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Ausbau der Seestreitkräfte:Vorsprung auf den Weltmeeren

Früher verstand der Westen eine starke Marine als Schlüssel zu globalem Einfluss. Inzwischen legt Europa nicht mehr so viel Wert auf seine Seestreitkräfte - ganz im Gegensatz zu den asiatischen Ländern.

Paul Kennedy

Für Welthistoriker ist es immer faszinierend, wenn sie auf Entwicklungen stoßen, die sich fast gleichzeitig, aber in völlig verschiedenen Regionen abspielen und dabei ähnlich oder konträr verlaufen.

Marine

Die US-Schlachtschiffe USS Maryland und USS Oklahoma im Hafen von Pearl Harbor nach dem japanischen Überraschungsangriff am 7. Dezember 1941.

(Foto: Foto: dpa)

War es etwa bloßer Zufall, dass nach 1870 die rasch wachsenden neuen Staaten Deutschland, Japan, Italien und die USA ungefähr alle zur selben Zeit "erwachsen" wurden?

Und war es nicht ein seltsames Auseinanderklaffen der politischen Kulturen, als sich Großbritannien, Frankreich und Amerika in den Jahren zwischen den Weltkriegen als besonders pazifistisch erwiesen, während die Stimmung in Deutschland, Italien und Japan äußerst aggressiv und militaristisch war, wodurch der Zweite Weltkrieg praktisch unvermeidlich wurde?

Gehen wir nun einmal in der Zeit zurück und betrachten wir eine der frappantesten gegensätzlichen Entwicklungen in der Weltgeschichte. In den ersten Dekaden des 15. Jahrhunderts führte der große chinesische Admiral Cheng Ho eine Reihe verblüffender maritimer Expeditionen an, hinaus durch die Straße von Malakka, zum Indischen Ozean und sogar bis vor die Küsten Ostafrikas.

Gegensätzliche Entwicklungen

Die Marine Chinas kannte damals nicht ihresgleichen. In einem späteren Jahrzehnt wurde den überseeischen Abenteuern chinesischer Schiffe von hohen Regierungsbeamten in Peking jedoch ein Riegel vorgeschoben.

Sie wollten der Verteidigung gegen die landwärts gerichtete Bedrohung durch die Mandschu im Norden Chinas keine Ressourcen entziehen und fürchteten außerdem, eine seewärts orientierte Gesellschaft offener Märkte könnte ihre Autorität untergraben.

Zur selben Zeit drängten auf der anderen Seite des Globus Forscher und Fischer aus Portugal, Galizien, Britannien und Südwestengland hinaus aufs weite Meer, nach Neufundland, zu den Azoren und zur Westküste Afrikas.

Während Chinas große Flotten auf kaiserliche Order hin zerlegt und verschrottet wurden, begann Westeuropa, in "neue" Welten vorzustoßen, wo sie auf dem amerikanischen Kontinent, in Afrika, Asien und im Pazifik alte und bemerkenswerte Kulturen und Völker entdeckten. Für jeden Ort der Welt, der für westliche Schiffe zugänglich war, bestand die Gefahr, angegriffen zu werden.

Vor allem verstand der Westen eine starke Marine als Schlüssel zu globalem Einfluss, wie der amerikanische Navy-Captain A. T. Mahan vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Klassiker "Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte" dargelegt hat.

Spiel mit den Marine-Muskeln

Und wie sieht es heute aus? Wieder einmal verläuft eine bemerkenswerte Entwicklung auf den zwei Hälften des Erdballs gegensätzlich, was bisher kaum beachtet wird: Wie schon vor sechs Jahrhunderten sind auch diesmal bei den europäischen und den asiatischen Nationen völlig konträre Auffassungen davon zu beobachten, welche politische Bedeutung die Stärke ihrer Seemacht hat.

Dabei gilt mein Augenmerk weniger der amerikanischen Haltung bezüglich einer eigenen starken Seemacht, insbesondere nicht der Haltung der aktuellen Regierung im Weißen Haus. Dieses Land plant ohnehin, seine Marine-Muskeln stets weiter aufzubauen.

Auch von Wladimir Putins Russland ist hier nicht die Rede. Die russischen Seestreitkräfte haben so manchen harten Schlag erlitten; Kürzungen von Ausgaben und Personal machten ihnen ebenso zu schaffen wie rostende Kriegsschiffe, die während der vergangenen 25 Jahre dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen.

Doch zweifelsohne ist Russland dabei, seine Marine wieder aufzubauen. Zwar kommt sie wahrscheinlich nicht mehr an die relative Stärke ihrer glorreichen Sowjetzeiten während der siebziger und achtziger Jahre heran. Doch Russland ist fest davon überzeugt, dass es nur mittels einer starken Seemacht als Global Player mithalten kann.

China erobert wieder das Meer

Derselben Auffassung sind auch die Regierungen der rasch wachsenden Wirtschaftsräume in Süd- und Ostasien. Bei zwei Besuchen in Südkorea, bei denen ich Vorträge über Fragen strategischer Meerespolitik hielt, stellte ich fasziniert fest, dass die dortige Regierung einen 15-Jahresplan zur Expansion ihrer Seemacht in allen Bereichen, einschließlich ihrer militärischen Schlagkraft, aufgestellt hat.

Zur Zeit baut Südkorea beispielsweise drei große und eindrucksvolle Zerstörer mit einer Wasserverdrängung von mehr als 7000 Tonnen, ausgestattet mit einem äußerst wirksamen Waffenarsenal. Diese Schiffe sind gewiss nicht dafür bestimmt, kleine nordkoreanische U-Boote davon abzuhalten, heimlich die Küste entlangzuschippern.

Stattdessen verweist Korea auf den weit mächtigeren Nachbarn Japan, der mitten in einem noch viel ehrgeizigeren Aufbau seiner Marine steckt. Die maßgebliche Schrift "The Military Balance" (herausgegeben 2006 vom International Institute for Strategic Studies) stellt fest, dass zur japanischen Marine 54 "große Überwasser-Kampfschiffe" gehören, also Kriegsschiffe, die mit Kanonen, Raketen, Torpedos und Unterwasserbomben bestückt sind.

Die Japaner verweisen ihrerseits auf die rasant wachsende Marine der Chinesen, die bereits 71 Zerstörer und Fregatten vorweisen kann, ganz zu schweigen von 58 U-Booten (verglichen mit 18 U-Booten der Japaner). Dabei befindet sich der Aufbau der chinesischen Seestreitkräfte noch im Anfangsstadium, vergleichbar etwa mit dem Stand der US-Navy Ende des 19. Jahrhunderts.

Unlängst gab der "Congressional Research Service" - nicht gerade bekannt für Übertreibungen und Dramatisierung - einen bemerkenswerten Bericht von 95 Seiten über die Modernisierung der chinesischen Seestreitkräfte heraus. Die Details betreffen viele Bereiche und sind beeindruckend.

Dramatische Verschiebung

Die vielleicht wichtigsten Fakten sind in die erste Fußnote eingebettet: "Bis 2010 wird die chinesische U-Boot-Streitmacht nahezu doppelt so groß sein wie die U-Boot-Flotte der USA. Die gesamte Schiffsflotte Chinas soll bis 2015 die Größe der US-Flotte übertreffen."

Gewiss, dieses Zitat stammt ursprünglich von der "American Shipbuilders Association", die natürlich in der Angelegenheit in eigenem Interesse spricht. Außerdem ist nicht anzunehmen, dass die US-Regierung einer so dramatischen Verschiebung der Marine-Gleichgewichte tatenlos zusieht.

Doch eine wichtige Tatsache lässt sich nicht leugnen: Überall in Asien scheint die Stärkung der eigenen Marine als Ziel von vitalem Interesse verstanden zu werden. Selbst kleinere Mächte wie Vietnam erhöhen laut der Studie "The Military Balance" in diesem Jahrzehnt ihre Verteidigungsausgaben erheblich, "wobei die Marine beträchtliche Finanzspritzen für eine neue Ausstattung ihrer Schiffe erhält".

Ganz anders sieht es in Europa aus; hier scheint der Trend in die entgegen gesetzte Richtung zu weisen. Marinebudgets werden eingefroren, und angesichts unerbittlich steigender Kosten für neue Waffensysteme und Personal wird die derzeitige Größe der Flotten sogar reduziert.

Die meiste Aufmerksamkeit fand hier die Nachricht von der britischen Royal Navy, sie habe vor, eine gewisse Zahl ihrer Zerstörer und Fregatten "einzumotten" - bei derzeit 25 Schiffen dieser Kategorie ist sie ohnehin nur halb so groß wie die japanische Flotte von Zerstörern und Fregatten.

Von wegen "rule the waves"

Wütende Abgeordnete der Konservativen fordern eine Parlamentsdebatte darüber, dass die britischen Verteidigungsausgaben heute einen geringeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt ausmachen als zu irgendeiner anderen Zeit seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts (und wir alle wissen, was das zu bedeuten hat).

Noch größer scheint indes die Empörung dieser Kritiker darüber zu sein, dass die französische Marine neuerdings mehr große Überwasser-Kampfschiffe besitzt als Großbritannien - zum ersten Mal seit 250 Jahren!

Dennoch wird auch das französische Marine-Budget nicht wesentlich erhöht. Auch in befreundeten Nachbarstaaten wie Deutschland, Italien, Spanien und den Niederlanden wird die Marine äußerst knapp gehalten.

Nach meiner Kenntnis zollt dabei niemand in Europa dem Rüstungswettlauf der Seestreitkräfte in Asien besondere Aufmerksamkeit. Ebenso wenig scheint es in Asien zu interessieren, wie sehr die Seemacht der europäischen Länder durch harte Sparzwänge abgenommen hat.

Daraus ergibt sich die Frage: Von welchen Zukunftserwartungen lassen sich eigentlich Marine-Strategie-Planer der einen Hemisphäre leiten, von denen sich die Planer der anderen Hemisphäre nicht betroffen fühlen?

Hobbystrategen überlegen

Warum bringt das chinesische Staatsfernsehen Sendungen über den Aufstieg der britischen Marine von Königin Elizabeth I., während zur selben Zeit der britische Verteidigungsminister Kriegsschiffe mit Namen verschrotten oder stilllegen lässt, die über mehr als 400 Jahre zurückreichen?

Hobbystrategen werden darauf natürlich viele Antworten parat haben: etwa die, dass Asien wahrscheinlich eher als Westeuropa in Zukunft mit zwischenstaatlichen Konflikten rechnet; oder dass China entschlossen ist, die strategische US-Hegemonie im Westpazifik einzudämmen; dass sowieso alle Chinas wachsende Militärstärke fürchten und dass diese rascher wachsenden Wirtschaftsräume sich beides gut leisten können: Butter und Kanonen.

Dies alles mag zutreffen. Doch Tatsache bleibt, dass in einer Zeit großer geopolitischer Unsicherheit die führenden europäischen Nationen eine alte Elizabethanische Warnung in den Wind schlagen: "Look to thy Moat", was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie: Achte auf deinen Burggraben. Ob diese Unbekümmertheit wirklich ratsam ist?

Der Autor lehrt Geschichte an der Yale-Universität und ist dort Direktor der "International Security Studies". Seine Bücher "Aufstieg und Fall der großen Mächte" und "In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert" waren internationale Bestseller. 2006 erschien sein jüngstes Buch " The Parliament of Man: The Past, Present and Future of the United Nations".

Deutsch von Eva Christine Koppold

© SZ vom 23.04.2007
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