Aufarbeitung von Konflikten in Kenia Angst vort der alten Heimat

Und zurück nach Eldoret, auf einen Neuanfang in der alten Heimat? Zakaria schnaubt, schüttelt den Kopf. "Wer garantiert uns denn, dass wir dort sicher sind?" Es ist ein dünner Frieden, der seit 2008 über Kenia liegt. Inmitten der Unruhen eilte der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan nach Kenia, um zu vermitteln; die beiden Rivalen bildeten schließlich gemeinsam eine Regierung, Kibaki als Präsident, Odinga als Premierminister. Inzwischen hat das Land eine neue Verfassung und mehrere staatliche Stellen, die für die Aufarbeitung des nationalen Traumas zuständig sind.

Doch sehr vieles ist längst nicht aufgearbeitet, wird verschleppt. Eine Kommission für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung hätte schon längst ihren Bericht über die Hintergründe der Gewaltwelle und ihre Anstifter vorlegen sollen - doch die Veröffentlichung wird auf Betreiben von Politikern immer wieder aufgeschoben. Die Chancen, dass der Bericht noch, wie geplant, vor der nächsten Wahl öffentlich wird, schwinden. Die Wahl ist für März 2013 angesetzt. "Wir haben Angst vor dem Termin", sagt Zakaria.

Menschenrechtsorganisation geißelt Versagen von Politik und Justiz

An der Wand hinter ihm hat er ein buntes Poster aufgehängt, es ist ein Wandkalender, gestaltet von einer örtlichen Druckerei: oben ein Foto des früheren Chefanklägers am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, Luis Ocampo, der 2008 zu ermitteln begann, nachdem die kenianische Justiz selbst nicht in Aktion trat; darunter die Gesichter der sechs anfangs Beschuldigten. Gegen vier von ihnen hat das Gericht inzwischen Anklage erhoben. "Schön und gut, dass Den Haag gegen die vier ermittelt", sagt Zakaria, "aber die haben doch nicht eigenhändig all unsere Häuser angezündet." Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geißelt das Versagen von Politik und Justiz bei der Ahndung der damaligen Verbrechen: "Polizeibeamte, die mindestens 405 Menschen getötet, mehr als 500 verletzt und Dutzende Frauen und Mädchen vergewaltigt haben, genießen absolute Straflosigkeit."

Unter diesen Rahmenbedingungen bereitet sich das Land auf die kommende Wahl vor, und zwei der Männer, die in Den Haag angeklagt sind, wollen selbst für die Präsidentschaft kandidieren: Uhuru Kenyatta, amtierender Vizepräsident und Sohn des Republikgründers Jomo Kenyatta, und William Ruto, ehemaliger Agrar- und Bildungsminister. Der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel, dessen Ressort verschiedene Projekte zur Aufarbeitung der Gewalt unterstützt, hat kürzlich bei einem Besuch in der Region gewarnt: "Wir glauben an die Unschuld, bis das Gegenteil bewiesen ist. Aber es könnte sich eine sehr schwierige Situation ergeben, wenn das Land einen Präsidenten wählt, der sich dann später in einem Prozess verantworten muss und schuldig gesprochen wird."

Ein Dorf namens Kiandege, wenige Minuten von Naivasha entfernt. Im staubigen Innenhof der katholischen Kirche hängt ein Banner mit dem Slogan: "Wir sind verschieden - mit Frieden werden wir eins." Eine Tanzgruppe tritt auf die Bühne, einige der Männer tragen Federn im Haar, andere knöchellange Röcke; es sind Angehörige verschiedener Ethnien, die ihre Tänze zu einer gemeinsamen Choreografie verschmelzen lassen, zum abschließenden Trommelwirbel skandieren alle gemeinsam: "Karibu!" - "Willkommen" auf Swahili, der gemeinsamen Landessprache.

