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Aufruhr in Libyen:Kampfjets feuern auf Demonstranten

Die Gewalt in Libyen eskaliert: Nach Berichten aus Tripolis setzt das Regime Kampfjets gegen die Protestbewegung ein. Unterdessen mehren sich Gerüchte, Staatschef al-Gaddafi könnte das Land in Richtung Venezuela verlassen haben.

Die Gewalt in Libyen eskaliert. Das Militär griff nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira am Montagabend einen riesigen Demonstrationszug von Regierungsgegnern in der Hauptstadt Tripolis mit Flugzeugen an. Auch scharfe Munition werde eingesetzt, meldete der Sender unter Berufung auf Informanten. Allein am Montag sollen 160 Menschen bei Zusammenstößen ums Leben gekommen sein.

Diese Darstellung wird von einer Meldung aus Malta gestützt: Dort landeten zwei libysche Kampfflugzeuge, deren Piloten Antrag auf politisches Asyl stellten, wie ein Sprecher der maltesischen Armee bestätigte. Beide Militärflugzeuge seien unerlaubt auf dem Internationalen Flughafen von Malta (MIA) gelandet. Die Piloten ergaben sich den Behörden. Medienberichten zufolge hätten die beiden Oberste der libyschen Luftwaffe in Bengasi protestierende Demonstranten bombardieren sollen.

Ahmed Elgasir, ein Menschenrechtsexperte des Libyan News Centre (LNC) in Genf, sagte al-Dschasira, die Sicherheitskräfte verübten ein Blubad unter den Demonstranten in Tripolis. Eine Augenzeugin aus Tripolis habe über Satellitentelefon um Hilfe gebeten und von einem Massaker gesprochen. Die libyschen Behörden haben dem Sender zufolge alle Festnetz- und Funktelefonverbindungen im Land unterbrochen.

Derweil verstärken sich Gerüchte, dass der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi bereits aus dem Lang geflohen sein könnte. Al-Gaddafi könnte Libyen in Richtung der venezolanischen Hauptstadt Caracas verlassen haben, sagte der britische Außenminister William Hague am Montag am Rande des Treffens der EU-Außenminister in Brüssel. Er habe jedoch keine Informationen darüber, ob der libysche Machthaber tatsächlich in dem südamerikanischen Land sei.

Hague machte keine Angaben, woher seine Informationen stammten, dass al-Gaddafi Libyen verlassen haben könnte. Ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton sagte in Brüssel, er habe "keine Informationen" zu einer Ausreise des libyschen Machthabers. Zu diesem Zeitpunkt handele es sich dabei "um unbestätigte Gerüchte".

Der Sohn des Staatschefs, Seif al-Islam al-Gaddafi, hat inzwischen eine Untersuchung der Gewalt gegen Demonstranten in seinem Land angekündigt. Seif al-Islam habe eine Untersuchungskommission gegründet, die von einem libyschen Richter geleitet werde, berichtete das Staatsfernsehen am Montagabend. Der Kommission sollten Vertreter libyscher und internationaler Menschenrechtsorganisationen angehören. Sie solle die "Umstände und Ereignisse" aufklären, die zu "mehreren Opfern" geführt hätten.

Wegen ebendieser Gewalt von Polizei und Militär hat das Auswärtige Amt den libyschen Botschafter in Berlin, Jamal El-Barag, einbestellt. Der Beauftragte für die Region, Botschafter Andreas Michaelis, habe gefordert, das gewaltsame Vorgehen gegen friedliche Demonstranten umgehend zu beenden, teilte das Ministerium mit. Michaelis habe "noch einmal mit Nachdruck die Haltung der Bundesregierung" verdeutlicht, dass die Führung in Tripolis Meinungs- und Versammlungsfreiheit gewährleisten und umgehend den Dialog mit der Bevölkerung suchen müsse.

Viele Kollegen des Botschafters haben unterdessen ihrem Staatschef den Rücken gekehrt. So haben sich etwa die meisten der libyschen Diplomaten bei den Vereinten Nationen nach einem Zeitungsbericht von Muammar al-Gaddafi losgesagt und sind auf die Seite der Opposition gewechselt. Lediglich der UN-Botschafter selbst halte noch zu dem umstrittenen Diktator, berichtete der New Yorker Korrespondent der Los Angeles Times .

Die Diplomaten wollten sich mit diesem Schritt "von der abscheulichen Tat, das libysche Volk anzugreifen", distanzieren, zitiert das Blatt Adam Tarbah, der seit neun Jahren Libyen bei den Vereinten Nationen vertrete. "Wir sind uns bewusst, dass dieser Schritt unsere Familien zu Hause in Gefahr bringen kann. Aber sie sind sowieso in Gefahr." Libyen benutzt die Vereinten Nationen gern als Bühne und ist zum Beispiel einer der 47 Mitgliedsstaaten des UN-Menschrechtsrates, der in der nächsten Woche wieder in Genf tagen soll.

© dpa/AP/AFP/Reuters/mob

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