Süddeutsche Zeitung

Aussage von NSU-Helfer Carsten S.:Von der Seele geredet

Lesezeit: 4 min

Er soll der NSU-Terrorzelle die Tatwaffe geliefert haben: Als erster Angeklagter im NSU-Prozess bricht Carsten S. sein Schweigen. Er erzählt dem Gericht von seiner Jugend bei den Nazis, dem Coming-Out - und warum er dem Terror-Trio die Ceska-Pistole besorgte.

Von Annette Ramelsberger, München

Er rückt eigens um eine Reihe nach vorne für seine Aussage, er sitzt nun direkt hinter Beate Zschäpe, in ihrem Nacken. Sie schaut sich nicht um. Er taucht nun unter dem Kapuzenpulli hervor, mit dem er sich all die Wochen verhüllt hatte: ein schmaler, jungenhafter Mann von 33 Jahren, blass, mit dunklen Haaren. Er ist angespannt. Nun wird er reden, es sich von der Seele reden, was ihn seit 14 Jahren drückt - mit allen Einzelheiten.

Carsten S. war 19, als er den NSU mit einer Waffe belieferte, als er für Zschäpe und ihre Kumpanen ein Motorrad klaute, als er Zschäpe aus ihrer alten Wohnung den Pass und den Führerschein besorgte, für ihr Leben im Untergrund. Er bewunderte das Trio, fühlte sich vor allem von Uwe Böhnhardt angezogen. Er will alles erzählen, sich nicht schonen. In "geradezu selbstzerstörerischer Weise", wie ein Ermittler sagt.

Carsten S. hat am Dienstag lange gewartet. Immer wieder hatten die Verteidiger und die Nebenkläger Anträge gestellt - auf Einstellung des Verfahrens wegen der Vorverurteilung von Beate Zschäpe, wegen der vernichteten Akten des Verfassungsschutzes. Sie hatten Anträge gestellt auf den Ausschluss von Mitarbeitern von Polizei und Verfassungsschutz von der Verhandlung - weil sie so Zeugen aus ihren eigenen Reihen instruieren könnten. Auf Protokollierung der Aussagen der Angeklagten Carsten S. und Holger G. - weil Holger G., wie Zschäpes Anwälte sagen, in den Ermittlungen nachweislich gelogen habe. Alle diese Anträge hatte das Gericht abgelehnt, den letzten mit der Begründung, es gebe keine Anhaltspunkte, "dass sich die Behörden unlauter verhalten werden".

Er engagierte sich bei der Aids-Hilfe

Dann, endlich, es ist schon 15.45 Uhr, darf Carsten S. reden. Und jetzt, zum ersten Mal, schaut sich Beate Zschäpe zu ihm um. Kurz nur, interessiert. Dann schaut sie wieder gerade nach vorn. Carsten S. spricht direkt in ihrem Nacken. Nur der Angeklagte André E. schaut Carsten S. unverwandt an. Er lässt ihn nicht aus den Augen.

Carsten S. ist unsicher. Er will alles richtig machen, fragt nach, wo er anfangen soll, geht bis ins Detail. Dass er und seine Schwester bei Tisch nicht sprechen durften, nicht lachen, dass der Vater das verboten hatte. Dass die Mutter eine Psychose hatte, die immer wieder durchbrach. Er machte das Fachabitur, ging zum Studieren nach Düsseldorf. Dort hatte er das Coming-out als schwuler Mann und engagierte sich bei der Aidshilfe.

Carsten S. spricht mit tiefer, ein wenig belegter Stimme. Bei einem Kollegen habe er zum ersten Mal die "Zillertaler Türkenjäger" gehört. "Das fanden wir damals lustig." Er bestellte Infobriefe der NPD und der Jungen Nationaldemokraten und er stieg auf. Doch diese Karriere bei den Rechtsradikalen führt er nicht aus, er springt gleich zu seinen Zweifeln. Er wollte nicht Landeschef der Jungen Nationaldemokraten werden, sagt er, er habe gedacht: "Da komm' ich sonst nicht mehr raus."

