bedeckt München 15°
vgwortpixel

Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914:Die Mörder wollten Erzherzog nicht als Person, sondern als politischen Körper töten

Gavrilo Princip Erster Weltkrieg Sarajewo Erzherzog Franz Ferdinand

Uniformierte führen den Attentäter ab: der serbische Nationalist Gavrilo Princip nach den Schüssen von Sarajewo am 28. Juni 1914.

(Foto: AFP)

Dem Mordschützen Gavrilo Princip und seinen irredentistischen Freunden bedeutete das Reich nie etwas anderes als die Unterdrückung der serbischen Nation. Sie wollten den Erzherzog nicht als Person, sondern als politischen Körper an jenem Junitag in Sarajewo töten. Sie zielten tatsächlich auf die Uniform - auf die versinnbildlichte Militärmacht Österreichs, die längst ein Koloss auf tönernen Füssen geworden war.

Mit den Ungarn hatte Wien durch die Konstituierung der Doppelmonarchie ein prekäres Auskommen gefunden; mit Tschechen, Galiziern und den diversen Volksgruppen im südöstlichen Teil des Reiches war das nicht der Fall. Ausgerechnet Franz Ferdinand hatte sich trotz seiner reaktionären Prägung Gedanken gemacht über eine irgendwie föderalistische Dreifachmonarchie von Österreichern, Ungarn und Slawen.

Kein Wunder, dass sich wegen des Balkans der große Krieg entzündete

Ob er im Gegensatz zu seinem im 19. Jahrhundert erstarrten Onkel Franz Joseph ein Reformkaiser geworden wäre, gar ein Monarch, der sich auch wegen seiner Abneigung gegenüber Budapest mehr den Slawen zugewandt hätte, weiß niemand. Der Reiz von Was-wäre-wenn-Geschichtsschreibung liegt darin, dass sich mit ihrer Hilfe wenn nicht bessere, so doch andere Welten erschaffen lassen.

Die osmanische Konkursmasse des europäischen Teils der Türkei jedenfalls war in zwei Balkankriegen ausgekämpft worden; im Hintergrund standen das zaristische Russland, das sich aus eigennützigen Motiven als Protektor aller Slawen gerierte, und eben Österreich-Ungarn, das den halben Balkan "besaß", aber eigentlich nicht beherrschte. 1878 hatten die Österreicher die bis dahin osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina militärisch besetzt, 1908 gliederte Wien die Gebiete völkerrechtswidrig ins Reich ein.

Jenseits der unterschiedlich stark wankenden Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten auf dem Balkan junge Nationalstaaten mit alter, je unterschiedlich interpretierter Geschichte. Griechenland, noch bis vor relativ kurzer Zeit zum Osmanischen Reich gehörig, wollte in den Norden ausgreifen, Serbien strebte nach Größe, Rumänien und Bulgarien wollten sich konsolidieren. Der Balkan war die instabilste Region Europas, und es nimmt wenig Wunder, dass sich an seinen Instabilitäten der große Krieg entzündete.

Franz Ferdinand kostete dies das Leben. Ausgerechnet er, der auch wegen seiner im Sinne des Hofzeremoniells standesmäßig nicht "ebenbürtigen" Gattin - nur eine böhmische Gräfin - beim Kaiser und dessen Schranzen auf Ablehnung stieß, wurde zum Groß-Märtyrer der moribunden Donaumonarchie. Und mit ihm starb eben jene Gattin, die der Wiener Hof als etwas betrachtete, das des Kaisers unbotmäßiger Neffe von irgendwo draußen hereingebracht hatte.

