Aufklärung von Wohnungseinbrüchen:"Die Quote ist sehr schlecht"

Lesezeit: 3 min

Einbrecher müssen heute keinen schweren Fernseher mehr aus der Wohnung schleppen, sie greifen sich das Tablet. Und die meisten Täter werden nie gefasst.

Interview von Jan Bielicki

Mehr als 167 000 Einbrüche in Wohnungen wurden 2015 bei der Polizei angezeigt. Das waren fast zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie die Zeitung Die Welt am Mittwoch unter Berufung auf die noch unveröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts berichtete. Seit 2006 nähern sich die Einbruchszahlen damit allmählich wieder den Rekordwerten aus den Neunzigerjahren. Woran das liegen könnte? Die Soziologin Gina Rosa Wollinger beschäftigt sich seit drei Jahren mit Wohnungseinbrüchen - mit Opfern, Tätern und Ermittlern.

SZ: Man kommt heim, Tür oder Fenster sind aufgebrochen, Schränke durchwühlt, Laptop, Geld, Schmuck weg - das müssen immer mehr Menschen erleben. Was macht das mit den Opfern?

Gina Rosa Wollinger: Ein Wohnungseinbruch hat oft langfristige Folgen für die Opfer. Viele leiden unter Schlafproblemen, fühlen sich unsicher in der gewohnten Umgebung, und das oft noch Monate, manchmal bis zu drei Jahre nach der Tat. Ein Viertel der von uns befragten Opfer hätte am liebsten nach dem Einbruch ihre Wohnung verlassen oder hat es sogar getan. Bei diesem Unwohlsein geht es gar nicht so sehr ums Materielle, viele sind hausratsversichert und mit ihrer Versicherung zufrieden. Aber das Gefühl, dass ein Fremder eingedrungen ist in den Privatraum der Wohnung, ist das, was wirklich belastend ist und langfristig bleibt.

Nach wiederholten Einbrüchen in einem Bremer Wohnviertel hat die Polizei Bremen Warnschilder aufgehä

Welche Tätertypen am Werk sind, ist regional unterschiedlich. Im strukturschwachen Norden sind es zum Beispiel häufig Drogenabhängige.

(Foto: imago/Eckhard Stengel)

Die Politik verspricht seit Jahren, mehr zu tun. Trotzdem steigen die Einbruchszahlen immer weiter. Woran liegt das?

Da gibt es unterschiedliche Vermutungen. Während seit 2006 immer öfter in Wohnungen eingebrochen wird, sinkt die Zahl der Einbrüche in Autos. Autos sind einbruchssicherer geworden, und die Leute lassen nicht mehr so oft Wertgegenstände im Wagen liegen. Es könnte also sein, dass sich die Kriminalität hier verschiebt. Dafür würde auch sprechen, dass Wohnungen für Einbrecher seither an Attraktivität gewonnen haben wegen der kleinen, teuren technischen Geräte, die dort oft herumliegen. Tablets und Smartphones kann man leicht einstecken. Darum geht es Einbrechern ja: schnell in eine Wohnung einsteigen, schnell etwas greifen, und sei es nur das Sparschwein, und schnell die Wohnung wieder verlassen. Dazu kommt: Viele Wohnungen sind schlecht gesichert, es ist sehr einfach einzudringen.

Aber woran liegt es, dass die Aufklärungsquote ständig weiter sinkt? Zuletzt lag sie bei gerade mal 16 Prozent.

Es ist sogar noch viel schlimmer. In der Polizeilichen Kriminalstatistik gilt ein Fall bereits als aufgeklärt, wenn im Ermittlungsverfahren irgendwann einmal der Name eines Tatverdächtigen aufgetaucht ist. Wir haben Strafakten von Anfang bis Ende analysiert und dabei gesehen, dass nur in 2,6 Prozent der Fälle ein Verfahren tatsächlich mit der Verurteilung eines Täters endet.

