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Ausbeutung:Spitze des Eisbergs

Ein paar Razzien in der Fleischindustrie reichen nicht.

Von Michael Bauchmüller

Wie eifrig sich nun alle um die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Helfer bemühen! Gesetze werden verschärft, Unternehmen angeprangert, und die Bundespolizei holt aus zur Razzia in der Fleischindustrie. Ganz Deutschland interessiert sich plötzlich für das Schicksal der Erntehelfer und Zerlegetrupps, die für wenig Geld schuften und oft erbärmlich leben. Ein Raunen geht durchs Land - als ob das alles so neu wäre.

Ist es natürlich nicht. Die Zustände waren schon lang bekannt, nur haben sie keinen groß geschert. Die osteuropäischen Helfer kommen ja freiwillig, sie sind kleine Rädchen im großen Getriebe des deutschen Wohlstands. Erst Corona rückte sie ins Rampenlicht - allerdings nicht vorrangig als die armen Menschen, die sie sind, sondern als potenzielle Infektionsherde. Und plötzlich geht auch Arbeitsschutz.

Was aber ist mit den kleinen Rädchen, die jenseits der Grenzen ihren Dienst im großen Getriebe versehen? Die irgendwo am Ende der Welt schuften, damit es in Deutschland Markenklamotten, Kaffee oder Smartphones gibt? Ein "Lieferkettengesetz" soll deutsche Unternehmen verpflichten, auch bei Zulieferern Mindeststandards durchzusetzen. Jeder weiß, dass die allzu oft nicht gelten. Doch das Gesetz hängt fest. Die Wirtschaft blockt, und das Wirtschaftsministerium blockt mit. Es ist traurig.

© SZ vom 24.09.2020
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