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Außenansicht:Der Preis der Pflege

Patrycja Kniejska

Patrycja Kniejska, 28, promoviert an der TU Dortmund in Sozialer Gerontologie und forscht über die Arbeit polnischer Pflegekräfte in Deutschland.

(Foto: privat)

Bei der Betreuung alter Menschen arbeiten besonders viele Migranten. Ein starrer Mindestlohn schadet ihnen.

Von Patrycja Kniejska

Die Liste der Berufe und Stellen von Janina, einer Arbeitsmigrantin aus Polen, ist beeindruckend. Janina, die eigentlich anders heißt, war Schlosserin, Drechslerin, Anstreicherin, und Arbeiterin in einem deutschen Betrieb, der Autolandkarten produzierte. Dann, nachdem ihr die anderen Jobs zu langweilig wurden, machte sie einen kleinen Laden auf. Eine bunte Palette an Beschäftigungen also. Janina ist jetzt 52 Jahre alt, seit 2005 arbeitet sie als Altenpflegerin in Deutschland.

Ihre erste Anstellung als Pflegerin fand sie mithilfe einer Vermittlungsagentur. Sie ließ sich auf deren Geschäfte ein, auch wenn Janina sie skeptisch sah: keine kontinuierliche Beschäftigung, ein Vertrag nach dem anderem, die Firma zahlte keine Krankenversicherung und auch keine Sozialabgaben. Die Vermittler verdienten viel und sie wenig, das ärgert sie bis heute. Janina hat das Vertrauen in die Vermittlungsagenturen komplett verloren. Sie organisiert ihre Pflegestellen nun auf eigene Faust. Mit angemeldetem Gewerbe und einem Monatsgehalt, das sie schon vor dem Arbeitsbeginn aushandelt.

Seit dem 1. Januar 2015 gilt auch für die Polinnen in der häuslichen Pflege in Deutschland der Mindestlohn. Das heißt 8,50 Euro pro Stunde - und mehr als acht Stunden pro Tag darf nicht gearbeitet werden. Diese Vorschriften zeigen, dass offenbar wenig über die Realität dieser Pflegearbeit bekannt ist. Denn häusliche Pflege heißt für die polnischen Mitarbeiter meist, dass sie in dem Haushalt der Betreuten auch wohnen und leben. Es ist ein 24-Stunden-Job, der kaum über einen Stundenlohn abzurechnen ist. Die Pflegerinnen putzen, sie machen Spaziergänge mit den Kranken, sie waschen, sie kaufen ein und sind oft auch eine emotionale Stütze. Die häusliche Pflege nach diesem Modell sollte möglichst einer familiären Versorgung ähneln, so zumindest die Idee. Die Vorschriften zum Mindestlohn machen das unmöglich. Im Prinzip jedenfalls.

Die Zahl der in deutschen Privathaushalten mit Bedürftigen arbeitenden Pflegerinnen - meist sind es Frauen, eher selten Männer - kann nur geschätzt werden, zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Denn häufig sind es irreguläre Arbeitsverhältnisse, die nicht registriert sind, bei denen die Löhne informell verhandelt und die Arbeitsbedingungen mündlich besiegelt werden. In jedem Fall ist die Konstruktion für viele Betroffene und ihre Angehörigen oft die einzige Möglichkeit, Pflege, Arbeit, Familie, also ihr Leben zusammenzubringen.

Putzen, waschen, spazieren gehen, Essen kochen - das geht nicht mit dem Stundenzettel

Dies gilt auch andersherum. Denn die Grenzen dieser Arbeit sind fließend - sowohl was die Zeit, aber auch was die Aufgaben angeht. In den Kosten, die die Familien der Pflegebedürftigen tragen, ist nicht nur der Lohn enthalten. Hinzu kommen Aufwendungen für die An- und Abreise der Pflegerinnen, für ihre Unterkunft, für Essen und Trinken. Für die Beschäftigten ist es oft ein attraktives Angebot, denn formal werden für diese Form der Pflege keine besonderen Qualifikationen vorausgesetzt. Zudem gewährt sie eine gewisse Freiheit, den Arbeitstag selbst zu bestimmen: Oft können die Pflegerinnen mitentscheiden, wann sie ihre Aufgaben erfüllen, und wie sie ihre Freizeit gestalten.

