikformen der Ausgrenzung (Rassismus, Führerkult, Verachtung des Rechtssystems, Kampf gegen die freie Presse, sexualisierte und vulgäre Sprache) bedient. Auch diese Ideen reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Die Vorstellung von Amerika als einer Nation beruhte in ihrer konservativen Variante auf dem Gedanken des Ausschlusses. Die Begründung hierfür basierte auf religiös-ethnischen Argumenten. Diese Argumente waren immer präsent, erlangten aber nie politische Wirkmächtigkeit.

Die katholische Immigration schürte bei protestantischen Gruppen Angst vor einer tief greifenden Änderung des politischen Systems, vor allem aber fürchtete die Elite den Verlust ihrer politischen und kulturellen Hegemonie. Es formierte sich daher nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch politischer Widerstand gegen die katholische Einwanderung: Bereits 1852 gründeten einige Gegner der Katholiken die American Party als ausländerfeindliche und spezifisch antikatholische Gruppierung. Ihre Mitglieder hingen Verschwörungstheorien an, in denen Katholiken die Rolle der Bösewichte übernehmen mussten, oft spielten sexuelle Ängste eine Rolle. Entsprechend dieser Ideologie begann die Partei daher als klandestine, von Verdrängungsängsten geprägte verschworene Gemeinschaft. Anhänger der Partei wurden in der Presse als Know-Nothings verspottet. Der Name stammt von Geheimgesellschaften, deren Mitglieder auf Fragen nach ihrer Organisation angeblich immer mit "I know nothing" ("Ich weiß von nichts") antworteten. Schon 1855 zerbrach die Bewegung am Streit um die Sklaverei. In den 1930er- und 1940er-Jahren lebte diese Ideologie jedoch wieder auf und fand in Figuren wie Henry Ford, dem Populisten Huey Long, vor allem aber Charles Lindbergh ihre Leitbilder. Lindbergh verbreitete Verschwörungstheorien und Antisemitismus. Dieser Agitation trat Roosevelts New Deal entgegen. Sozialreformerische Ideen verbanden sich mit der Vorstellung von den USA als einem Repräsentanten universeller Werte. Dies erforderte die Abkehr von Isolationismus und Protektionismus. Unter Roosevelt und seinem Nachfolger Truman entstand das Amerika der Nachkriegszeit. Sein gedankliches Gerüst, das xenophobe, rassistische und identitäre Strömungen in Schach hielt, überlebte selbst die Fehlentscheidungen der Reagan-Jahre und die aggressive Außenpolitik von George W. Bush.

Trump weicht von dieser Tradition in rücksichtsloser Weise ab. Das Denken seiner engen Berater knüpft an ältere Traditionen an, radikalisiert sie und gründet ihre Philosophie auf einem der amerikanischen Geistesgeschichte fremden Nihilismus, der auf die Rücknahme der Aufklärung hinausläuft: Es gibt keine geistigen Strömungen mehr, die nebeneinander existieren, sondern eine triumphalistische Politik, die anderen Denkweisen sogar die Realität abspricht. Der Berater Steve Bannon spricht von der Notwendigkeit der "Zerstörung" des "alten" amerikanischen Systems. Trumps erratische Außenpolitik, die alles Multilaterale negiert, findet ihre Entsprechung im Inneren durch Missachtung der Justiz, der Verfassung, der freien Presse und einen radikalen Ich-Bezug, der sich autoritärer Formen bedient. Die vorsichtige Reformen Barack Obamas werden Stück um Stück rückgängig gemacht, etwa beim Klimaschutz, in der Sozial- und Gesundheitspolitik und der Regulierung der Wall Street. In der Debatte um die Einwanderung aus Lateinamerika tauchen die Argumente der Know-Nothings wieder auf.

Die Radikalisierung der dunklen Seiten der amerikanischen Geistesgeschichte durch die Maßnahmen und Rhetorik der Trump-Regierung wird das amerikanische politische System - wenigstens in seiner bisherigen Form - nicht unbeschädigt überleben.