Aufklärung nach Absturz von MH17 Schwierige Spurensuche im Trümmerfeld

OSZE-Mitarbeiter suchen am Unglücksort nach Spuren - unter den wachsamen Blicken von prorussischen Separatisten.

(Foto: dpa)

Noch ist nicht bewiesen, dass MH17 tatsächlich abgeschossen wurde - und wer für den Absturz verantwortlich ist. Aufklärungsarbeit soll auch ein Ermittlerteam der OSZE leisten. Das wird in seiner Arbeit massiv behindert - doch die Separatisten sind nicht die einzige Schwierigkeit, mit der die Beobachter zu kämpfen haben.

Von Thomas Harloff

Gefahrenherde sind ihr Arbeitsplatz, Krisenmanagement ist ihr Job, Aufklärung ihr Anliegen: Wenn die Mitarbeiter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, zur Hilfe gerufen werden, gibt es Konflikte, die sich von den beteiligten Parteien allein nicht lösen lassen. Seit Beginn der Krise in der Ostukraine steht die OSZE besonders im Mittelpunkt. Ursprünglich in das Gebiet entsendet, um den Rest der Welt über die tatsächliche Lage vor Ort zu informieren, wurden während des Konfliktes mehrere Gruppen von prorussischen Separatisten verschleppt und erst nach mehrtägiger Gefangenschaft wieder freigelassen.

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Die US-Regierung hat laut einem Zeitungsbericht Hinweise darauf, dass Separatisten in der Ostukraine Waffen aus Russland erhielten. Nach dem Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs soll das Raketensystem wieder über die Grenze geschafft worden sein.

Auch nach dem mutmaßlichen Abschuss der Malaysian-Airlines-Maschine MH17 (hier die aktuellen Entwicklungen) sind OSZE-Beobachter vor Ort, um das schwer zugängliche Trümmerfeld zu inspizieren. Sie sollen herausfinden, ob tatsächlich eine Boden-Luft-Rakete des Typs "Buk" (Buche), wie sie laut Washington Post in den vergangenen Monaten auf beiden Seiten der russisch-ukrainischen Grenze in Stellung gebracht worden sind, Grund für den Absturz war. Neben den Militärs beider Länder könnten auch die Separatisten über dieses hochkomplexe System verfügen - sicher ist dies jedoch nicht, was die OSZE-Ermittlungen weiter erschwert.

Kein unbegrenzter Zugang zur Absturzstelle

Eigentlich war ihnen von den Separatisten, die das Gebiet um den Absturzort Grabowo in der Ostukraine kontrollieren, zugesichert worden, unbegrenzten Zugang zur Absturzstelle zu bekommen. Doch schon am ersten Tag der Untersuchungen kommt es zu Komplikationen. Obwohl die Separatisten dem OSZE-Team vollen und sicheren Zugang zum Unglücksort zugesichert hatten, hätten die 17 Ermittler nach Angaben des Schweizer OSZE-Vertreters Thomas Greminger lediglich begrenzten Zugang für 75 Minuten erhalten. Danach hätten sie bewaffnete prorussische Separatisten aufgefordert, die Absturzstelle zu verlassen, "zu ihrer eigenen Sicherheit", wie es hieß.

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Die ukrainische Regierung spricht gar von noch strengeren Restriktionen gegenüber den Beobachtern. Sie hätten sich am Freitag lediglich 30 Minuten unter Aufsicht bewaffneter Aufständischer an der Absturzstelle umsehen dürfen, heißt es aus Kiew. Außerdem würden die Separatisten Beweise vernichten, wer oder was für den Absturz von MH17 verantwortlich ist - sogar Leichen sollen vom Absturzort weggeschafft worden sein. Der Vorwurf der Vertuschung steht im Raum.

Internationales Ermittlerteam

Heute wagt die Gruppe einen zweiten Anlauf, die Absturzstelle zu untersuchen, diesmal unterstützt von einem weiteren Team. Nach Angaben der Fluglinie Malaysia Airlines sollen insgesamt 131 Experten aus dem asiatischen Land zum Trümmerfeld reisen, um die OSZE-Mitarbeiter in ihrer Ermittlungsarbeit zu unterstützen sowie Leichen zu bergen. Unter ihnen befinden sich Malaysias Transportminister Liow Tiong Lai. Laut CNN ist die Gruppe inzwischen in Kiew gelandet, allerdings sei es nicht sicher, ob sie tatsächlich die Absturzstelle erreichen wird. Die Verhandlungen mit den Separatisten laufen noch. Zuvor hatte Malaysias Regierungschef Najib Razak Russlands Staatschef Wladimir Putin in einem Telefonat aufgefordert, dafür zu sorgen, dass unabhängige Ermittlungen dieses Teams möglich seien.