Dabei gleicht das Leben der Wander-Pflegerinnen der Bewegung eines Pendels. Janina, die ehemalige Schlosserin, die frühere Ladenbesitzerin, sie erlebt das nun seit Jahren. Das Pendel vor: in Deutschland arbeiten; das Pendel zurück: in Polen leben. Uhrpendel vor: sich um den Pflegebedürftigen in Deutschland kümmern; Uhrpendel zurück: für den Ehemann in Polen da sein, den eigenen Kindern zuhören und erklären, weshalb die Mutter wieder einmal nicht da ist. All das geschieht auch während der sogenannten Arbeitszeit. Es ist also ein Bündel aus Arbeit, Leben und Bereitschaftszeiten, um das es hier geht. Unter Mindestlohnbedingungen und bei einem Achtstundentag ist es kaum denkbar.

Der Arbeitsalltag in der häuslichen Pflege ist dafür auch individuell zu unterschiedlich und zu wenig vorhersehbar. Es ist fast unmöglich, ihn in einen starren Rahmen zu pressen. Die Betreuung von alten Menschen geht auf Kosten der Qualität, wenn sie mit der Uhr in der Hand und im Akkord ausgeübt wird, wenn für jede Umarmung oder für jeden Löffel Brei ein bestimmter Kostenaufwand berechnet wird. Dann würde sich die Pflege im eigenen Zuhause kaum noch von der stationären Versorgung unterscheiden. Die wird zwar meist professionell erbracht, aufgrund des Prinzips der Minutenpflege fehlt es jedoch oft an Zuwendung und vor allem an Zeit. Und gerade die Einsamkeit ist eine der größten Belastungen für viele ältere Menschen.

Die Einführung des Mindestlohnes in diesen Arbeitsverhältnissen führt schließlich auch dazu, dass sie weiter in die Schattenwirtschaft gedrängt werden. Ansätze, dieses Geschäft legal und sozialversichert zu organisieren, werden konterkariert. Polnische Medien wie das Internet-Portal Niemcy-Online.pl berichten bereits darüber, wie einige Vermittlungsagenturen reagieren: Sie verlangen von ihren Beschäftigten, per Bescheinigung zu versichern, dass der Mindestlohn gezahlt wird. Falls sich die Angestellten weigern dies zu tun, droht ihnen die Kündigung. Viele der Beschäftigten kennen ihre Rechte nicht und sind angewiesen auf die Stelle - also machen sie mit. Als "Dankeschön" oder als "Entschädigung" für diese Kooperation werden ihnen manchmal drei Euro mehr pro Tag angeboten.

Aus all diesen Gründen sollte die Einführung des Mindestlohnes und starrer Arbeitszeitregeln in der häuslichen Pflege gründlich überdacht werden. Aufgrund ihrer Struktur ist diese Tätigkeit kaum mit anderen zu vergleichen. Ein Entlohnungsmodell, das hier funktionieren könnte, müsste sich nicht an einem Stunden- sondern an einem Tageslohn orientieren. Hinzu könnten zum Beispiel Prämien für eine erfolgreiche aktivierende Pflege durch Spaziergänge und ähnliches kommen. Auf der Suche nach einem passenden Modell wäre es sicherlich sinnvoll mit den Pflegekräften selbst zu sprechen. Sie kennen die Bedingungen vor Ort am besten, haben aber jedoch wegen ihres Pendel-Daseins keine Lobby, die ihnen eine Stimme verschaffen könnte.

Die Pflege, insbesondere die von alten Menschen, wird in Deutschland in den kommenden Jahren erheblich zunehmen. Pflegekräfte aus Nachbarländern wie Polen können dabei eine gute Hilfe sein. Dies kann auf Dauer aber nur funktionieren, wenn die Arbeitsverhältnisse so gestaltet sind, dass die Betreuungskräfte dabei nicht ausgebeutet werden. Denn nur so kann sich zwischen Betreuer und Bedürftigem ein Vertrauensverhältnis entwickeln.

© SZ vom 30.03.2015
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