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Auschwitz-Überlebende Hollander-Lafon:"Ich sah Leichen, die angezündet wurden"

Magda Lafon-Hollander; we

Magda Hollander-Lafon.

(Foto: Richard Dumas)

Magda Hollander-Lafon wurde 1927 als Kind einer säkularen jüdischen Familie in Ungarn geboren. Magdas Vater Adolf wurde von ungarischen Faschisten misshandelt und starb in einem Ghetto. Ende Mai 1944 wurde Magda nach Auschwitz deportiert, wo ihre jüngere Schwester Irene und ihre Mutter Esther sofort vergast wurden. Später kam sie als Arbeitssklavin in andere Lager und überlebte einen Todesmarsch. Nach dem Krieg wurde sie Kinderpsychologin. Magda Hollander-Lafon lebt in Frankreich.

Magda Hollander-Lafon hat über ihre Leidenszeit ein Buch geschrieben, das in Deutschland unter dem Titel "Vier Stückchen Brot. Eine Hymne an das Leben" erschienen ist (adeo, ISBN 978-3-942208-08-6).

"Ich träume nicht mehr von Auschwitz. Das habe ich lange getan, doch die Zeiten sind vorbei. Ich sehe mich nicht als Opfer, sondern als Zeugin des Holocaust, die dafür kämpft, dass so etwas späteren Generationen nicht mehr passiert. Darum erzähle ich von meinen Erinnerungen, die ich viele Jahre verdrängt hatte.

Drei Tage dauerte die Fahrt im Viehwaggon von Ungarn nach Auschwitz. Als wir ankamen, an einem kalten und nebligen Morgen, wurden wir getrennt. Wie ich später erfuhr, war es der berüchtigte Doktor Josef Mengele, der uns selektierte. Er hielt mich für 18 und arbeitsfähig. Ich sollte nach rechts gehen. Mutter und Schwester mussten nach links gehen. Sie wurden sofort ermordet.

Ich habe schon vom ersten Tag an gewusst, was in Auschwitz passiert. Nach einer entwürdigenden Prozedur der Desinfektion kam ich ins Quarantänelager. Doch wo waren Mutter und Schwester? Die Lagerälteste zeigte auf die rauchenden Kamine des Krematoriums und sagte: ,Da sind sie schon drin.'"

Magda und die anderen weiblichen Häftlinge sind roher Gewalt ausgesetzt. Die Blockälteste Edwige malträtiert besonders gerne ältere Frauen mit ihrer Peitsche und schreit: "Krepiert endlich... ihr unnützen Esser... Mitleid ist ein Verbrechen." Magda Hollander wird viele Jahre brauchen, um ihren Hass auf Edwige zu überwinden.

"Ich musste in Auschwitz-Birkenau bleiben und arbeiten. Manchmal befahlen die Nazis, dass wir Steine von einer Seite auf die andere räumen sollten - total sinnlos. Leichen mussten wir einsammeln und deren Asche umherkarren und in einem Teich versenken. Ich sah Leichen, die angezündet wurden.

Der Gestank von verbranntem Fleisch war unerträglich. Wir wurden gedemütigt und mit Peitschen geschlagen. Die Nazis haben mit uns gemacht, was ihnen in den Sinn kam. Ziel war, dass wir schnellstmöglich draufgingen. Das übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Wir waren bereit zu sterben. Ich hatte akzeptiert, dass es so sein sollte. Der Tod war Realität, genau wie der Hass und die Angst.

Wir waren hungrig, und man gab uns nichts zu essen, einmal wäre ich fast verdurstet. Wenn man Hunger oder Durst hat, ist man zu Dingen fähig, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Man muss sich die Frage heute einmal stellen: Wie hätte ich mich unter solchen Bedingungen verhalten? Was hätte ich wohl gemacht?

Auschwitz und andere KZ

Menschenversuche und organisierter Massenmord

Im Lager gab es aber wichtige Momente, wie beispielsweise Sonntagnachmittage, die einzigen Stunden, in denen wir nicht arbeiten mussten. Wir haben unseren Geist fit gehalten, haben uns Gedichte vorgetragen, bis wir vergessen haben, wo wir waren. Wir fühlten uns in einem anderen Universum. Durch die Poesie und die Musik trugen wir die Hoffnung immer weiter in unseren Herzen. Wir gaben unser Brot für ein Stück Papier, einen Bleistift, um Spuren zu hinterlassen, und um andere vor diesem Horror zu bewahren."

