Süddeutsche Zeitung

U-Boot-Deal:Johnson gefällt sich als Großstratege

Der Aukus-Deal zwischen Australien, den USA und dem Vereinigten Königreich wird in London als Erfolg zelebriert, doch Frankreich allzu sehr zu reizen, könnte sich irgendwann rächen.

Von Alexander Mühlauer und Michael Neudecker, London

Das Flugzeug, das von der Webseite Politico in Anspielung auf Boris Johnsons Frisur "Hair Force One" genannt wird, landete in der Nacht auf Montag in New York. Es ist Johnsons erste Auslandsreise seit längerer Zeit, auch sein erster Besuch im Weißen Haus als britischer Premierminister steht auf dem Programm. Er habe während des Fluges einen entspannten Eindruck gemacht, berichten die Journalisten, die dabei waren. Er habe sein Jackett abgelegt, die Ärmel hochgekrempelt und über alles Mögliche gesprochen. Boris Johnson flog mit der Zufriedenheit eines Premierministers, der gerade geliefert hat.

"Geliefert" heißt in diesem Zusammenhang, jedenfalls aus Boris Johnsons Sicht: Er hat einen Slogan konkretisiert, den seine Vorgängerin unmittelbar nach dem Brexit-Referendum erstmals benutzte. Beim Parteitag der Konservativen 2016 sprach Theresa May von "Global Britain", es war damals nicht mehr als der Versuch, die Rolle des Vereinigten Königreichs nach dem EU-Austritt neu zu definieren.

Seitdem wurde der Slogan oft benutzt, insbesondere von Johnsons Regierung, die im März ein Dokument mit dem Titel "Integrated Review" veröffentlichte: eine Betrachtung dessen, wo das Königreich steht und wie die Zukunft als "Global Britain" aussehen sollte. Trotzdem blieb der Begriff stets ein eher inhaltloser PR-Slogan, und mit komplexen Dokumenten mit kryptischen Überschriften gewinnt man ohnehin keine Wahlen.

Mit Deals dagegen schon eher, weshalb das neue Sicherheitsbündnis zwischen Australien, den USA und dem Königreich, genannt Aukus, in London als Erfolg beklatscht wird. Und als eine Art Idealdefinition dessen, was man sich in Johnsons Klientel und Kollegium unter "Global Britain" vorstellt - ein Großbritannien, das selbstbewusst auf der Weltbühne agiert und sich mit den anderen Kräften im englischsprachigen Raum zusammenschließt.

Aus Londoner Sicht war das Timing günstig

In London verweist man zudem auf das günstige Timing: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ordne alles seiner angestrebten Wiederwahl im Frühjahr unter, er sei deshalb sehr mit sich selbst beschäftigt. In Deutschland wiederum könnte es noch eine Weile dauern, ehe nach der Bundestagswahl eine neue Regierung gefunden ist, weshalb es in Europa einen Mangel an Führungsstärke gebe, EU hin oder her.

Johnsons Regierung also sieht sich in einer Art Aukus-Höhenflug, der auch für Liz Truss, die das Gesicht von "Global Britain" sein soll, zur richtigen Zeit kommt. Am Montag besuchte Truss, die erst seit ein paar Tagen Außenministerin ist und nun gemeinsam mit Johnson eine Dienstreise angetreten hat, die UN-Generalversammlung. Dabei wolle sie "ein positives und international orientiertes Global Britain" vorstellen, das "für alle Menschen im Vereinigten Königreich liefert", sagte sie.

Was davon zu halten ist, wenn Johnsons Regierung liefert, ist allerdings eine Frage der Perspektive. In Paris sorgte der Deal für große Verärgerung, Frankreich fühlt sich von Australien im Stich gelassen und von den USA und dem Vereinigten Königreich betrogen. Sicherheit und Handel gehören zusammen, weshalb Australien nun nicht wie ursprünglich geplant französische U-Boote für etwa 85 Milliarden Euro kauft. Das führte nach dem Abzug der französischen Botschafter aus Washington und Canberra dazu, dass Frankreich am Montag ein für diese Woche geplantes Treffen der beiden Verteidigungsminister in London absagte. Außerdem drohte Paris damit, die Handelsgespräche zwischen EU und Australien vorerst einstellen zu wollen.

Das wäre wiederum im Sinne von Johnsons Brexiteers. Aukus hat aus ihrer Sicht das Potenzial, die EU aus dem Tritt zu bringen, vielleicht sogar ein wenig zu spalten. Und falls die französische Regierung tatsächlich im Alleingang dafür sorgen würde, die Gespräche mit Australien auszusetzen, könnten sie behaupten, dass die beleidigten Franzosen einmal mehr über das Schicksal der EU bestimmten und einen Handelsvertrag verhinderten, von dem die EU doch profitieren würde.

Kein Wunder also, dass in London mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit darauf verwiesen wird, dass Großbritannien bereits das geschafft hat, woran Brüssel noch arbeitet: einen Handelspakt mit Australien, auch wenn dessen Beitrag zur britischen Wirtschaftsleistung überschaubar ist. Dass Frankreich seinen Botschafter demonstrativ nicht aus London abgezogen hat und davon spricht, die Briten seien in der ganzen Sache doch nur das "fünfte Rad am Wagen", sorgt in London eher für eine Mischung aus Trotz und Genugtuung.

Doch so groß die Schadenfreude auch sein mag, so groß ist auch die Gefahr, dass ein sich weiter verschlechterndes Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien auch für London zum Problem wird. Frankreichs Interesse, den Briten im zähen Brexit-Streit um Nordirland in irgendeiner Form entgegenzukommen, dürfte nun ja noch weiter gesunken sein.

Boris Johnson weiß das natürlich, weshalb er zu Beginn seines Fluges noch betonte, wie wichtig Frankreich als Partner für Großbritannien sei, und zwar so, wie es typisch ist für ihn: "Unsere Liebe für Frankreich ist unauslöschlich", sprach Johnson. Man wäre gerne dabei gewesen, als Emmanuel Macron Johnsons Worte hörte.

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