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Auschwitz-Überlebender Yehuda Bacon:In Israel war ein Schimpfwort für die Überlebenden "Sabonim", Seifenstücke

In Israel redete man anfangs besser überhaupt nicht vom Holocaust. Es gab ja den Irrglauben, dass die Nazis ihre KZ-Opfer zu Seife verarbeiteten, deswegen war ein Schimpfwort für die Überlebenden "Sabonim", Seifenstücke. Sie galten als Schwächlinge, die sich nicht zu verteidigen wussten.

Einmal im Jahr beging Israel allerdings den Holocaust-Gedenktag Jom Haschoa. Da wurden wir herausgeholt wie Mottenkugeln aus einem alten Lederkoffer, aber das war's.

Erst 1961 änderte sich etwas, als wir gleich für ein paar Monate aus dem Koffer geholt wurden: Der Premierminister David Ben-Gurion hatte entschieden, einen großen Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem abzuhalten, um die Gesellschaft zum Reden zu bringen und die Welt an den Holocaust zu erinnern. Ich war damals einer der jüngsten Zeugen, es war wie eine Tür, die sich plötzlich öffnete. Die Leute begannen, denen zuzuhören, die in den Lagern gewesen waren.

Meine Aussage dauerte zwei Tage, aber danach wurde es auch schnell wieder ruhig. In Israel ist das Leben immer sehr angespannt, man muss nach vorne schauen. Die Leute, die vorher meine Freunde waren, blieben auch nachher meine Freunde und umgekehrt.

Viel schwieriger war es, in Deutschland von Auschwitz zu erzählen: 1964 bin ich als 35-Jähriger nach Frankfurt gekommen, um im dortigen Großprozess gegen 20 KZ-Täter auszusagen. Als ich fertig war mit meiner Aussage, musste man mich unter den Armen stützen, ich war vollkommen erschöpft.

In Jerusalem, beim Eichmann-Prozess, war ich zwischen Freunden gewesen, da hatte es nur einen Angeklagten in einem lächerlichen Glaskasten gegeben und drumherum Juden. Eine viel leichtere Situation.

Ob das Erzählen am Ende etwas bringt? Ich bin überzeugt, dass viele Deutsche von unseren Zeugenaussagen in Frankfurt nur in der Zeitung lasen und fertig. Wie so oft im Leben ist es sehr die Frage, womit man einen Menschen wirklich berührt. Wenn es gelingt, dann jedenfalls nie durch abgedroschene Formeln und Floskeln, das ist nicht anders als in der Kunst oder der Musik.

Wenn es gelingt, dann bewirkt es schon etwas. Ich sage mir manchmal: Es kann die Menschen zum Guten erschüttern."

© SZ vom 23./24. Februar 2015/odg
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