Kein anderer Autor übrigens hat die Ausgangslage 1914 - Terrorismus und Irredentismus, Großserbentum und Geheimbündelei, habsburgische Hoffnungen und russische Machenschaften, deutsches Bündniskalkül und französische Pläne - in jüngerer Zeit trefflicher geschildert als Christopher Clark in seinem Buch "Die Schlafwandler". Gerade die Bündnisverstrickungen vom österreichischen Ultimatum an Serbien über die bedingungslose Beistandszusage Berlins an Wien bis hin zu dem vom deutschen Generalstab geplanten Zweifrontenkrieg gegen Russland und Frankreich arbeitet Clark detailreich heraus. Clark hat, wie manche behaupten, keine Exkulpation der wilhelminischen Kriegspolitik geliefert, auch wenn er die Vorgänge unter einem deutlich anderen Blickwinkel betrachtet, als dies vor 50 Jahren der deutsche Historiker Fritz Fischer getan hat.

Der Streit um Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht", das 1961 erschien und den Kriegswillen der wilhelminischen Elite zum Gegenstand hatte, wirkt heute selbst schon wieder als Teil der Geschichte - wenn auch der Geschichte der Geschichtsschreibung. Das Buch stieß auf wütende Reaktionen in konservativeren Kreisen, in denen immer noch die im Versailler Vertrag zu Ungunsten Deutschlands beantwortete "Schuldfrage" eine Rolle spielte.

Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Ersten gar nicht zu denken

Bis heute können sich verbliebene Fischer-Schüler und Fischer-Skeptiker darüber streiten, ob das Attentat von Sarajewo für Berlin und Wien tatsächlich der Anlass für einen durch Bündniskonstellationen und die militärischen Mobilisierungsprozeduren bestimmten Kriegsbeginn war - oder eben nur ein Vorwand dafür, endlich den Krieg vom Zaun zu brechen, den Alldeutsche, Sozialdarwinisten und Präventivkriegsanhänger ohnehin haben wollten.

Dem Centenar-Jubiläum 2014 verdankt man einige neue Bücher, die den großen Krieg herauslösen aus der in Deutschland lange (und durchaus zu Recht) geführten Kontroverse, ob denn nun Berlin den Krieg wollte oder nur aus wilhelminischem Dummstolz, Untätigkeit und militaristischem Scheuklappendenken "hineingeschlittert" ist. Christopher Clark, aber auch Herfried Münkler ("Der Große Krieg") oder Ernst Piper ("Nacht über Europa") haben zum Gedenkjahr große Erzählungen geschrieben, über einen Krieg, der eigentlich auserzählt zu sein schien. Es lohnt sich Clark, Münkler und Piper zu lesen - und durchaus auch noch Fritz Fischer.

Vor fünfzig Jahren wurde in der Bundesrepublik der Krieg von 1914/18 in erster Linie als der Vorläufer des Krieges von 1939/45 gesehen. Gewiss, den einen hätte es ohne den anderen so nicht gegeben. Weil der Zweite Weltkrieg das Wesen und Denken der Deutschen in Ost und West allemal bis zum Ende des Kalten Krieges in vielerlei Hinsicht mitbestimmte, wurde der Erste Weltkrieg als "Vorgeschichte" des nächsten Krieges verstanden, erforscht und interpretiert. Die Fischer-Kontroverse geht nicht allein darauf, aber auch darauf zurück. Sie war nicht zuletzt ein Streit um die Interpretation der Gegenwart in der Nachkriegsbundesrepublik.

Es stimmt ja schon: Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Ersten gar nicht zu denken. Vielleicht ist jetzt aber genug Zeit seit 1918, aber auch seit 1945 vergangen, um den Ersten Weltkrieg einmal "für sich" zu betrachten.

Kurt Kisters Stück ist Teil eines zehnseitigen Schwerpunkts in der Beilage SZ Wochenende zu 1914, dem Jahr, als das alte Europa zerbrach und die Welt brannte.

Den vollständigen Schwerpunkt zu 1914 lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der SZ-Digital-App auf iPhone, iPad, Android und Windows 8.

Weitere Links zum Thema Erster Weltkrieg bei SZ.de

© SZ vom 04.01.2014/odg
Zur SZ-Startseite