bedeckt München

Angriff in Regionalzug bei Würzburg:"Ich will das Böse verstehen - das ist der einzige Ausweg aus der Hölle"

Nach Attentaten wie zuletzt in Würzburg und Nizza ringen Öffentlichkeit und Medien bei der Suche nach einer Erklärung dennoch mit der Frage: War der Täter womöglich radikaler Islamist? Warum klammern Sie diese Frage aus?

Weil die Religion für Attentäter nur eine marginale Rolle spielt. Viel entscheidender sind Frustration, Depression, Verzweiflung - erst dann kommt, wenn überhaupt, die Religion ins Spiel. Psychische Krankheit kann jeden treffen. Es geht mir nicht darum, Kranken einen Stempel aufzudrücken. Was mich interessiert, ist, wenn Menschen leiden - und wenn sie Leiden verursachen. Diesen Menschen müssen wir helfen, um solche Verbrechen zu verhindern. Daher widme ich mich den Kranken, versuche mich in ihr Leiden hineinzuwühlen, um es zu begreifen. Ich will das Böse verstehen - das ist der einzige Ausweg aus der Hölle.

Worin sehen Sie die Ursache dieses Leidens, das manche Menschen dazu bringt, mit Äxten auf andere loszugehen oder sich selbst auf einem Marktplatz in Bagdad in die Luft zu sprengen?

Ein Grund, den man aus dem Testament von Mohammed Atta, einem der Attentäter auf das World Trade Center 2001, herauslesen kann, ist das Gefühl, ein Verlierer zu sein.

Aber Atta gehörte zur Mittelschicht in Ägypten, er war kein Außenseiter der Gesellschaft.

Dennoch empfand er tiefe Demütigung und Isolation. In unserer Welt regiert der Neo-Liberalismus, jeder steht mit jedem in Konkurrenz. Sie mit Ihren Kollegen, wir im Westen mit den Menschen im Osten. Dieser ständige Druck kann psychische Krankheiten auslösen. Man muss den Tätern kein Verständnis entgegenbringen, aber man muss einsehen: Das sind Monster, die wir mitgeschaffen haben.

Inwiefern?

Schuld daran ist auch das Internet. Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht mehr miteinander verbunden sind, sondern wo jeder Einzelne mit dem Internet verbunden ist. So vereinsamen wir. Kommunikation ist nichts Verbindendes mehr, sie findet heute weitgehend ohne jeglichen physischen Kontakt statt.

Aber das war doch bereits zu Zeiten des Telefons so.

Ja, aber es ist eine Frage der Quantität. Am Telefon verbrachte man nicht Stunde um Stunde in der Illusion, mit irgendwem verbunden zu sein. Man telefonierte kurz, dann traf man sich. Breivik dagegen, das wissen wir heute, saß bisweilen 16 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm. Die daraus entstehende Entfremdung kann zu psychischen Störungen führen.

Ihre Diagnose betrifft fast alle Menschen weltweit, wir alle leben im digitalen Zeitalter. Wie könnte man Ihrer Meinung nach das Leiden verhindern, das diese Menschen empfinden und auch das, das sie anderen zufügen?

Indem wir unseren Mitmenschen Aufmerksamkeit schenken. Wir sind überhaupt nicht mehr in der Lage, uns jemandem aufmerksam zu widmen, nicht einmal mehr uns selbst. Wir müssten den Menschen, die aus Syrien und Afghanistan zu uns nach Deutschland oder nach Italien kommen wollen, mit Aufmerksamkeit begegnen - und damit meine ich nicht, indem die Medien über sie berichten, sondern wir alle im täglichen Leben. Wir haben die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen verlernt, weil wir uns nur noch als Konkurrenten im Kampf ums Überleben sehen.

© SZ.de/jly

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite