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Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914:Als die Welt brannte

Franz Ferdinand in Sarajevo

Die blutbefleckte Uniform des Erzherzogs Franz Ferdinand im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien.

(Foto: Heeresgeschichtliches Museum)

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der das alte Europa einstürzen ließ. Dem Gemetzel ging das Machtgerangel auf dem Balkan voraus. Jenseits der Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten dort junge Nationalstaaten. Kein Wunder, dass sich ein Krieg entzündete - ausgelöst durch die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger.

Wo, wenn nicht in Wien, gleitet die offizielle Höflichkeit gern ins Halbabsurde? "Werte Besucherinnen und Besucher!", heißt es auf dem blauen Schild im Feldherrensaal des Heeresgeschichtlichen Museums: "Aufgrund von Umbauarbeiten im Bereich des 1. Weltkriegs kann es im ganzen Museum zu Lärmbelästigung kommen."

Tatsächlich, denkt man als werter Besucher, die Umbauarbeiten im Bereich des 1. Weltkriegs waren schon zwischen 1914 und 1918 so beträchtlich - und mit viel Lärmbelästigung verbunden -, dass unter anderem so gut wie alles, was damals Österreich war, versunken ist. Wien, einstmals die Hauptstadt der ihrer Auflösung entgegenrutschenden Donaumonarchie, ist in seiner eingefrorenen Pracht noch heute an vielen Stellen ein stadtgewordenes Denkmal für das, was war und niemals wieder sein wird.

Besonders deutlich wird das an jenen Orten in Wien, an denen die Toten mit Dingen, die mit ihrem Tod zu tun haben, in das Leben derer reichen, die sich noch für sie interessieren. Das Heeresgeschichtliche Museum, gelegen auf dem alten Arsenalgelände im 3. Wiener Bezirk, ist so ein Ort.

Der Anlass des Krieges liegt im Museum

Es entstand 1849; so richtig fertig war das damalige Hof-Waffenmuseum aber erst 1891, als es Kaiser Franz Joseph zum ersten Mal besuchte. Im Laufe der Zeit wurde es umgestaltet, geschlossen, im Bombenkrieg schwer beschädigt, in den letzten Kämpfen 1945 nahezu zerstört, geplündert, wieder aufgebaut, wieder umgestaltet.

Was geschehen ist, verändert sich nicht. Was aber später als "Geschichte" wahrgenommen wird, was über das Geschehene gesagt, geschrieben und gezeigt wird, verändert sich sehr wohl. Geschichte wird immer wieder umgestaltet, und die am wenigsten beweglichen, in gewisser Weise widerständigsten Zeugen der sich ändernden Interpretationen von Geschichte sind die Museen, zumal die Militärmuseen. Es nimmt nicht wunder, dass ausgerechnet um die Jahreswende 2014 im Heeresgeschichtlichen Museum der 1. Weltkrieg umgebaut wird.

In diesem Museum nämlich lag jahrzehntelang der Anlass des Weltkriegs aufgebahrt. Gewiss, das ist eine nicht ganz korrekte Formulierung, denn was man im Sarajewo-Raum des Museums sah (und wieder sehen wird vom Sommer 2014 an), war der blutbefleckte, von Ersthelfern am 28. Juni 1914 über der Brust und am Rücken aufgeschnittene Waffenrock des Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este.

Wie zum Hohn der großen Rettungsschnitte in dem blauen Generalsrock ist unterhalb des rechten Teils des goldbeborteten Kragens ein kleines, fast winziges Loch zu sehen. Es wurde verursacht von der Kugel aus dem Revolver des Attentäters Gavrilo Princip.

Die Kugel zerriss Halsvene und Kehlkopf; Franz Ferdinand, der zunächst noch gesagt hatte: "Es ist nichts", erstickte an seinem eigenen Blut. Mit ihm im offenen Wagen starb an jenem Nachmittag in Sarajewo seine Gattin Sophie. Auch für sie war eine einzige Kugel Princips tödlich; noch schneller als ihr Mann verblutete sie nach einem Bauchschuss.

Beinahe-Weltmacht Habsburg-Österreich

Niemand kann den Tod so gut am Leben erhalten wie die Wiener. Auch das Heeresgeschichtliche Museum ist voller Tod. In einem Militärmuseum mag das nicht verwunderlich sein, aber die Reliquiarisierung des Ablebens berühmter Persönlichkeiten ist bemerkenswert: die Couch, auf der 1934 der von den Austro-Nazis angeschossene Bundeskanzler Dollfuß starb; die Totenmaske des unglücklichen Maximilian, füsilierter Kaiser von Mexiko und Bruder Franz Josephs; ein Revolver von Kronprinz Rudolf, der sich 1889 auf Schloss Mayerling erschoss.

