"Aufstehen" Die Bewegung muss sich von Wagenknecht emanzipieren

Sahra Wagenknecht hat "Aufstehen" in die Wege geleitet. Doch der Erfolg der Bewegung hängt davon ab, dass die Linken-Politikerin nicht an ihrer Spitze bleibt.

(Foto: Getty Images)

Es gibt ein Reservoir gegen AfD und Pegida, aus dem Parteien nicht schöpfen konnten. Doch damit "Aufstehen" erfolgreich ist, muss Initiatorin Wagenknecht andere nach vorn lassen.

Kommentar von Heribert Prantl

Die Sammlungsbewegung "Aufstehen" ist soeben erst aufgestanden und hat schon erheblich mehr Unterstützer, als Grüne, FDP oder Linke Mitglieder haben. Das ist bemerkenswert. Das offenbart ein bisher offenbar ungestilltes Bedürfnis vieler Menschen, sich zu engagieren - gegen den Druck von Rechtsaußen, gegen die Dominanz des Rechtsradikalen im öffentlichen Raum, gegen die Renaissance des Nationalen und des Nationalistischen.

Es gibt ein aktivierbares zivilgesellschaftliches Reservoir gegen AfD und Pegida, aus dem die klassischen Parteien bisher nicht schöpfen konnten. Statt Gift, Galle oder Häme auf die neue Sammlungsbewegung zu schütten, sollten sich diese Parteien, Linke und SPD eingeschlossen, überlegen, warum das so ist. Die große Offensive gegen die Wiedergeburt der braunen Wahnideen und Idiotien traut man ihnen nicht zu.

Daraus entsteht der Hunger nach etwas Neuem; die Sammlungsbewegung ist ein Versprechen, den Hunger zu stillen. Ob und wie sie das Versprechen erfüllen kann, das weiß keiner. Die Unterstützer zeichnen also eine Art Optionsschein. Nun muss man diese bisher hunderttausend Online-Unterstützer nicht mit Parteimitgliedern gleichsetzen.

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Aber die Bewegung hat nach kürzester Zeit schon so viele Anhänger wie sie Emmanuel Macrons Sammlungsbewegung "En Marche" nach Monaten hatte. 18 Monate nach der Gründung der Bewegung traf sich La Republique en Marche zum ersten Parteitag in Lyon. Das ist einer der wichtigen Unterschiede zwischen "En Marche" und "Aufstehen". Macrons Bewegung war auch eine Transformationsbewegung hin zu einer Partei - die Organisation und Logistik waren darauf ausgerichtet.

Wenn die von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine repräsentierte deutsche Sammlungsbewegung in diese Richtung marschieren wollte und würde - Wagenknecht müsste sich aus der linken Partei, deren Fraktionsvorsitzende sie ist, verabschieden oder von dort umgehend verabschiedet werden. Man kann nicht zwei Fraktionen und Parteien führen, auch eine so begabte Frau wie Sahra Wagenknecht kann das nicht; und selbst ein so abgebrühter Stratege wie Lafontaine kriegt das nicht hin. Weil das so ist, beschreibt Wagenknecht ihre Bewegung eher als Sammlungs-, Motivations- und Integrationsbewegung im Vorfeld der linken und linksliberalen Parteien.

Es gibt ein Reservoir gegen AfD und Pegida. Die klassischen Parteien schöpfen daraus nicht

Als Spitzenfigur einer solchen Sammlung im Vorfeld ist sie aber ungeeignet, weil sie im Hauptfeld, auch in ihrer eigenen Partei, so umstritten ist; sie ist nicht integrativ. Wagenknecht ist gut, um einer neuen Bewegung für den Anfang Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das ist der Reiz einer Politikerin, die als Reizfigur gilt. Sie kann die Bewegung aber nicht erfolgreich führen, weil sie keine Integrationsfigur ist. Man kann keine Sammlung anführen, wenn man selber im Ruf steht, zu spalten. Wagenknecht muss andere Identifikationsfiguren nach vorn lassen.

Sahra Wagenknecht ist die Patin von "Aufstehen"; das Patent für eine Sammlungsbewegung hat sie nicht. Der Erfolg dieser Sammlungsbewegung wird daher auch davon abhängen, ob es ihr gelingt, sich von ihrer Patin zu emanzipieren. Ansonsten wird es so sein, dass diese Bewegung sich einreiht in die Sammlung linker Spaltungsgeschichten. Die beginnt mit der USPD und hat womöglich mit der PDS/Die Linke nicht aufgehört.

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