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Missbrauchsskandale der katholischen Kirche:Der Unermüdliche

Seit zehn Jahren spricht er für Menschen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde: Matthias Katsch.

(Foto: Regina Schmeken)

Einst litt Matthias Katsch selbst unter den grausamen Patres. Seit 2010 setzt er sich für die Aufklärung ihrer Taten ein. Die Bewältigung der eigenen Vergangenheit bleibt schmerzvoll.

Das Münchner Café betritt er mit einem kaum sichtbaren Bluetooth-Headset im Ohr; Matthias Katsch muss viel telefonieren an diesen Tagen. Interviews stehen an, eine große Pressekonferenz in Berlin ist in Planung, sein Buch "Damit es aufhört" kommt auf den Markt. Katsch ist Profi. Er leitet Seminare, berät Unternehmen. Seine Auftritte sind konzentriert und fokussiert. Seine Freundlichkeit sitzt auf seinem Zorn wie der Korken auf der Sektflasche; wo andere explodieren, bleibt er ruhig.

Seit zehn Jahren spricht er jetzt für die Menschen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde. Zuerst für die Mitschüler am Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin, die im Januar 2010 öffentlich machten, dass zwei Patres in der katholischen Eliteschule über Jahre hinweg viele Schüler missbraucht hatten. Als Sprecher des "Eckigen Tisches" wurde er, als die Lawine aus immer neuen Fällen über die katholische Kirche hinwegfegte, zum bundesweit bekanntesten Vertreter der Betroffenen.

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Heute sitzt er im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung - ein Amt, das es ohne seine Arbeit vielleicht gar nicht gäbe. Und als sich vor einem Jahr die Bischöfe in Rom zum Kinderschutz-Krisengipfel bei Papst Franziskus trafen, da war er bei den Organisatoren des Gegengipfels der Betroffenen aus aller Welt, damit nicht aus dem Blick geriet, dass es um die gepeinigten Kinder von einst gehen sollte, nicht um die Befindlichkeit der Kirche.

In Rom, inmitten der furchtbaren Vergewaltigungsgeschichten aus Italien, Polen, den USA, Deutschland, da konnte man ahnen, welchen Kampf mit sich selbst diese Arbeit immer wieder bedeutet. Matthias Katsch war wie immer ruhig und bestens organisiert, doch seine Haut war rot und angestrengt.

"Ich wünsche mir manchmal, ich könnte das alles vergessen, im Sinne eines gesunden Vergessens."

Lange sind seine Erinnerungen in dichten Nebel gehüllt. Die Zeichen, dass da etwas nicht stimmt, verdrängt er: dass er in Tränen ausbricht, als er den Film "Sleepers" über vier gequälte und missbrauchte Jungs sieht, die als junge Männer ihren Peiniger töteten. Eine grundlos tiefe Traurigkeit liegt über seinem Leben, die phasenweise Arbeitsunfähigkeit, die Angst davor, sich zu verlieben: Je größer die Zuneigung, desto schlimmer der Verrat, das hat er gelernt.

Der Nebel lichtet sich, als er zufällig einen der Patres trifft, die ihm einst Gewalt antaten. Unter seinen Blicken erstarrt er und verwandelt sich wieder in einen hilflos linkischen Dreizehnjährigen. Katsch trifft diese Begegnung wie ein Schlag. Die verstaubte Kiste auf dem Dachboden seines Lebens steht plötzlich offen. "Und der Erwachsene, der ich geworden war, konnte nicht mehr leugnen, was er da sah", wird Katsch in seinem Buch schreiben.

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321 beschuldigte Kleriker wurden den Staatsanwaltschaften von den bayerischen Bistümern gemeldet. Anderthalb Jahre später zeigt sich: Anklage wurde in keinem einzigen Fall erhoben.

Dann kommt am 31. Oktober 2009 um 17.11 Uhr diese E-Mail, Absender: CK_77. "Das Canisius-Kolleg war auch eine Schule, in der viele von uns Jungs sexuell missbraucht wurden", steht da. Mit anderen Ehemaligen wendet Matthias Katsch sich an den Jesuitenpater Klaus Mertes, und der glaubt ihnen. Am 28. Januar 2010 bringt die Berliner Morgenpost die Geschichte an die Öffentlichkeit.

Für ihn persönlich habe sich viel verändert in diesen zehn Jahren, erzählt er im Café. Die Wahrheit hat ihn befreit, so sehr sie immer noch und immer wieder schmerzt; das hilflose Kind von einst tritt heute Bischöfen und Politikern auf Augenhöhe entgegen. Anderen Betroffenen aber geht es schlechter, bei vielen ist das Grundvertrauen in andere Menschen kaputt, Partnerschaften sind zerbrochen, berufliche Karrieren gescheitert; die Zahl der Suizidversuche und Suizide ist bei Missbrauchsbetroffenen hoch.

"Nur in der katholischen Kirche versucht man, mitschuldige Vorgesetzte zu schonen"

Auch deshalb sei es, sagt Katsch, "schier unerträglich, dass wir nach zehn Jahren immer noch darauf warten, dass die Aufarbeitung Hand und Fuß bekommt". Noch immer ist er nicht zufrieden mit der Erforschung des Aktenbestands in den Bistümern und Ordensgemeinschaften, erst recht nicht mit der bisherigen Geheimhaltungspolitik des Vatikans, der erst jetzt zugesagt hat, mit weltlichen Ermittlern zusammenarbeiten zu wollen.

Katsch fordert eine pauschale Entschädigung von 300 000 Euro pro Betroffenem, als Ausgleich für das, was die Täter im Leben zerstört haben. Er findet, dass Bischöfe zurücktreten müssten, wenn sie, fahrlässig oder vorsätzlich, bei der Vertuschung von Taten halfen: "Als Siemens wegen Korruptionsfällen mit dem Rücken zur Wand stand, da hat man angefangen, die Treppe von oben zu kehren," argumentiert er. "Die Verantwortlichen im Management mussten gehen. Nur in der katholischen Kirche versucht man, Vorgesetzte, die sich mitschuldig gemacht haben, zu schonen."

So geht er weiter, sein Kampf gegen die Gleichgültigkeit und das Grummeln in manchen Kirchenkreisen, dass es nun auch mal gut sei mit der Reue. "Ich wünsche mir manchmal, ich könnte das alles vergessen", sagt Katsch, "im Sinne eines gesunden Vergessens, weil alles geklärt wurde, alles aufgearbeitet, und dann kann die Wunde heilen." Doch so schnell wird es dieses gesunde Vergessen nicht geben.

© SZ vom 27.01.2020/het
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