Von Franz Ferdinand, der Thronfolger auch deshalb wurde, weil sich Rudolf umgebracht hatte, haben sie nicht nur die Generalsuniform, sondern selbstverständlich auch die Chaiselongue, auf der er starb. Das Auto, in dem Thronfolger und Gattin fuhren, als der bosnische Serbe Princip auf sie feuerte, steht ebenfalls im Heeresgeschichtlichen Museum.

Diese Funerabilia sind Teil der verwehten Größe der Beinahe-Weltmacht Habsburg-Österreich. Die Kaiserjäger und Honved-Husaren, die Adligen mit ellenlangen ungarisch-deutschen Namen, der Schlachtenlorbeer und die verklärten Niederlagen sind im Museum konserviert. Es ist Stefan Zweigs "Welt von gestern", die völlig vergangen ist - zumal wenn man daran denkt, was Österreich, der großkoalitionäre Kleinstaat mit Burenwurst, Stronach und Red Bull heute ist.

Franz Ferdinand hat es damals getroffen, weil er ein Symbol war - das Symbol der Fremdherrschaft jener Kaiser-und-Königs-Monarchie, die sich längst überlebt hatte, so wie ihr alter Herrscher Franz Joseph. Der Greis in der Hofburg schien 1914 aus der Zeit gefallen zu sein; er hatte 1859 bei Solferino oder 1866 bei Königgrätz Niederlagen erlebt, die im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bereits Geschichte zu sein schienen.

"Wir sind in gewissem Sinne ein europäisches Kolonialreich", sagt der k.u.k.-Dragoner-Oberleutnant Anschütz in dem Roman "Die Standarte" von Alexander Lernet-Holenia. Und als der Oberleutnant 1918 in der Offiziersmesse über seine Dragoner aus Polen und Ruthenien philosophiert, kommt er zu dem Schluss: "Das Reich bedeutet ihnen nichts mehr."

Die Mörder wollten Erzherzog nicht als Person, sondern als politischen Körper töten

Gavrilo Princip Erster Weltkrieg Sarajewo Erzherzog Franz Ferdinand

Uniformierte führen den Attentäter ab: der serbische Nationalist Gavrilo Princip nach den Schüssen von Sarajewo am 28. Juni 1914.

(Foto: AFP)

Dem Mordschützen Gavrilo Princip und seinen irredentistischen Freunden bedeutete das Reich nie etwas anderes als die Unterdrückung der serbischen Nation. Sie wollten den Erzherzog nicht als Person, sondern als politischen Körper an jenem Junitag in Sarajewo töten. Sie zielten tatsächlich auf die Uniform - auf die versinnbildlichte Militärmacht Österreichs, die längst ein Koloss auf tönernen Füssen geworden war.

Mit den Ungarn hatte Wien durch die Konstituierung der Doppelmonarchie ein prekäres Auskommen gefunden; mit Tschechen, Galiziern und den diversen Volksgruppen im südöstlichen Teil des Reiches war das nicht der Fall. Ausgerechnet Franz Ferdinand hatte sich trotz seiner reaktionären Prägung Gedanken gemacht über eine irgendwie föderalistische Dreifachmonarchie von Österreichern, Ungarn und Slawen.

Kein Wunder, dass sich wegen des Balkans der große Krieg entzündete

Ob er im Gegensatz zu seinem im 19. Jahrhundert erstarrten Onkel Franz Joseph ein Reformkaiser geworden wäre, gar ein Monarch, der sich auch wegen seiner Abneigung gegenüber Budapest mehr den Slawen zugewandt hätte, weiß niemand. Der Reiz von Was-wäre-wenn-Geschichtsschreibung liegt darin, dass sich mit ihrer Hilfe wenn nicht bessere, so doch andere Welten erschaffen lassen.

Die osmanische Konkursmasse des europäischen Teils der Türkei jedenfalls war in zwei Balkankriegen ausgekämpft worden; im Hintergrund standen das zaristische Russland, das sich aus eigennützigen Motiven als Protektor aller Slawen gerierte, und eben Österreich-Ungarn, das den halben Balkan "besaß", aber eigentlich nicht beherrschte. 1878 hatten die Österreicher die bis dahin osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina militärisch besetzt, 1908 gliederte Wien die Gebiete völkerrechtswidrig ins Reich ein.

Jenseits der unterschiedlich stark wankenden Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten auf dem Balkan junge Nationalstaaten mit alter, je unterschiedlich interpretierter Geschichte. Griechenland, noch bis vor relativ kurzer Zeit zum Osmanischen Reich gehörig, wollte in den Norden ausgreifen, Serbien strebte nach Größe, Rumänien und Bulgarien wollten sich konsolidieren. Der Balkan war die instabilste Region Europas, und es nimmt wenig Wunder, dass sich an seinen Instabilitäten der große Krieg entzündete.

