Süddeutsche Zeitung

Auschwitz-Überlebender Yehuda Bacon:"Wir wussten, dass niemand herauskommt"

Yehuda Bacon kam 1929 in der damaligen Tschechoslowakei zur Welt. 1942 deportierten die Nazis ihn und seine Familie zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz. Yehuda Bacon überlebte inmitten der Todesfabrik - in einer speziellen Kinderbaracke, die dazu diente, gegebenenfalls das Rote Kreuz zu täuschen. Heute lebt Bacon in Israel. Er ist ein gefeierter Maler und Kunstprofessor. Seine Bilder sind oft sehr bunt.

Von Ronen Steinke

"Mit 14 Jahren, als ich in Auschwitz war, hatte ich ein sehr kindisches Ansinnen. So eine Art Gelübde. Ich bat verschiedene Leute, mir ihre Geschichten zu erzählen, für die Nachwelt. Ganz schön pathetisch, so als ob später viele Leute danach fragen würden. Ich hatte damals schon bemerkt, dass es einen Unterschied gab zwischen jüdischen und nichtjüdischen Häftlingen.

Die Juden wussten: Wenn sie sterben, wird niemand zurückbleiben. Die Nazis löschten alle aus. Ihre Freunde, ihre Familien. Das war anders als bei den nichtjüdischen Opfern, etwa bei dem christlichen Theologen Dietrich Bonhoeffer oder bei den Polen, die Juden gerettet hatten - sie starben zumindest in dem Bewusstsein, dass später einmal ihre Nachkommen über sie sprechen würden, mit Trauer oder Stolz.

Bei den Juden war das anders, sie waren ohne Hoffnung, dass man noch irgendetwas zurücklässt auf dieser Erde. Das ist etwas noch Existenzielleres als der Tod, verstehen Sie? Es gibt Leute, die sich da in Heilige verwandeln, und andere in Tiere, ohne den Rest einer Bindung an irgendetwas, bereit, alles zu tun, um noch einen Moment zu leben.

Wir Kinder im Lager hatten einerseits eine sehr realistische Sichtweise. Wir wussten, dass niemand hier herauskommt. Andererseits haben wir Humor behalten. Wenn wir frech sein wollten zu jemandem, der älter war als 40, in unseren Augen also uralt, haben wir gesagt: ,Du Alter, was regst du dich auf, du bist doch mit einem Fuß schon im Krematorium.'

Oder: ,Wir sehen weißen Rauch vom Krematorium, das sind die Fetten.' Das war nicht boshaft. Kinder haben manchmal eine sehr direkte Sprache.

Nachdem wir 1945 befreit wurden, haben wir schon damit gerechnet, dass nun niemand uns würde zuhören können oder wollen. Wir hatten auch gar nicht die Technik oder das Wissen, wie man einem normalen Menschen das erzählen könnte. Ich kam 1946 nach Israel und wollte gleich loserzählen wie ein Kind, mir die Trauer von der Seele erzählen.

Aber wenn ich zu jemandem sagte: Wir haben das und das zu essen bekommen in Auschwitz, dann hat der Normalmensch mir geantwortet: ,Ja, wir hatten auch nur zwei Eier pro Woche während des Krieges.' Vollkommen absurd. Ich habe es dann schnell bleiben lassen und stattdessen Bilder gemalt, um das loszuwerden.

In Israel war ein Schimpfwort für die Überlebenden "Sabonim", Seifenstücke

In Israel redete man anfangs besser überhaupt nicht vom Holocaust. Es gab ja den Irrglauben, dass die Nazis ihre KZ-Opfer zu Seife verarbeiteten, deswegen war ein Schimpfwort für die Überlebenden "Sabonim", Seifenstücke. Sie galten als Schwächlinge, die sich nicht zu verteidigen wussten.

Einmal im Jahr beging Israel allerdings den Holocaust-Gedenktag Jom Haschoa. Da wurden wir herausgeholt wie Mottenkugeln aus einem alten Lederkoffer, aber das war's.

Erst 1961 änderte sich etwas, als wir gleich für ein paar Monate aus dem Koffer geholt wurden: Der Premierminister David Ben-Gurion hatte entschieden, einen großen Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem abzuhalten, um die Gesellschaft zum Reden zu bringen und die Welt an den Holocaust zu erinnern. Ich war damals einer der jüngsten Zeugen, es war wie eine Tür, die sich plötzlich öffnete. Die Leute begannen, denen zuzuhören, die in den Lagern gewesen waren.

Meine Aussage dauerte zwei Tage, aber danach wurde es auch schnell wieder ruhig. In Israel ist das Leben immer sehr angespannt, man muss nach vorne schauen. Die Leute, die vorher meine Freunde waren, blieben auch nachher meine Freunde und umgekehrt.

Viel schwieriger war es, in Deutschland von Auschwitz zu erzählen: 1964 bin ich als 35-Jähriger nach Frankfurt gekommen, um im dortigen Großprozess gegen 20 KZ-Täter auszusagen. Als ich fertig war mit meiner Aussage, musste man mich unter den Armen stützen, ich war vollkommen erschöpft.

In Jerusalem, beim Eichmann-Prozess, war ich zwischen Freunden gewesen, da hatte es nur einen Angeklagten in einem lächerlichen Glaskasten gegeben und drumherum Juden. Eine viel leichtere Situation.

Ob das Erzählen am Ende etwas bringt? Ich bin überzeugt, dass viele Deutsche von unseren Zeugenaussagen in Frankfurt nur in der Zeitung lasen und fertig. Wie so oft im Leben ist es sehr die Frage, womit man einen Menschen wirklich berührt. Wenn es gelingt, dann jedenfalls nie durch abgedroschene Formeln und Floskeln, das ist nicht anders als in der Kunst oder der Musik.

Wenn es gelingt, dann bewirkt es schon etwas. Ich sage mir manchmal: Es kann die Menschen zum Guten erschüttern."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2319370
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23./24. Februar 2015/odg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.