Angriff in Regionalzug bei Würzburg "Die Unterscheidung zwischen Amok und Terror spielt keine Rolle mehr"

Die These des Philosophen Franco "Bifo" Berardi: Die Täter sind Verlierer unseres Systems.

(Foto: Lauri Hannus)

Der Philosoph Franco Berardi sieht Terroristen als Menschen, die selbst leiden und durch dieses Leiden zu Verbrechern werden. Er spricht von einer "islamistischen Verzweiflung".

Von Karin Janker

Der Bundesinnenminister nennt das Attentat in einem Zug bei Würzburg einen Fall "im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror". Auch beim Täter von Nizza ist nicht klar, ob es sich um einen vom IS beauftragten Terroristen handelte oder um einen Einzeltäter, der nicht religiös-ideologisch motiviert war. Wo verläuft die Grenze zwischen Terrorangriff und Amoklauf? Der italienische Philosoph Franco "Bifo" Berardi beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch "Helden. Über Massenmord und Suizid" unter anderem mit dieser Frage.

SZ: Herr Berardi, Sie bezeichnen Selbstmordattentäter und Amokläufer im Titel Ihres Buchs als "Helden". Ist das nicht eine Zumutung für Opfer und Angehörige?

Franco Berardi: Ich verwende die Bezeichnung "Held" nicht in ihrer wörtlichen Bedeutung, sondern in einer paradoxen Verkehrung: Die jungen Männer, die Terrorakte, school shootings oder andere Formen des sogenannten erweiterten Suizids begehen, glauben, dass sie durch ihre Taten zu Helden werden. Sie fühlten sich zuvor als Verlierer und glauben, nun endlich ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Das Besondere an Ihrer Studie zu Massenmord und Suizid ist, dass Sie die Manifeste und Abschiedsbriefe, die Täter wie Breivik oder die beiden Columbine-Schützen hinterlassen haben, tatsächlich gelesen haben. Ihre Arbeit zeugt von einem so intensiven Interesse an den Mördern, dass es bisweilen befremdet.

Dieses Befremden empfand ich auch mir selbst gegenüber. Nach dem Amoklauf in Aurora 2012, wo ein junger Mann sich als "Joker" verkleidete und auf die Zuschauer einer Batman-Premiere schoss, war ich von einer geradezu perversen Faszination erfüllt. Wie getrieben las ich plötzlich alles über dieses und ähnliche Verbrechen. Damals entschied ich mich, dieses Buch zu schreiben.

Zur Person

Der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco "Bifo" Berardi, geboren 1949 in Bologna, publizierte Bücher und Essays zu Themen wie der Sprache des Neoliberalismus ("Der Aufstand. Über Poesie und Finanzwirtschaft"). Zuletzt erschien bei Matthes & Seitz sein Buch "Helden. Über Massenmord und Suizid", in dem er der Frage nachgeht, was Massenmörder über den Zustand unserer Gesellschaft aussagen.

Sie betrachten in "Helden" Terrorangriffe und Amokläufe, führen beide auf eine psychische Störung des Täters zurück. Aber gibt es nicht einen wesentlichen Unterschied zwischen islamistischem Terror und einem school shooting: nämlich die ideologische Motivation von Terroristen?

Die Unterscheidung zwischen Amok und Terror spielt keine Rolle mehr, sie ist historisch überholt. Wir haben es beim islamistischen Terror nicht mehr mit einem bewussten politischen Akt zu tun wie noch zu Zeiten des RAF-Terrorismus. Hinter den Taten in Nizza und Würzburg ist keine politische Strategie erkennbar. Viel wichtiger ist es daher, die psychopathologische Seite dieser Verbrechen zu untersuchen. Hier sehe ich große Gemeinsamkeiten zwischen Amokschützen und Terroristen.

Nämlich welche?

Sie wollen einen Moment lang die Sieger sein. Diese Täter sind keine Serienmörder, die sich sadistisch für das Leid ihrer Opfer begeistern. Es sind Menschen, die selbst leiden und aufgrund dieses Leidens zu Verbrechern werden. Ich spreche deshalb von einer "islamistischen Verzweiflung", die die Menschen befallen hat, die zu Terroristen werden. Das hat weniger mit Religion zu tun als mit den Folgen des globalen Kapitalismus.