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Zahlreiche Länder stellen den Experten der OSZE und aus Malaysia weitere Hilfen zur Seite. Deutschland schickte zwei Identifizierungsexperten des Bundeskriminalamtes zum Absturzort, die USA entsenden laut CNN zwei FBI-Agenten in die Ukraine. Aus Großbritannien reisen aktuell sechs Spezialermittler der Flugsicherheitsbehörde nach Kiew. Forensik-Teams aus den Niederlanden und Australien sollen sich bereits in der Ukraine befinden oder auf dem Weg dahin sein. Für Großbritannien, die Niederlande und Australien sind die Untersuchungsergebnisse besonders wichtig. An Bord der Unglücksmaschine, die von Amsterdam nach Kuala Lumpur unterwegs war, befanden sich zehn Briten, 27 Australier und 193 Niederländer. Insgesamt kamen 298 Menschen ums Leben.

Große politische Dimension

Die Lage sei insgesamt unübersichtlich, auch der genaue Einsatzort stehe noch nicht fest. Unklar ist zudem, wer das Ermittlungs- und Bergungs-Team anführen soll. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) brachte laut dpa die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO ins Gespräch, um die Führung dieser Mission zu übernehmen.

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Die große internationale Beteiligung an den Aufklärungsarbeiten zeigt, welche politische Dimension der Absturz von MH17 hat. Normalerweise untersucht die Luftfahrtbehörde des Landes, in dem sich das Unglück ereignet hat, die Absturzstelle. In Deutschland wäre die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen für die Ermittlungen zuständig. Dabei ist es durchaus üblich, dass Beobachter aus dem Land, in dem das Flugzeug gemeldet ist, hinzugezogen werden. Allerdings sind das meist kleine Gruppen mit deutlich weniger als 131 Experten; selten bestehen sie aus Ermittlern mehrerer Nationen. Nach den Untersuchungen lässt der durchführende Staat dem anderen Staat einen Bericht zukommen und teilt ihm das Untersuchungsergebnis mit.

Wo sind die Flugschreiber?

Die zentralen Elemente einer jeden Flugzeugabsturz-Ermittlung sind die Flugschreiber. Eine Boeing 777-200, der Flugzeugtyp der abgestürzten Maschine, verfügt über zwei sogenannte "Black Boxes". Eine zeichnet die Flugdaten auf, die andere dient als Stimmenrecorder, womit nachvollzogen werden kann, was im Cockpit gesprochen wird. Mit den Flugschreibern kann normalerweise der Unfallhergang rekonstruiert werden. Doch auch diese Hilfsmittel steht den Ermittlern in der Ostukraine vorerst nicht zur Verfügung, denn es gibt widersprüchliche Angaben über deren Verbleib. Nachdem erst die Separatisten behaupteten, eine "Black Box" sichergestellt zu haben, sollen später ukrainische Hilfskräfte zwei Flugschreiber gefunden haben. Wo sich diese derzeit befinden, ist unklar - die Ermittler scheinen jedenfalls noch keinen Zugriff auf die Daten bekommen zu haben.

Abschüsse von Flugzeugen

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Doch auch ohne die Flugschreiber gibt es für die OSZE-Beobachter Möglichkeiten, die genaue Unglücksursache festzustellen. Neben dem etwa 25 Quadratkilometer großen Trümmerfeld liefern Augenzeugenberichte Hinweise auf die Absturzursache - beide weisen auf einen Abschuss hin. In den Trümmern suchen die Ermittler nach weiteren Indizien, die dafür sprechen, dass die Maschine von einer Rakete getroffen wurde - zum Beispiel Raketenteile oder Sprengstoffreste. Den Rest müssen die internationalen Geheimdienste erledigen. Diese können auf Daten von Satelliten, Drohnen und Awacs-Aufklärungsflugzeugen zugreifen, deren Auswertung ein genaues Bild liefern sollte, ob - und wenn ja, von wo - die Rakete abgeschossen wurde.

Sicherheitszone gefordert

Als sei die Aufgabe nicht schon anspruchsvoll genug, kommen für die OSZE-Beobachter einige Fakten erschwerend hinzu. Die Beobachter stehen selbst massiv unter Beobachtung, müssen nach Hinweisen suchen, während ihnen nicht nur bewaffnete Militärs, sondern die ganze Welt auf die Finger schaut. Zudem werden bald Angehörige und Hinterbliebene nahe des Absturzortes in Grabowo erwartet, was den Druck auf die Ermittler weiter erhöht.

Um den Aufklärern in diesem Spannungsfeld die Arbeit möglichst leicht zu machen, soll eine 20-Kilometer-Sicherheitszone um die Absturzstelle errichtet werden, zu der nur die an der Ermittlung und Bergung beteiligten Teams Zugang haben. Die von der ukrainischen Regierung gemeldete Einigung, dass die Zone tatsächlich errichtet worden sei, wurden aber weder von der OSZE noch von den Separatisten bestätigt. Bleibt zu hoffen, dass sie tatsächlich kommt, damit die Ermittler ihrem schwierigen Job nachgehen können - auch wenn dadurch wahrscheinlich ein schrecklicher Verdacht bestätigt wird.