Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 Als die Welt brannte

Franz Ferdinand in Sarajevo Attentat auf Franz Ferdinand. Frei zur Verwendung bei Nennung: Bitte unbedingt: © Heeresgeschichtliches Museum zugeschickt von;: OR Mag. Peter ENNE Abteilung Sammlung & Ausstellung Leiter des Referats Foto und Film Heeresgeschichtliches Museum/Militärhistorisches Institut Arsenal, Obj. 1, 1032 Wien Tel: +43 1 79561 10 60330 Mobil: + 43 664 8876 3855 Fax: +43 1 79561 10 17707 Email: p.enne@hgm.or.at

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der das alte Europa einstürzen ließ. Dem Gemetzel ging das Machtgerangel auf dem Balkan voraus. Jenseits der Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten dort junge Nationalstaaten. Kein Wunder, dass sich ein Krieg entzündete - ausgelöst durch die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger.

Von Kurt Kister, Wien

Wo, wenn nicht in Wien, gleitet die offizielle Höflichkeit gern ins Halbabsurde? "Werte Besucherinnen und Besucher!", heißt es auf dem blauen Schild im Feldherrensaal des Heeresgeschichtlichen Museums: "Aufgrund von Umbauarbeiten im Bereich des 1. Weltkriegs kann es im ganzen Museum zu Lärmbelästigung kommen."

Tatsächlich, denkt man als werter Besucher, die Umbauarbeiten im Bereich des 1. Weltkriegs waren schon zwischen 1914 und 1918 so beträchtlich - und mit viel Lärmbelästigung verbunden -, dass unter anderem so gut wie alles, was damals Österreich war, versunken ist. Wien, einstmals die Hauptstadt der ihrer Auflösung entgegenrutschenden Donaumonarchie, ist in seiner eingefrorenen Pracht noch heute an vielen Stellen ein stadtgewordenes Denkmal für das, was war und niemals wieder sein wird.

Besonders deutlich wird das an jenen Orten in Wien, an denen die Toten mit Dingen, die mit ihrem Tod zu tun haben, in das Leben derer reichen, die sich noch für sie interessieren. Das Heeresgeschichtliche Museum, gelegen auf dem alten Arsenalgelände im 3. Wiener Bezirk, ist so ein Ort.

Der Anlass des Krieges liegt im Museum

Es entstand 1849; so richtig fertig war das damalige Hof-Waffenmuseum aber erst 1891, als es Kaiser Franz Joseph zum ersten Mal besuchte. Im Laufe der Zeit wurde es umgestaltet, geschlossen, im Bombenkrieg schwer beschädigt, in den letzten Kämpfen 1945 nahezu zerstört, geplündert, wieder aufgebaut, wieder umgestaltet.

Was geschehen ist, verändert sich nicht. Was aber später als "Geschichte" wahrgenommen wird, was über das Geschehene gesagt, geschrieben und gezeigt wird, verändert sich sehr wohl. Geschichte wird immer wieder umgestaltet, und die am wenigsten beweglichen, in gewisser Weise widerständigsten Zeugen der sich ändernden Interpretationen von Geschichte sind die Museen, zumal die Militärmuseen. Es nimmt nicht wunder, dass ausgerechnet um die Jahreswende 2014 im Heeresgeschichtlichen Museum der 1. Weltkrieg umgebaut wird.

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In diesem Museum nämlich lag jahrzehntelang der Anlass des Weltkriegs aufgebahrt. Gewiss, das ist eine nicht ganz korrekte Formulierung, denn was man im Sarajewo-Raum des Museums sah (und wieder sehen wird vom Sommer 2014 an), war der blutbefleckte, von Ersthelfern am 28. Juni 1914 über der Brust und am Rücken aufgeschnittene Waffenrock des Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este.

Wie zum Hohn der großen Rettungsschnitte in dem blauen Generalsrock ist unterhalb des rechten Teils des goldbeborteten Kragens ein kleines, fast winziges Loch zu sehen. Es wurde verursacht von der Kugel aus dem Revolver des Attentäters Gavrilo Princip.

Die Kugel zerriss Halsvene und Kehlkopf; Franz Ferdinand, der zunächst noch gesagt hatte: "Es ist nichts", erstickte an seinem eigenen Blut. Mit ihm im offenen Wagen starb an jenem Nachmittag in Sarajewo seine Gattin Sophie. Auch für sie war eine einzige Kugel Princips tödlich; noch schneller als ihr Mann verblutete sie nach einem Bauchschuss.

Beinahe-Weltmacht Habsburg-Österreich

Niemand kann den Tod so gut am Leben erhalten wie die Wiener. Auch das Heeresgeschichtliche Museum ist voller Tod. In einem Militärmuseum mag das nicht verwunderlich sein, aber die Reliquiarisierung des Ablebens berühmter Persönlichkeiten ist bemerkenswert: die Couch, auf der 1934 der von den Austro-Nazis angeschossene Bundeskanzler Dollfuß starb; die Totenmaske des unglücklichen Maximilian, füsilierter Kaiser von Mexiko und Bruder Franz Josephs; ein Revolver von Kronprinz Rudolf, der sich 1889 auf Schloss Mayerling erschoss.

Von Franz Ferdinand, der Thronfolger auch deshalb wurde, weil sich Rudolf umgebracht hatte, haben sie nicht nur die Generalsuniform, sondern selbstverständlich auch die Chaiselongue, auf der er starb. Das Auto, in dem Thronfolger und Gattin fuhren, als der bosnische Serbe Princip auf sie feuerte, steht ebenfalls im Heeresgeschichtlichen Museum.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Diese Funerabilia sind Teil der verwehten Größe der Beinahe-Weltmacht Habsburg-Österreich. Die Kaiserjäger und Honved-Husaren, die Adligen mit ellenlangen ungarisch-deutschen Namen, der Schlachtenlorbeer und die verklärten Niederlagen sind im Museum konserviert. Es ist Stefan Zweigs "Welt von gestern", die völlig vergangen ist - zumal wenn man daran denkt, was Österreich, der großkoalitionäre Kleinstaat mit Burenwurst, Stronach und Red Bull heute ist.

Franz Ferdinand hat es damals getroffen, weil er ein Symbol war - das Symbol der Fremdherrschaft jener Kaiser-und-Königs-Monarchie, die sich längst überlebt hatte, so wie ihr alter Herrscher Franz Joseph. Der Greis in der Hofburg schien 1914 aus der Zeit gefallen zu sein; er hatte 1859 bei Solferino oder 1866 bei Königgrätz Niederlagen erlebt, die im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bereits Geschichte zu sein schienen.

"Wir sind in gewissem Sinne ein europäisches Kolonialreich", sagt der k.u.k.-Dragoner-Oberleutnant Anschütz in dem Roman "Die Standarte" von Alexander Lernet-Holenia. Und als der Oberleutnant 1918 in der Offiziersmesse über seine Dragoner aus Polen und Ruthenien philosophiert, kommt er zu dem Schluss: "Das Reich bedeutet ihnen nichts mehr."