Ausländerfeindlichkeit in den Niederlanden "Lokjood" auf Streife in Amsterdam

Amsterdam hat einen Ruf zu verlieren. In der als tolerant geltenden Metropole kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Juden. Nun sollen Polizisten Lockvogel spielen - als Orthodoxe verkleidet.

Von Dana Hoffmann

Angeklebte Schläfenlocken, ein falscher Bart, auf dem Kopf ein breitkrempiger schwarzer Hut. So ausstaffiert könnten bald Amsterdamer Polizisten auf Streife gehen. Als Lokjood, Lockjuden, sollen sie sich auf offener Straße anpöbeln und angreifen lassen. Antisemiten, so hofft man in der niederländischen Hauptstadt, können so schneller verhaftet und verurteilt werden.

Manche orthodoxe Juden trauen sich in Amsterdam nicht mehr auf die Straße - aus Angst vor Angriffen.

(Foto: AFP)

Ronny Naftaniel, Direktor der niederländischen Stiftung Information und Dokumentation Israel, weiß: "Leute, die eine Kippa oder einen typisch jüdischen Hut trugen, sind bespuckt und beschimpft worden, ein paar Mal wurde der Hitlergruß gezeigt." Die Feindlichkeit gegenüber anderen Religionen und Nationalitäten sei spürbar, Naftaniel spricht von einer "generellen Atmosphäre" und "einer eher destruktiven öffentlichen Debatte. Er hält die Pläne der Stadt deshalb für eine "phantastische Idee": "Niemand sollte Angst haben müssen, sich durch seine Kleidung öffentlich zu einer Religion zu bekennen."

Doch nicht nur Juden werden auf offener Straße angegangen, es trifft auch Homosexuelle, Muslime oder andere Minderheiten. Die Niederlande galten zwar lange als Vorbild für eine funktionierende Multikulti-Nation. Doch die jüngsten Wahlerfolge des Rechtspopulisten Geert Wilders zeigen: Der gute Ruf hat Kratzer bekommen. Wilders setzt sich für einen Einwanderungsstopp aus nichtwestlichen Staaten ein. Jeder sechste Niederländer stimmte bei den Parlamentswahlen im Juni für seine "Partei für die Freiheit" und ihr islamfeindliches Programm.

Das passt zum zunehmend nationalistischen Klima im Land. Symbol dieser Stimmung ist der Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh geworden. Der Regisseur war vor sechs Jahren von einem islamischen Fundamentalisten erschossen worden. Der Täter wurde kurz darauf gefasst. Van Gogh hatte bereits zuvor Morddrohungen erhalten, weil sein Film Submission die Unterdrückung der Frau im Islam thematisiert. Gut fünf Prozent der 16 Millionen Niederländer sind Muslime, die meisten kommen aus der Türkei und Marokko. Etwa 20 Prozent der Einwohner sind eingewandert, in Amsterdam stammt sogar die Hälfte der 765.000 Bürger nicht aus den Niederlanden, 20.000 Juden leben hier.

Mit solchen Zahlen schürt Geert Wilders Ängste, illustriert von Geschichten über Gewalt und Kriminalität in sogenannten Problemvierteln. In so einem ist die Idee der polizeilichen Lockvogel-Aktion entstanden: Im Amsterdamer Stadtteil Slotervaart, einem Viertel mit besonders hohem Migrantenanteil. Hier ist auch Theo van Goghs Mörder aufgewachsen. Hier, so scheint es, werden Opfer der ausländerfeindlichen Stimmung zu Tätern: Junge Muslime pöbeln Juden an, spucken, werden auch schon mal handgreiflich. Der sozialdemokratische Stadtrat Ahmed Marcouch hält diese Situation für "inakzeptabel", wie er auf seiner Homepage schreibt.

Der gebürtige Marokkaner hat früher selber als Polizist gearbeitet und war Bezirkspräsident des Viertels. Marcouch ist für sein hartes Vorgehen gegen Hangjongeren, herumlungernde Jugendliche, bekannt. In einem Schreiben appelliert er an die Verantwortlichen: "Ich meine, Sie sollten alles tun, um die Peiniger, die Verbrecher zu bekämpfen. Von mir aus setzen Sie 'Lockjuden' ein, tun Sie alles, um die Verbrecher zu fassen. Das ist eine ernste Angelegenheit, die nicht nur die jüdische Gemeinde angeht, sondern uns alle. Ein Angriff auf die Juden ist ein Angriff auf mich und auf uns."

Die Angriffe auf Juden seien nur ein Ausschnitt, sagt der Pressesprecher der Stadt, Bartho Boer. "Wir wollen versuchen, mit innovativen Methoden die Situation zu verbessern." Amsterdam gelte trotz allem immer noch als offene und liberale Stadt. "Diesen Ruf wollen wir schützen." Boer dementiert auf Anfrage von sueddeutsche.de Agenturmeldungen, wonach die Zahl der Angriffe zugenommen haben soll. "Bei uns gibt es nicht mehr oder weniger Zwischenfälle als in anderen Großstädten." Es passiere aber leider immer wieder, dass Juden, Muslime oder Schwule beleidigt oder angegriffen werden.

Bevor sich das allerdings in Amsterdam ändern kann, sollen in einer Studie die Zahlen der ausländerfeindlichen Angriffe gesammelt und mit denen anderer Städte verglichen werden. Die Lockvogel-Aktion soll dann gegebenenfalls im Herbst starten. Mit Lockvögeln hat man in den Niederlanden bereits gute Erfahrungen gemacht: Polizisten, die sich als alte Frauen verkleidet hatten, konnten in Rotterdam einige Taschenräuber fassen.