Süddeutsche Zeitung

Ausschreitungen in England:Plündern und Prügeln als Freizeitsport

Armut, Rasse, Langeweile, Neid, Blackberry-Botschaften: Politik und Medien geben einfache Erklärungen für die Krawalle in Großbritannien. Doch selbst die Plünderer scheinen nicht genau zu wissen, warum sie tun, was sie tun. Bei keiner der Erklärungen bleibt der Eindruck, sie sei eine angemessene Antwort auf die Frage nach der Ursache, schreibt der britische Journalist

Linklater.

Gewiss, es hat in England schon viele Aufstände gegeben. Wir mögen (vor allem im Ausland) als vernünftig und zivilisiert gelten. Doch gibt es da auch eine starke Tradition von Individualismus und Ungehorsam. In den achtziger Jahren war Brixton der Schauplatz von großen Tumulten, in denen es um soziale Ausgrenzung, polizeiliche Überwachung und Rassenkonflikte ging. Es gab eine lange Reihe von Aufständen in Nordirland, aus religiösen und sektiererischen Gründen.

Wir erinnern uns an die "Poll Tax Riots" von 1990, die sich aus dem Protest gegen die von der Regierung Thatcher eingeführte Kopfsteuer entwickelten. Und erst im vergangenen Jahr erlebten wir die Studentenproteste gegen die Erhöhung der Studiengebühren, die als Demonstrationen begannen, um im Tumult zu enden. Jedes Mal stritten wir über die Bedeutung dieser Ausschreitungen. Aber immer konnten wir uns darauf einigen, dass es eine Erklärung gibt.

Die jüngsten Ausschreitungen unterscheiden sich dadurch von allen vorhergehenden, dass keiner eine Vorstellung hat, warum sie stattfinden. Die britischen Medien liefern natürlich in großer Hast eine Vielzahl von Erklärungen. Doch die meisten von ihnen widersprechen einander, und bei keiner hat man den Eindruck, sie sei eine angemessene Antwort auf die Fakten.

Gewöhnlich fallen solche Erklärungen in die Großkategorien von "links" und "rechts". "Links" wäre der Versuch, ein soziales Problem zu beschreiben, das durch eine angemessene politische Reaktion behoben werden könne. "Rechts" wäre die Klage über einen Zusammenbruch der Moral, der eine entschlossene Antwort der staatlichen Autorität erfordere.

David Camerons Koalitionsregierung, die ja von den Tories dominiert wird, hat bereits klargestellt, es könne sich hier nur "schlicht und einfach um Kriminalität" handeln, also nicht um soziale oder ökonomische Missstände. Der traditionell links orientierte Guardian lieferte dazu die Gegenseite: "Erfahrung lehrt uns, dass auch die Ausschreitung als bewusst gewählte und erklärbare Form des Verhaltens behandelt werden muss - auch wenn sie unangemessen ist."

Keine der beiden Erklärungen ist schlüssig. Die Regierung wird sich, früher oder später, den Gründen zuwenden müssen. Und die liberale oder links orientierte Presse muss sich fragen, worin die "bewusst gewählte" Entscheidung bestehen soll, die angeblich von den Randalierern getroffen wurde? Was könnte ihr Verhalten erklären? Armut, Ohnmacht, ein zusammenbrechendes "System", Sparmaßnahmen, Rasse, Langeweile, organisiertes Verbrechen, globale Ungewissheit, schwache Kommunalpolitik, Neid, Blackberry-Botschaften, die Polizei - all das wurde schon angeboten.

Tatsächlich weiß keiner genau, wer die Randalierer sind. Vielleicht ist die Mehrheit von ihnen tatsächlich schwarz, stammt also aus Afrika oder aus der Karibik. Vielleicht stammt die Mehrheit auch aus den ärmeren Vierteln der englischen Städte. Aber beides trifft keineswegs auf alle Randalierer zu. Viele, aber nicht alle, sind jung (und es sind Kinder unter ihnen). Es gibt offenbar kriminelle Banden, die gezielt plündern und Feuer legen. Aber die meisten Plündereien sind offenbar der Gelegenheit geschuldet.

Einige der Randalierer sind wütend, andere finden die Aufstände lustig. Offenbar verändern sich die aufständischen Gruppen auch von Tag zu Tag, sie folgen willkürlichen, von den sozialen Medien vermittelten Mustern, und das umso mehr, je länger die Tumulte andauern. Vermutlich wird nun mindestens ein Jahrzehnt über die "multikulturelle Dynamik" debattiert werden, der diese Aufstände in der ethnisch am buntesten gemischten Metropole der Welt folgten.

An den Interviews, die mit den Randalierern gemacht werden, fällt auf, dass sie selbst nicht zu wissen scheinen, warum sie tun, was sie tun. Einige sagen, sie seien wütend auf die Polizei. Anderen fehlt das Vermögen, ihre Gedanken auszudrücken. Wenn sie es dennoch tun, ist das, was dabei herauskommt, oft auf ebenso erschreckende wie komische Weise banal: "Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen", sagte ein weißes Mädchen der BBC. Ihre Bemerkung ist offenbar repräsentativ für eine Form des Widerstands, die man dem Freizeitverhalten zuordnen möchte.

Das beste Wort, um die gegenwärtig herrschenden Zustände zu beschreiben, stammt vermutlich von Émile Durkheim, dem französischen Soziologen: "Anomie" beschreibt eine Art Zusammenbruch, ein drastisches Auseinandertreten zwischen den Normen, die für einen einzelnen Menschen oder für eine Gruppe gelten, und den gesellschaftlichen Normen.

Wie immer bei psychischen Ausnahmezuständen ist es schwierig, die Gründe dafür zu finden - dass ein junger Mann in Tottenham von der Polizei erschossen wurde, mag allenfalls als Auslöser gelten. Die beste Antwort wäre vermutlich, man drehte die Frage nach den Gründen um: Wie unterstützt man die Entwicklung in sich kohärenter Gemeinschaften? Das Verlangen nach einer einfachen Erklärung spiegelt nur den Wunsch wider, dem Zusammenbruch sofort zu entkommen.

Alexander Linklater ist Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift Prospect magazine.

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SZ vom 11.08.2011/sebi
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