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Frankreich:Was Deutschland aus der französischen Burkini-Diskussion lernen kann

Badende Frauen am Strand vor Tunis.

(Foto: AFP)

In der Debatte um den Burkini missbrauchen die Franzosen die Laizität, um Muslime zu stigmatisieren. Deutschland sollte das beim Streit um die Vollverschleierung vermeiden.

Fassungslos hörte ich neulich im französischen Rundfunk, dass einige Frauen ein Strafmandat bekommen hatten, weil sie am Strand "zu bekleidet" waren. So als verlange eine Sittenpolizei, dass sich die Frauen doch endlich entkleiden. Jetzt hat ein Fotograf so einen Vorfall ausgerechnet am Strand von Nizza dokumentiert, bei dem ein Uniformierter einer muslimischen Frau offenbar einen Strafzettel schrieb.

In Frankreich tobt ein Krieg um den Burkini, diesen Badeanzug, der Kopf und Körper muslimischer Frauen bedeckt; seit Anfang August haben ihn zwölf französische Badeorte verboten. Damit macht sich die Nation zum Narren. Die New York Times bemerkte ironisch, Frankreich habe in dem Badeanzug offenbar eine neue Bedrohung für seine Sicherheit entdeckt.

In der Tat hat der Streit um den Burkini wenig mit den wirklichen Problemen Frankreichs zu tun. Es ist falsch zu behaupten, dass der Burkini auf "politischen Extremismus" deutet. Viele Politiker, darunter auch Ministerpräsident Manuel Valls, missbrauchen das Gesetz über die Laizität von 1905. Damals war Frankreich gespalten zwischen Antiklerikalen und Katholiken, die den Einfluss der Kirche auf Staat und Gesellschaft erhalten wollten. Nach mehr als zwei Jahrzehnten heftiger Auseinandersetzungen sollte das Land endlich befriedet werden. Die Säkularisierung, die mit der Französischen Revolution begonnen hatte, wurde damit vollendet, die Laizität bildet seitdem einen Grundpfeiler der Republik.

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Die französischen Behörden missbrauchen die Trennung von Religion und Staat, um Muslime zu diskriminieren - allen voran Frauen im Burkini.   Ein Kommentar von Christian Wernicke, Paris

Laizität wurde von Toleranz getragen - nun wird sie zur Diskriminierung missbraucht

Die Prinzipien, die sich daraus ableiten, waren vom Gedanken der Toleranz getragen: Das Gesetz proklamierte die Neutralität des Staates in Sachen Religion, den Schutz der Gewissensfreiheit, also das Recht zu glauben oder nicht zu glauben, außerdem die juristische Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Zwar gab es nach Verabschiedung des Gesetzes Ausschreitungen in den streng katholischen Regionen Frankreichs, doch die Mehrheit akzeptierte die Trennung von Kirche und Staat. Heute identifizieren sich fast alle mit diesem Prinzip.

Zur Person

Cécile Calla, 38, ist eine deutsch-französische Journalistin und Autorin. Sie lebt seit 2003 in Berlin.

Ende der 1980er-Jahre änderten sich etwas. Mit dem selbstbewussteren Auftreten einer neuen Generation von Zuwanderern, der stärkeren Sichtbarkeit des Islam und dem sinkenden Einfluss der katholischen Kirche machte sich die Angst vor Parallelgesellschaften breit, was zu einem Rechtsruck des politischen Diskurses und der radikaleren Auslegung der Laizität führte. Es begann mit der Kopftuchaffäre: Als ein Schuldirektor im Oktober 1989 drei muslimischen Schülerinnen mit Kopftuch den Zugang zum Unterricht verweigerte und die Regierung den Dialog mit dem Islam befürwortete, ging ein Schrei durch das Land.

Viele Linksintellektuelle, darunter Elisabeth Badinter und Alain Finkielkraut, verglichen die Reaktion der Regierung mit dem Münchener Abkommen von 1938. Obwohl es sich nur um einige Fälle handelte, folgte dann mehr als ein Jahrzehnt hysterischer Debatten, die 2004 im Verbot auffälliger religiöser Zeichen wie Kopftuch, Kippa und großen Kreuzen an den Schulen endeten. Einige öffentliche Schwimmbäder, die extra für muslimische Frauen eingerichtet wurden, lösten Proteste aus. 2009 machte der Fall einer Kita-Erzieherin mit Kopftuch Schlagzeilen, 2010 kam dann das Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum. Dies wurde nicht mit der Laizität begründet, sondern mit dem Verbot, sich in der Öffentlichkeit zu vermummen.