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Aussage im NSU-Prozess:"Wie verrückt muss ich gewesen sein?"

Carsten S. hat dem NSU-Trio eine Pistole samt Schalldämpfer besorgt, neun Menschen wurden damit ermordet. Der ehemalige Neonazi ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt, nun will er aussagen - auch, damit er endlich sein altes Leben hinter sich lassen kann.

Bisher sitzt er im Gerichtssaal wie ein Schmerzensmann. Tief gebeugt, den schwarzen Kapuzenpulli ins Gesicht gezogen, fast wie ein büßender Mönch. Erst wenn der letzte Fotograf gegangen ist, erst wenn das Gericht den Saal betritt, schlägt er die Kapuze zurück. Er trägt den Kapuzenpulli nicht etwa, weil er den Blicken der Angehörigen der NSU-Opfer ausweichen will, weil er sich verbergen will - er trägt sie, weil er muss. Der Mann ist im Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes, von ihm soll es keine Fotos geben, niemand soll ihn erkennen, wenn er mal eben aus seiner neuen, geheim gehaltenen Wohnung kommt und einkaufen geht.

Am Dienstag wird Carsten S. reden. An diesem ersten Verhandlungstag nach der Pfingstpause wird er all das sagen, weswegen er geschützt werden muss: Wer ihn beauftragt hat, eine Pistole für die drei Verschwörer vom NSU zu beschaffen. Wie oft er sie traf, über was sie redeten, wie sehr er sie bewunderte. Er will nichts aussparen: nicht seine Zeit als NPD-Chef von Jena, nicht seine Jahre als stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, auch nicht den Tag, als er selbst zuschlug, selbst zutrat.

"Er will Tabula rasa machen", sagt sein Anwalt Johannes Pausch. Und allein schon die Wahl dieses Anwalts ist ein Zeichen dafür. Denn Pausch verteidigt Antifa-Aktivisten, Islamisten, Linksradikale. Er ist der Gegenentwurf eines rechten Szeneanwalts. "Unser Mandant streitet nichts ab", sagt Pausch. "Er fragt sich ja selbst: Wer war das damals? Wie verrückt muss ich gewesen sein? Und er weiß: Er kann das nicht ungeschehen machen." Jener Mann, für den die Neonazi-Demo von München 1997, zu der er als 17-Jähriger fuhr, ein "Highlight-Erlebnis" war.

"Diese Offenheit hat uns umgehauen"

Carsten S. ist nun 33 Jahre alt, und er ist angeklagt der Beihilfe zum Mord. In neun Fällen. Neunmal hat der NSU für seine Hinrichtungen die Pistole Ceska benutzt. Und Carsten S. hat diese Waffe dem NSU überbracht. Er hat von sich aus den Ermittlern erzählt, dass sie einen Schalldämpfer hatte, obwohl dieses Detail ihn schwer belastet - weil ein Schalldämpfer darauf hindeutet, dass damit unbemerkt getötet werden soll. Er hat auch erzählt, wie sehr er sich von Uwe Böhnhardt, einem der beiden Männer des NSU, angezogen fühlte. "Er hat schonungslos erzählt, in fast selbstzerstörerischer Weise", sagt ein Ermittler. "Diese Offenheit hat uns umgehauen."

Zwei Jahre lang hat Carsten S. Kontakt zum NSU gehalten. Er ist einmal in die alte Wohnung von Beate Zschäpe eingestiegen, um ihr den Pass und Akten herauszuholen. Er hat für sie ein Motorrad geklaut. Er fühlte sich geehrt durch ihr Vertrauen. Erst als er erkannte, dass er wegen seiner Homosexualität nie anerkannt werden würde in der rechten Szene, hat er ihr gegen Ende des Jahres 2000 den Rücken gekehrt. Er hat es radikal getan: ist nach Düsseldorf gegangen, hat Sozialpädagogik studiert, arbeitete in der Aidshilfe. Und er hat gegenüber Studienkollegen aus der Antifa offen erklärt, was er war und was er nicht mehr sein wollte: ein Rechtsradikaler.

