Ausbreitung:Kampf mit der Ungewissheit

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Coronavirus - Südafrika

„Es scheint so, als verbreite sich das Virus in Afrika mit einem abgeschwächten Ergebnis“: Schülerinnen in Johannesburg desinfizieren ihre Hände.

(Foto: Denis Farrell/dpa)

Viele afrikanische Länder testen nur wenig. Deshalb lässt sich kaum sagen, wie sich die Seuche verbreitet.

Von Bernd Dörries

Es war Frühjahr und alle waren sich sicher, dass Afrika nur das Schlimmste bevorstehen könnte. Der Virologe Christian Drosten prophezeite, im Sommer werde man aus Afrika Bilder sehen, die man bisher nur aus Kinofilmen kenne. "Da wird es Szenen geben, die wir uns so heute nicht vorstellen können." Bill Gates warnte vor Millionen Toten, wenn nichts gegen die Ausbreitung von Corona in Afrika unternommen werde. "Der beste Ratschlag an Afrika ist, sich auf das Schlimmste vorzubereiten, und heute damit anzufangen", warnte WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus, Und auch die SZ titelte im April: "Afrika steht allein am Abgrund".

Nun, ein halbes Jahr später, sind die düsteren Prophezeiungen nicht eingetreten, scheint Afrika noch recht weit vom Abgrund entfernt zu sein. Wohl keine andere Weltregion ist bisher so glimpflich davongekommen. Stand Donnerstag haben sich in den 55 Staaten Afrikas offiziell 1 275 815 Menschen mit Corona infiziert, 30 596 von ihnen sind gestorben. Auf einem Kontinent mit 1,2 Milliarden Menschen sind das gerade mal so viele Infektionen wie in Russland, das Verhältnis von Infektionen und Todesfällen ist sieben Mal niedriger als in Großbritannien.

Was also ist passiert?

"Ich dachte, wir steuern auf einen totalen Zusammenbruch hin", sagte der Südafrikaner Shabir Madhi der BBC. Madhi ist einer der führenden Immunologen des Kontinents und sah die Sache noch im Frühling ähnlich wie Drosten und Gates. Er ging wie viele davon aus, dass sich die Pandemie auf einem Kontinent mit schwachem Gesundheitswesen und in den Metropolen sehr dicht besiedeltem Wohnraum schnell verbreiten werde. Die WHO ging von bis zu 44 Millionen Infektionen in den ersten zwölf Monaten aus. Nach sechs Monaten sind es aber gerade etwas mehr als 1,2 Millionen.

"Die Zahlen sind unglaublich", sagt Madhi nun. Unglaublich niedrig.

Aber sind sie das wirklich? Die Zahl der täglichen Tests ist auf dem Kontinent sehr ungleich verteilt, in Südafrika werden jeden Tag bis zu 40 000 Menschen getestet, im bevölkerungsreichsten Land Nigeria nur um die 3000. Tansania liefert seit Mai gar keine Zahlen mehr zu Neuinfektionen, bei anderen Ländern kann man sich nicht sicher sein, ob die Daten stimmen. Im Schnitt wurden bis Ende Juli in den ärmsten Ländern nur 8000 von einer Million Einwohnern getestet, im Vereinigten Königreich sind es mehr als 200 000.

Schaut man sich einzelne Länder an, sind die Zahlen noch drastischer, nach Angaben der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) waren in Niger Ende Juli nur 373 von einer Million Einwohnern getestet. "Wo nur unzureichend getestet wird, bekämpfen wir diese Krankheit in der Dunkelheit. Ohne Tests gibt es tatsächlich keine Fälle", sagt Stacey Mearns vom IRC. Andere argumentieren aber, dass die Krankheit spätestens dann sichtbar sein müsste, wenn massenhaft Menschen sterben. Südafrikanische Behörden berichten, dass zwischen Mai und August 33 000 Menschen mehr verstorben seien als in vergleichbaren Vorjahreszeiträumen. Aus anderen Ländern liegen aber keine vergleichbaren Zahlen vor. Im nigerianischen Kano berichteten Bestatter im Juni von einer Häufung von Todesfällen, ähnliche Berichte gibt es aus einer Handvoll anderer Regionen, mehr aber auch nicht.

"Wir werden noch erleben, dass die Leute daran auf den Straßen sterben in Afrika", sagte Dorsten im März dem Stern. Das ist nicht passiert. Ein Grund dafür ist, dass viele Regierungen in Afrika mit drastischen Maßnahmen auf solche Warnungen reagiert haben, manchmal sogar noch bevor die ersten Infektionen registriert wurden. Es wurden Ausgangssperren verhängt, Grenzen geschlossen und eine Maskenpflicht verhängt. Das Virus konnte sich in der ersten Phase nicht so schnell verbreiten wie in Europa.

Wer sich dennoch infiziert, hat in Afrika weit bessere Chancen zu überleben als in vielen anderen Staaten, was Forscher unter anderem auf das viel niedrigere Durchschnittsalter zurückführen; etwa die Hälfte der Menschen auf dem Kontinent ist unter 18 Jahren alt, in Europa ist das Durchschnittsalter über 40 Jahre. Aber erklärt das die niedrigen Zahlen? "Die meisten afrikanischen Länder hatten nicht einmal einen Scheitelpunkt der Infektionen. Ich bin ratlos", sagte der südafrikanische Epidemiologe Salim Karim. Im Wissenschaftsmagazin Science schreiben mehrere Autoren: "Es scheint so, als verbreite sich das Virus in Afrika anders und mit einem abgeschwächten Ergebnis." Aber auch hier herrscht keine Einigkeit, wenn es um die Ursachen geht.

In den sozialen Medien haben viele Afrikaner ziemlich wütend auf solche medialen Feldforschungen reagiert, für sie klingt es, als wollten die reicheren Regionen Afrika den bisherigen Erfolg nicht gönnen. Als sei es ausgeschlossen, dass der Kontinent der Kriege und Krankheiten dieses Mal glimpflich davonkommt.

So oder so hat der bisherige Erfolg einen hohen Preis. Ausgangssperren und geschlossene Grenzen haben brutale wirtschaftliche Folgen, im südlichen Afrika ist der Tourismus fast völlig zum Erliegen gekommen, Millionen Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Zwar haben viele Regierungen versucht, die Folgen für die Gesellschaft durch Hilfsprogramme zu mildern, anders als in Europa sind die Ressourcen für Arbeitlosengeld und andere Hilfen aber sehr begrenzt. Was nun dazu führt, dass vielen Ländern nun nichts anders übrig bleibt, als die Corona-Beschränkungen aufzuheben. Mit offenem Ergebnis.

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