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Aufstand in Syrien:"Hama wird massakriert"

Das Regime von Baschar al-Assad verhindert, dass Journalisten die mutmaßlichen Massaker in Syrien zu Gesicht bekommen. Trotzdem dringen nun viele Berichte über das Vorgehen des Militärs nach draußen, die als glaubwürdig gelten - und kaum Zweifel an der Brutalität des Despoten lassen.

Ein Ziel hat das syrische Militär mit den Angriffen auf die Stadt Hama am Sonntag und Montag offenbar erreicht. "Die Stadt ist wie eine Geisterstadt" - so beschreibt Aktivist Obada Arwany in der New York Times die Verhältnisse. "Hama wird massakriert." Augenzeugen zufolge hat die Armee gerade nach den morgendlichen und abendlichen Gebeten in den Moscheen Straßen und Häuser unter Beschuss genommen, um zu verhindern, dass sich Menschen zu Demonstrationen versammeln.

Armoured vehicles are seen stationed in the city of Hama in this still image taken from video posted on a social media website

Ob Aufnahmen wie diese tatsächlich Panzer in der syrischen Stadt Hama zeigen, lässt sich kaum überprüfen. Die vielen Augenzeugenberichte sprechen jedoch dafür, dass die Armee dort mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vorgeht.

(Foto: Reuters)

Der Versuch, die Gewalt zu vertuschen, scheitert allerdings. Zwar verhindert das syrische Regime unter Baschar al-Assad mit Erfolg, dass unabhängige Journalisten sich im Land selbst einen Eindruck von den Auseinandersetzungen der Demonstranten und dem Militär machen können: Kämpfe fänden lediglich zwischen der Armee und "gut organisierten Banden" statt - so versucht die amtliche Nachrichtenagentur Sana die Vorgänge herunterzuspielen. Doch viele Menschen berichten internationalen Medien inzwischen telefonisch übereinstimmend von brutalem Vorgehen der Soldaten in Hama und dem Damaszener Vorort Arbeen, viele stellen Videoaufnahmen ins Internet.

Tatsächlich ist nicht endgültig zu prüfen, ob die Berichte authentisch sind. Doch auch Oscar Fernandez-Taranco vom UN Department of Political Affairs nennt sie glaubwürdig - er äußerte sich während der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York am Montag zu Syrien. Bis zu 140 Menschen haben Soldaten des Regimes demnach allein in Hama am Sonntag getötet, als sie die von den Demonstranten errichteten Straßensperren erstürmten. Nach Einschätzung der UN hat die Gewalt unter Assad damit eine neue Stufe erreicht.

Das Militär hatte sich für mehrere Wochen aus der Protesthochburg Hama zurückgezogen. Am frühen Morgen des 31. Juli dann rückten Panzer und gepanzerte Fahrzeuge aus vier Richtungen in die Stadt ein, gefolgt von Infanterie und Sicherheitskräften. Die Demonstranten an den Barrikaden versuchten sich mit Steinen und Stangen zu wehren - vergeblich. Die Straßensperren wurden überrollt.

"Es war wie Selbstmord", berichtet der Arzt Abu Abdo aus der Stadt der New York Times am Telefon. "Es regnete Granaten über die Stadt, die Soldaten schossen auf alles, was sich bewegte", sagt ein anderer Demonstrant der Nachrichtenagentur dpa. "Die Opferzahl steigt von Minute zu Minute." Auch Heckenschützen hätten die Aufständischen unter Feuer genommen.

In den Straßen lägen Leichen, berichtete ein anderer Einwohner der Stadt. Die Soldaten umzingelten offenbar sogar ein Krankenhaus der Stadt, um die Aufständischen daran zu hindern, ihre Verwundeten dorthin zu bringen.

"Blinder Beschuss"

Am Montagmorgen und -abend eröffnete die Armee Einwohnern zufolge nach den Gebeten am ersten Tag des Ramadan das Feuer. Panzer seien in mehrere Viertel der Stadt eingerückt und hätten auf Häuser gefeuert, sagte Obada Arwany der New York Times am Telefon. Ein Augenzeuge bestätigte der Nachrichtenagentur AFP den "blinden Beschuss" der Häuser. Trotz der Gefahr hätten einige Bürger versucht, in den Nebenstraßen kleinere Demonstrationen zu organisieren.

"Was hat die Armee mit den Überfällen erreicht? Nichts", sagte der Arzt Abdo der New York Times. "Das war ein Einsatz mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten, um die geplanten Demonstrationen zu verhindern." Auch andere Demonstranten vermuten, dass das Regime sie in Angst und Schrecken versetzen will, bevor sich die Proteste während des Ramadan verstärken.

Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit konzentriert sich auf Hama, wo schon vor 30 Jahren die Armee unter Assads Vater ein Massaker mit 10.000 Toten angerichtet hat. Augenzeugen berichten allerdings auch von etlichen getöteten Demonstranten in anderen Städten.

"Autos der Sicherheitskräfte und mit Maschinengewehren ausgestattete Lastwagen drangen gegen Mitternacht in Arbeen ein, versammelten sich am wichtigsten Kreisverkehr des Vororts von Damaskus, rückten in die Straßen vor und feuerten auf die Stadtviertel", sagte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur Reuters. In Arbeen, in al Bukamal und Deir al-Sor im Osten des Landes, in der westlichen Küstenstadt Latakia, in Harak im Süden und in Maadamijah in der Nähe von Damaskus - überall starben nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten in den vergangenen zwei Tagen mehrere Dutzend Demonstranten und auch Unbeteiligte.

Viele der Demonstranten, insbesondere in Hama, bezeichnen sich als religiös konservative Muslime. Die Muslimische Bruderschaft, von der der Aufstand in Hama vor 30 Jahren ausgegangen war, spielt diesmal aber offenbar keine große Rolle - auch wenn die Aufständischen Parallelen ziehen. "In den 80er Jahren sah ich Körper, die auf den Müll geworfen worden waren. Am 3. Juni habe ich das wieder gesehen", zitiert der britische Guardian einen Mann. An jenem Tag im Juni hatte das Militär mehr als 70 Demonstranten nach den Freitagsgebeten erschossen.

Das syrische Innenministerium verbreitet andere Zahlen als die Aufständischen. Demnach sind in Hama lediglich acht Menschen gestorben. Verantwortlich dafür seien Terroristen. Das Militär hingegen, sagte Diktator Assad kürzlich, sei zu rühmen für seine Loyalität gegenüber den Menschen.

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