Franz Ferdinand kostete dies das Leben. Ausgerechnet er, der auch wegen seiner im Sinne des Hofzeremoniells standesmäßig nicht "ebenbürtigen" Gattin - nur eine böhmische Gräfin - beim Kaiser und dessen Schranzen auf Ablehnung stieß, wurde zum Groß-Märtyrer der moribunden Donaumonarchie. Und mit ihm starb eben jene Gattin, die der Wiener Hof als etwas betrachtete, das des Kaisers unbotmäßiger Neffe von irgendwo draußen hereingebracht hatte.

Kein anderer Autor übrigens hat die Ausgangslage 1914 - Terrorismus und Irredentismus, Großserbentum und Geheimbündelei, habsburgische Hoffnungen und russische Machenschaften, deutsches Bündniskalkül und französische Pläne - in jüngerer Zeit trefflicher geschildert als Christopher Clark in seinem Buch "Die Schlafwandler". Gerade die Bündnisverstrickungen vom österreichischen Ultimatum an Serbien über die bedingungslose Beistandszusage Berlins an Wien bis hin zu dem vom deutschen Generalstab geplanten Zweifrontenkrieg gegen Russland und Frankreich arbeitet Clark detailreich heraus. Clark hat, wie manche behaupten, keine Exkulpation der wilhelminischen Kriegspolitik geliefert, auch wenn er die Vorgänge unter einem deutlich anderen Blickwinkel betrachtet, als dies vor 50 Jahren der deutsche Historiker Fritz Fischer getan hat.

Der Streit um Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht", das 1961 erschien und den Kriegswillen der wilhelminischen Elite zum Gegenstand hatte, wirkt heute selbst schon wieder als Teil der Geschichte - wenn auch der Geschichte der Geschichtsschreibung. Das Buch stieß auf wütende Reaktionen in konservativeren Kreisen, in denen immer noch die im Versailler Vertrag zu Ungunsten Deutschlands beantwortete "Schuldfrage" eine Rolle spielte.

Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Ersten gar nicht zu denken

Bis heute können sich verbliebene Fischer-Schüler und Fischer-Skeptiker darüber streiten, ob das Attentat von Sarajewo für Berlin und Wien tatsächlich der Anlass für einen durch Bündniskonstellationen und die militärischen Mobilisierungsprozeduren bestimmten Kriegsbeginn war - oder eben nur ein Vorwand dafür, endlich den Krieg vom Zaun zu brechen, den Alldeutsche, Sozialdarwinisten und Präventivkriegsanhänger ohnehin haben wollten.

Dem Centenar-Jubiläum 2014 verdankt man einige neue Bücher, die den großen Krieg herauslösen aus der in Deutschland lange (und durchaus zu Recht) geführten Kontroverse, ob denn nun Berlin den Krieg wollte oder nur aus wilhelminischem Dummstolz, Untätigkeit und militaristischem Scheuklappendenken "hineingeschlittert" ist. Christopher Clark, aber auch Herfried Münkler ("Der Große Krieg") oder Ernst Piper ("Nacht über Europa") haben zum Gedenkjahr große Erzählungen geschrieben, über einen Krieg, der eigentlich auserzählt zu sein schien. Es lohnt sich Clark, Münkler und Piper zu lesen - und durchaus auch noch Fritz Fischer.

Vor fünfzig Jahren wurde in der Bundesrepublik der Krieg von 1914/18 in erster Linie als der Vorläufer des Krieges von 1939/45 gesehen. Gewiss, den einen hätte es ohne den anderen so nicht gegeben. Weil der Zweite Weltkrieg das Wesen und Denken der Deutschen in Ost und West allemal bis zum Ende des Kalten Krieges in vielerlei Hinsicht mitbestimmte, wurde der Erste Weltkrieg als "Vorgeschichte" des nächsten Krieges verstanden, erforscht und interpretiert. Die Fischer-Kontroverse geht nicht allein darauf, aber auch darauf zurück. Sie war nicht zuletzt ein Streit um die Interpretation der Gegenwart in der Nachkriegsbundesrepublik.

Es stimmt ja schon: Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Ersten gar nicht zu denken. Vielleicht ist jetzt aber genug Zeit seit 1918, aber auch seit 1945 vergangen, um den Ersten Weltkrieg einmal "für sich" zu betrachten.

Kurt Kisters Stück ist Teil eines zehnseitigen Schwerpunkts in der Beilage SZ Wochenende zu 1914, dem Jahr, als das alte Europa zerbrach und die Welt brannte.

Den vollständigen Schwerpunkt zu 1914 lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der SZ-Digital-App auf iPhone, iPad, Android und Windows 8.

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© SZ vom 04.01.2014/odg
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