Aufklärung von Wohnungseinbrüchen: SZ-Grafik; Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2014

SZ-Grafik; Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2014

Nur jeder 40. Einbruch wird also aufgeklärt . . .

Wobei einschränkend zu sagen ist: Die wenigsten Täter machen das nur einmal, es sind viele Intensivtäter dabei. Die Aufklärungsquote ist aber wirklich sehr schlecht. Aber die Polizei hat es auch schwer bei diesem Delikt. Es gibt nur wenige Zeugen, nur wenige Spuren und damit nur wenige Ermittlungsansätze.

Was weiß man denn über die Täter? Sind es wirklich die viel beschworenen Banden aus Osteuropa?

Weil so wenige Täter gefasst werden, ist das sogenannte Hellfeld sehr klein. Und es gibt auch keinen richtigen Zugang zum Dunkelfeld wie bei anderen Delikten. Es ist also ziemlich dünn, was wir über Täter wissen. Bei unserer Täteranalyse haben wir festgestellt, dass es keine homogene Tätergruppe gibt. Es ist eine Vielzahl unterschiedlicher Tätertypen am Werk: Es sind Drogenabhängige darunter, Jugendliche, natürlich auch Menschen aus dem Ausland, es gibt Taten, die bandenmäßig begangen werden, aber auch viele Einzeltäter. Wir haben fünf Großstädte betrachtet und gesehen, dass es auch regional sehr unterschiedliche Tätertypen gibt. In manchen Städten wie Bremerhaven finden wir darunter eher perspektivlose Jugendliche ohne Schulabschluss, Ausbildung oder Arbeit. Andere Regionen haben tatsächlich vor allem mit reisenden Tätern aus dem Ausland zu kämpfen.

Aufklärung von Wohnungseinbrüchen: Die Soziologin Gina Rosa Wollinger, 31, analysiert seit 2012 am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen das Phänomen der Wohnungseinbrüche.

Die Soziologin Gina Rosa Wollinger, 31, analysiert seit 2012 am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen das Phänomen der Wohnungseinbrüche.

(Foto: oh)

Wo wäre das?

Vor allem im Süden. Das ergibt mit Blick auf die Anfahrtswege aus Südosteuropa ja auch Sinn. Dazu kommt: Nicht alle Städte sind ein wirklich attraktives Ziel für reisende Banden. Dennoch sind manche strukturschwachen Gegenden im Norden schwer einbruchsbelastet, wo es schon aufgrund der geografischen Lage absurd wäre, die Häufung der Taten mit ausländischen Banden zu erklären. Wohnungseinbruch ist ein Phänomen, das man sehr regional betrachten muss. Man muss an jedem Ort genau gucken: Stecken Banden hinter den Einbrüchen oder doch unsere örtlichen Drogen- oder Spielsüchtigen? Das Problem lässt sich nicht auf einzelne Tätertypen herunterbrechen.

Wie lässt sich Wohnungseinbruch denn besser bekämpfen?

Es ist sicher nicht die Aufgabe der Polizei allein, das Problem zu lösen. Das wird sie auch nicht schaffen, obwohl sie bereits recht gut aufgestellt ist. Sie könnte natürlich noch einiges verbessern, etwa bei der Spurenauswertung. Bei der DNA-Analyse warten Ermittler manchmal bis zu einem Jahr auf die Ergebnisse. Doch vor allem muss die Bevölkerung sensibilisiert werden, mehr für die eigene Sicherheit zu tun. Man kann die Wohnung oft schon mit einfachen technischen Mitteln aufrüsten, etwa einem Zusatzschloss. Auch im Verhalten kann man viel tun: abschließen, im Urlaub den Nachbarn den Briefkasten leeren lassen. Und wir müssten auch überlegen, ob nicht der Gesetzgeber für mehr Einbruchschutz einstehen sollte - etwa mit Verordnungen ähnlich wie beim Brandschutz, die bei Neubauten den Einbau sicherer Türen und Fenster vorsehen. In den Niederlanden gibt es das schon.

Zur SZ-Startseite