Ausschreitungen in Thailand:"Es gibt keine Fähigkeit zum Kompromiss"

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Tränengas wabert durch die Straßen, die Polizei schießt auf Demonstranten: Auch am Montag ist die Lage in Thailands Hauptstadt Bangkok unübersichtlich. SZ-Korrespondent Arne Perras ist in Bangkok und schildert seine Eindrücke.

Protokoll: Michael König

Arne Perras ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung für Südostasien. Er hält sich derzeit in Bangkok auf, wo die Proteste der Opposition gegen die Regierung von Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra am Wochenende eskalierten.

Ausschreitungen in Thailand: SZ-Korrespondent Arne Perras

SZ-Korrespondent Arne Perras

Herr Perras, am Wochenende gab es bei Protesten in Bangkok Dutzende Verletzte und vier Tote. Wie ist die Lage jetzt?

Arne Perras: Die Situation ist noch immer verworren. Die Demonstranten versuchen weiterhin, den Regierungssitz zu stürmen. Am Morgen fielen Schüsse. Mehrere Quellen sprechen davon, die Polizei habe Gummigeschosse eingesetzt, andere sprechen von scharfer Munition. Es gab zwei oder drei Verletzte. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht.

Für alle, die sich bislang nicht mit der thailändischen Politik befasst haben: Worum geht es in dem Konflikt?

Im Grunde geht es darum, dass die verschiedenen Machtblöcke es nicht schaffen, sich zusammenzusetzen und eine politische Lösung zu finden, die alle Interessen bedient. Der Mechanismus, um Konflikte zu lösen, funktioniert in Thailand nicht. Es gibt keine Fähigkeit zum Kompromiss.

Thai protests

Tränengas und Wurfgeschosse in Bangkok

(Foto: dpa)

Der Anführer der Demonstranten, Suthep Thaugsuban, wirft der Regierung Korruption vor. Die Premierministerin sei eine Marionette ihres 2006 vom Militär gestürzten Bruders. Hat er recht?

Das kann man so sehen, ja. Es gibt durchaus Hinweise darauf, dass der Ex-Premier und Tycoon Thaksin Shinawatra aus dem Exil in Dubai die Fäden zieht. Manche sprechen von einer ferngesteuerten Regierung. Jedoch ist diese Regierung bei der Wahl 2011 von einer breiten Mehrheit legitimiert worden. Was die Gegner aber wiederum nicht gelten lassen, weil sie ihr Stimmenkauf vorwerfen. In jedem Fall bedient die Partei der Premierministerin vor allem ihre Klientel im ländlichen Nordosten des Landes. Das alte Establishment und die Menschen im Süden Thailands fühlen sich benachteiligt.

Wäre Suthep ein besserer, nicht korrupter Premierminister?

Suthep war einst selbst stellvertretender Regierungschef, und Korruptionsvorwürfe gibt es in der thailändischen Politik seit vielen Jahren. Das ist nicht auf eine Gruppe zu beschränken. Ob er in der Lage wäre, Thailand zu versöhnen, daran haben doch viele Menschen Zweifel. Im Moment zeigt er keine Kompromissbereitschaft. Er spricht von einem Volksrat, der die Exekutive übernehmen soll. So etwas ist in der Verfassung nicht vorgesehen. Das bedeutet nichts anderes als ein Coup.

Die Premierministerin hat das Gespräch mit Suthep gesucht, daraufhin hat er von ihr verlangt, bis Dienstag zurückzutreten. Was passiert dann?

Prognosen sind schwer zu stellen. Suthep will den Schwung nutzen. Die Opposition will die Regierung stürzen, möglichst schnell, bevor am Donnerstag der König seinen Geburtstag feiert. Dann wird sicher Ruhe einkehren in Bangkok. Die Polizei steht hinter der Regierung, das Militär hält sich zurück. Wie viel Wucht der Protest noch entwickeln kann, ist daher ungewiss. Von dem Generalstreik, zu dem Suthep für heute aufgerufen hat, ist jedenfalls nicht viel zu sehen. Die Leute gehen ganz normal zur Arbeit.

Ist es für Berichterstatter in Bangkok sicher?

Die Lage ist für Reporter nicht ungefährlich. Sich in die Menge zu begeben, ist heikel. Tränengas ist ein Problem, auch heute. Da ist Abstand geboten. Wenn jetzt scharf geschossen wird, erst recht. Wenn man einige Regeln beachtet, ist das Risiko aber beherrschbar.

Was sollten Touristen wissen, die jetzt in Bangkok unterwegs sind?

Sie sollten sich von den Demonstrationen fernhalten und die umkämpften Gebäude meiden, etwa Ministerien. Das rät auch das Auswärtige Amt. Ansonsten kann man sich in Bangkok relativ frei bewegen. In einigen Teilen der Stadt ist von den Protesten gar nichts zu spüren.

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