Aber ausgestiegen ist er erst, als sein Neonazi-Kamerad Ralf Wohlleben zu ihm sagte: Ihn würde es ankotzen, wenn einer sagte, er wäre schwul. Da wurde ihm klar: "Das sind nicht deine Leute." Kurz darauf outete er sich bei seiner Schwester. Er hatte sich dafür Mut angetrunken, mit einer Flasche Wermut. "Und wie sieht Ihr Leben jetzt aus?" fragt Richter Manfred Götzl. Doch dazu darf Carsten S. nichts sagen. Er ist im Zeugenschutzprogramm, die Rechtsradikalen sehen ihn als Verräter an.

Wieder schaut Zschäpe ihn nun an, sie dreht sich um, fixiert ihn. Sie ist nur eine Armlänge von ihm entfernt. Götzl bohrt jetzt nach wegen seiner politischen Karriere. 1999 wurde er Kreisvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten (JN) von Jena, kurz darauf stellvertretender Bundesgeschäftsführer, im Jahr 2000 Vizechef der JN Thüringen. Doch da habe er eigentlich schon nichts mehr gemacht. Im September legte er seine Ämter nieder. Auf den ersten Blick hört sich das harmlos an. Nichts von den Überfällen, an denen er auch beteiligt war.

"Und wie sind Sie zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gekommen?", fragt Götzl. "Damit wir mal zur Vorgeschichte dessen kommen, was Ihnen vorgeworfen wird." Einmal war Carsten S. "in der Wohnung von der Frau Zschäpe", sagt er, einmal waren sie gemeinsam im Jugendklub, einmal war er mit Zschäpe auf einer Demo in Erfurt. Dann seien die drei schon weg gewesen. Und kurz darauf habe ihn ein Freund angesprochen, ob er ihnen helfen könnte. "Dann ging es mit den Telefonkontakten los", sagte Carsten S.. Ralf Wohlleben habe ihm gezeigt, wie er aus den Telefonzellen ein Handy anrief und dann einen Rückruf von dem Trio erhielt. "Mindestens einmal war auch Frau Zschäpe am Telefon."

"Das Nächste war dann der Wunsch nach der Waffe"

Dann fragten ihn die beiden Uwes, ob er in die Wohnung von Zschäpe einsteigen und Akten rausholen könnte. Er machte es. Er trat die Tür ein, "das ganze Haus hat gerummst." Da lag eine schwarz-weiß-rote Fahne auf dem Boden, die hat er auch mit eingepackt. "Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mit Herrn Wohlleben die Tasche ausgeräumt habe." Die Ausweise haben sie vergraben, die Akten angezündet. Dann hat er auch mal die drei getroffen, aber die hätten ihn nicht mit Namen angesprochen, sondern mit "Kleiner". Er knackte mit Wohlleben ein Motorrad für die drei vom NSU. Sie versteckten es auf einer Wiese und deckten es ab. Aber als sie es holen wollten, war es weg. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seien sauer gewesen. "Das Nächste war dann der Wunsch nach der Waffe." Wohlleben schickte ihn in einen Szeneladen. Carsten S. besorgte die Waffe dort, er überbrachte sie dem Trio in Chemnitz. In einem Abbruchhaus. Einer der Uwes schraubte den Schalldämpfer drauf.

Götzl fragt: "Für was brauchten die drei die Waffe?" Carsten S. sagt, er habe es nicht gewusst.

Götzl: "Haben Sie nachgefragt?" Nein, hat er nicht.

Götzl: "Haben Sie sich Gedanken gemacht?" Pause. Dann sagt Carsten S.: "Ich dachte mir, dass nichts passieren würde. Ich hatte ein positives Gefühl, dass die drei in Ordnung seien." Für ihn waren sie "die drei armen Verfolgten, denen muss man helfen".

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SZ vom 05.06.2013
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