Ziel ist eine gemeinsame Wahrheit

Am Rand sitzt eine Frau mit dunklem Anzug und glänzenden Locken und filmt die Szene mit ihrem iPad. "Solche Projekte sind sehr wichtig, um das Eis zu brechen, die Menschen ins Gespräch zu bringen", sagt sie, "aber sie sind eben nicht mehr als ein Anfang." Sie heißt Milly Lwanga, ist Juristin und eines von neun Mitgliedern der Nationalen Kommission für Kohäsion und Integration, die ethnische Diskriminierung ahnden und den "nationalen Zusammenhalt" fördern soll. "Die Kenianer müssen sich auf eine gemeinsame Wahrheit einigen", sagt sie. Eine Wahrheit, in der gemeinsam anerkannt wird, wer wen zu welchen Verbrechen angestachelt hat; eine Wahrheit, die nicht von gekauften oder verdrehten Erzählungen überschattet ist. "Ohne eine solche Basis wird es leicht möglich sein, die Menschen wieder gegeneinander aufzuhetzen."

Eine gemeinsame Wahrheit etablieren - ein ehrgeiziges Vorhaben, zumal angesichts des Zeitrahmens: Gerade mal ein halbes Jahr noch bis zur nächsten Wahl. Unterdessen ermittelt Milly Lwanga gegen sogenannte "Hassreden". Inzwischen gibt es sogar eine Hotline, unter der Bürger per SMS kostenfrei Hinweise an die Kommission übermitteln können, wenn Politiker oder deren Unterstützer gegen Angehörige anderer Ethnien hetzen. Gerade haben sie Anklage gegen drei prominente Musiker erhoben, die in ihrer Muttersprache Kikuyu Parolen gesungen hatten, die einige Zuhörer als verbrämte Anstachelung zum Hass interpretiert hatten. "Die Täter verwenden immer öfter verklausulierte Formulierungen", sagt Milly Lwanga, ihre Ermittlungen werden deshalb immer mehr zur Sisyphos-Aufgabe; für solche Fälle stellt die Kommission Experten-Teams zusammen, in denen Muttersprachler der jeweiligen Ethnie die Reden analysieren.

Man muss allerdings nicht erst allzu tief in die metaphorische Interpretation von Songtexten einsteigen, um zu erkennen, dass die Ängste vor einer neuen Gewaltwelle sich zu einer immer konkreteren Drohkulisse verfestigen. Seit Anfang des Jahres seien schon 200 Menschen aus politischen Gründen gestorben, erklärte kürzlich das kenianische Rote Kreuz. In den Straßen der Küstenstadt Mombasa kämpften diese Woche Demonstranten gegen die Polizei, nachdem am Montag Unbekannte einen islamischen Geistlichen erschossen.

Streit um Wasser und Land fordert erneut Opfer

Vergangene Woche starben 52 Menschen in Tana River, einem entlegenen Distrikt im Südosten des Landes, nachdem sich ein Streit zwischen zwei ethnischen Gruppen um Land und Wasser aufgeschaukelt hat. Auch dort ermittelt Milly Lwanga, inwieweit die Menschen gezielt aufgehetzt worden sind; oft steckt in derartigen Fällen etwa das Kalkül von Politikern, die ihre Mehrheit festigen wollen: Angehörige einer anderen Ethnie, die vertrieben werden, tragen sich nicht mehr im örtlichen Wählerregister ein.

Solange eine zentrale Frage nicht gelöst ist, sagt Milly Lwanga, werden sich rivalisierende Politiker immer wieder zu solch makabren Schachzügen ermutigt fühlen: die Situation der Vertriebenen wie Zakaria. "Die Regierung hat ihr Versprechen nicht ansatzweise eingelöst, diese Menschen an ihren Ursprungsorten wieder anzusiedeln und zu integrieren", sagt sie. "Die jetzige Lage vermittelt die klare Botschaft: Man kann in Kenia Menschen von ihrem Land vertreiben - und auf Dauer damit durchkommen."

Das sieht Zakaria ganz ähnlich: "Es heißt, wir sollen den Tätern vergeben, uns miteinander versöhnen. Schön und gut, aber wie sollen wir uns mit Leuten versöhnen, die uns in diese Lager hier vertrieben haben - während sie selbst weiterhin in ihren Häusern wohnen?"