An einem sonnigen Sommertag erlaubt die SS Hochkultur, eine Holzbühne wird an der Hauptlagerstraße errichtet. Kahlgeschorene Häftlinge spielen Johannes Brahms, sein Violinkonzert in D-Dur op. 77. Magda ist hin- und hergerissen, in den Häftlingen lacht und weint es. Doch die Sonne brennt herab auf die erschöpften Gefangenen. Wer nach dem Konzert noch die Kraft hat, rettet sich in die Baracken. Um die Zurückgebliebenen "kümmern" sich die SS-Schergen und ihre Hunde.

"Während die Nazis uns wie den letzten Dreck behandelten, gab es unter uns Gefangenen eine gewisse Solidarität. Das hilft mir heute, an den Funken Menschlichkeit zu appellieren, der jedem von uns innewohnt.

"Einige meiner Enkel lernen die deutsche Sprache - ich finde das wunderbar"

Auschwitz

Undatiertes Bild von weiblichen Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz, die zum Arbeitseinsatz ins Reichsgebiet abtransportiert werden.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Mir ist bewusst, dass man sich das Geschehen in Auschwitz heute nur noch schwer vorstellen kann. Doch es ist wirklich passiert, und jetzt kommt das Wichtige: Wenn wir diese Realität leugnen, kann so etwas wieder passieren. Wir müssen wachsam bleiben. Auch heute wütet Fanatismus in der ganzen Welt. Was all diese Konflikte gemeinsam haben, ist das unverhältnismäßige Vertrauen der Fanatiker in die Macht ihrer Überlegenheit.

In Deutschland befasst man sich mehr mit der Aufarbeitung des Holocaust als in anderen Ländern, auch mehr als in Frankreich. Wenn mich junge Leute fragen, ob ich die Deutschen hasse, lautet meine Antwort: Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Deutschen und den Nazis. Nicht alle Deutschen waren Nazis, genauso wenig wie alle Franzosen kollaboriert haben."

Im August 1944 machen unter den Häftlingen Gerüchte die Runde, dass die SS sie demnächst ermorden will. Bei einem Appell wechselt sie umbemerkt die Reihe und gerät so in eine Gruppe von Frauen, die in die Nähe von Frankfurt am Main geschafft werden. In den nächsten Monaten wird Magda in verschiedenen KZ-Arbeitskommandos unterschiedliche Schwerarbeit leisten müssen, unter anderem fertigt sie Teile für den Düsenjäger Me 262 an. Im April 1945 wird sie mit Leidensgenossinnen auf einen der berüchtigten "Todesmärsche" geschickt. Magda flüchtet mit einigen anderen Frauen in den Wald und versteckt sich. Einige Tage später sehen sie einen amerikanischen Panzer - der Krieg ist für sie zu Ende.

"Manchmal fragt man mich auch: "Magda, was würdest du tun, wenn du heute einem Alt-Nazi begegnen würdest?" Und ich muss ihnen sagen: Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, weil ich noch keinem begegnet bin. Doch ich würde mir wünschen, mich respektvoll verhalten zu können.

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Einige meiner Enkelkinder lernen die deutsche Sprache in der Schule. Ich finde das wunderbar. Ich habe mich mit Deutschland versöhnt.

Es ist wichtig, dass Deutschland und Europa Ausländer aufnehmen und willkommen heißen. Deutschland - und Europa - wird an seiner Einstellung Fremden gegenüber gemessen."

Nach dem Krieg lebt Magda zunächst in Belgien, lernt dort Französisch und lässt sich zur Kindererzieherin ausbilden. Sie lässt sich christlich taufen, aber fühlt sich nach wie vor als Jüdin. Wenige Jahre später zieht sie um nach Frankreich. Heute lebt sie in der Bretagne.

"Ich fühle mich in Frankreich sehr sicher. Aber ich gebe zu, dass mir manches irgendwie bekannt vorkommt... wenn Menschen in einem Geschäft getötet werden, nur weil sie Juden sind. Oder Muslime.

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Das Gedenken und die Solidarität können die Menschheit retten. In jedem von uns wohnt das Gute und das Böse. Es ist an uns, Tag für Tag zu entscheiden: Will ich gut sein oder böse? Zu vergeben bedeutet für mich, die eigene Einstellung sich und anderen gegenüber zu überdenken.

Es bleibt nun Ihnen überlassen, gemeinsam echte und ehrliche Verbindungen - frei von Angst - zu knüpfen, die Hoffnung auf Menschlichkeit in unserer heutigen Welt versprechen. Sie selbst sind Wegbereiter ihrer Zukunft - es liegt in Ihrer Verantwortung."

Magda Hollander Lafon ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Die Deutschen und ihre ungarischen Helfer deportierten 437.402 jüdische Ungarn in die Konzentrationslager, wie ein SS-Offizier vermerkte. Ein Großteil von ihnen wurden sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz vergast.

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