Aktenlage Lange Suche nach der Wahrheit Video
Aktenlage zum NSU-Prozess

Lange Suche nach der Wahrheit

Endlich hat der NSU-Prozess die ernste Phase erreicht. Besonders die Angehörigen warten sehnlichst darauf, dass die Suche nach der Wahrheit beginnt. Wie sich der Vorsitzende Richter zu Prozessbeginn präsentierte und wie im Gericht mit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe umgegangen wurde - eine Analyse.

Doch seine Vergangenheit hat ihn eingeholt. Und nun sitzt er da zwischen dem bekennenden Neonazi Ralf Wohlleben und dem bekennenden Judenfeind André E. und der schweigenden Beate Zschäpe und fühlt sich - fremd. Keiner schaut ihn an, und er schaut die anderen nicht an. Selbst wenn sie auf Handbreite aneinander vorbeigeführt werden - nichts. Und er will ja auch gar nicht sein wie die anderen. Er ist doch anders, sagt er, fühlt er. Von den Morden des NSU will er nichts gewusst haben; als er davon aus den Medien erfuhr, sei für ihn eine Welt zusammengebrochen. Angeblich hat Carsten S. auch nicht darüber nachgedacht, wofür die Waffe bestimmt war, die er dem Trio beschafft hatte. Obwohl er schon damals "Bauchschmerzen" hatte, wie er in Vernehmungen sagte.

Carsten S. will zu den Guten gehören

Heute liest er das Buch von Semiya Simsek, "Schmerzliche Heimat", über den Verlust ihres Vaters, den der NSU erschossen hat. Beeindruckt war Carsten S. von der jungen Frau, die ihren Vater verloren hat und doch so differenziert und wohlwollend über Deutschland schreibt. Und getroffen war er, als diese Semiya Simsek dann erklärte, dass für sie auch diejenigen Mordgehilfen seien, die nur die Waffe überbracht haben. Also er. Carsten S. will zu den Guten gehören. Und versteht nur schwer, dass die Guten das nicht so einfach geschehen lassen wollen.

Jochen Weingarten von der Bundesanwaltschaft hat mit ihm immer wieder geredet. Fünfmal wurde Carsten S. vernommen, zu jedem Detail des Waffentransfers. Jetzt will er auch vor Gericht Rede und Antwort stehen - auch den Nebenklägern. Nur bei den Fragen von Ralf Wohlleben wird er sich wohl zurückhalten: Sein früherer Freund ist weiterhin eine Größe in der rechten Szene, für ihn fordern seine Kumpane "Freiheit für Wolle". Er wird alles daransetzen, die Aussage von Carsten S. zu erschüttern. Seine Anwältin hat bereits geschrieben: "War der Zeuge S. vielleicht auch ein V-Mann? Erhielt er möglicherweise die angebliche Waffe von einer Sicherheitsbehörde?" Sei nicht S. die treibende Kraft gewesen? Wollte er sich gegenüber dem Trio profilieren? "Wir haben nicht den Hauch eines Anhaltspunktes dafür, dass S. ein V-Mann war", erklärt die Bundesanwaltschaft.

Es kann unangenehm werden für Carsten S. Denn nur der verirrte, einsame Junge, der nicht wusste, was er tat - das nehmen ihm viele nicht ab; immerhin war er damals eine Führungsperson in der rechten Szene. Auch wenn ihn der Psychiater Norbert Leygraf und ein Gutachten der Jugendgerichtshilfe übereinstimmend für jugendlich einschätzen, als er die Waffe überbrachte. Er war 19 damals. Sollte sich das Gericht dieser Einschätzung anschließen, würde es bedeuten, dass Carsten S. die geringere Jugendstrafe für seine Taten bekommt.

Die härteste Strafe für ihn dürfte ohnehin sein, dass er seine neue Heimat verloren hat: seine Freunde aus der linken Szene, die Arbeit bei der Aidshilfe. Er hat seinem alten Leben im Jahr 2000 den Rücken gekehrt, sein neues Leben hat er nun auch verloren.